Selbstoptimierungswahn: Müssen unsere Hobbys unbedingt nützlich sein?

Es gibt Hobbys, die zu einer Influencer-Karriere taugen oder bei der Jobsuche hilfreich sein können. Oder aber man macht wie unsere Autorin Andrea einfach, was einem taugt!

Müssen Hobbys unbedingt nützlich sein?

Beim Ausmisten ist mir kürzlich ein altes Freundschaftsbuch untergekommen. Name, Geburtsdatum, Lieblingsfach, Traumberuf - das Übliche halt. Ich, damals neun Jahre alt, habe auf die Frage nach den Lieblingshobbys geantwortet: Lesen, Musik hören, Freundinnen treffen. Offensichtlich habe ich mich in den letzten Jahrzehnten kaum weiterentwickelt. Weil: Ich finde die Liste immer noch top und absolut zutreffend. Wobei - ob "Freundinnen treffen" und "Musik hören" wirklich als Hobbys durchgehen? Die meisten HR-Profis jedenfalls würde der Schlag treffen.

Wer hat denn noch Zeit für Hobbys?

Meine Freundin K. findet ja, Hobbys sind sowieso nur was für Kinder: "Wer als Erwachsener Zeit findet, stundenlang seinen Hobbys zu frönen, ist entweder in Pension, egoistisch oder zumindest voll hedonistisch unterwegs." Jetzt stehe ich dem Hedonismus an sich nicht feindselig gegenüber. Man kann es eh nicht allen recht machen, da ist es eigentlich nur gescheit, sich wenigstens selbst glücklich zu machen.

Als einen der großen Vorteile am Älterwerden nannte die deutsche Autorin Sophie Passmann auf Instagram kürzlich "Hobbys von Menschen, die ich date, nicht sofort auch zu meinen Hobbys zu machen". Kluger Gedanke, dem ich einiges abgewinnen kann -spätestens seit C., ehemals Bücherratte, Yogi und Serienjunkie, dem Schießund Laufsport erlegen ist und als Krönung regelmäßig in die Kirche geht. Schuld daran ist S. Innerhalb weniger Wochen sind seine Hobbys (Beten, Schießen, Laufen) nämlich zu ihren geworden. Dass sie zueinandergefunden haben, wo sie doch so viel Gemeinsamkeiten haben, kann in seinen Augen nur göttliches Schicksal sein. Amen! Jedenfalls bleibt für das, was ihr früher Freude gemacht hat, gerade keine Zeit. Aber geht es bei einem Hobby nicht gerade darum, etwas nur für sich selbst zu tun? Oder gibt es Menschen, die keine eigenen Hobbys brauchen?

Ich frage bei der Psychologin Natalia Ölsböck (oelsboeck.at) nach. "Ob jeder ein Hobby braucht? Schwierige Frage! Ich denke jedenfalls, dass es allen sehr gut tut, etwas zu finden, das wirklich den eigenen Eignungen entspricht. Das beste Hobby ist intrinsisch motiviert, das heißt, das Interesse kommt von innen, aus eigenem Antrieb heraus, und ist nicht darauf ausgerichtet, einen Nutzen zu erzielen." Außer vielleicht, es geht um den Job.

Gut auf dem Papier

"Ich habe in meiner Berufslaufbahn bisher sicher 40.000 Lebensläufe gesehen und rate dringend davon ab, Belangloses wie Kochen, Wandern, Lesen in einen Lebenslauf zu schreiben. Das hat dort nichts zu suchen", erzählt Profilerin für High Performance und Jobcoach Eva Lindquist (evalindquist.com). Anders sei das etwa bei besonders außergewöhnlichen Talenten: "Also wenn Sie beispielsweise Sport auf professionellem Niveau betrieben haben, kann das für zukünftige Dienstgeber durchaus von Interesse sein", so Lindquist. "Man könnte von Ihrem Hobby auf eine zielorientierte, umsetzungsstarke Persönlichkeit schließen, die Erfolge feiern kann."

Für manche Positionen sind bestimmte Hobbys sogar unabdingbar: Einen Marketingjob für Jagdausrüstung wird man ohne echtes Interesse an der Jagd schwerlich bekommen. Ob Menschen ihre Jobs wegen oder trotz Angaben wie "Märchen schreiben","Hundekekse backen" oder "Auto waschen" bekommen haben, bleibt ungeklärt. "Man kann nie wissen, wonach am Ende selektiert wird. Prinzipiell haben sich die Bewerbungsverfahren aber auch hierzulande insofern verändert, als persönliche Daten, die nichts über die beruflichen Qualifikationen aussagen, bedeutungslos geworden sind", so die Expertin. "Welch Glück!", denke ich in Hinblick auf die berufliche Zukunft meiner Söhne mit derzeit bedeutenden Hobbys wie Handy, Playstation, Tischtennis.

Raus aus Alltag und Angeberei

Die Hauptaufgaben eines Hobbys könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Spaß bereiten, Energie spenden, vom Alltag ablenken. "Ein Hobby kann sinnerfüllend sein, vor allem, wenn man etwas Gestalterisches macht", meint Ölsböck. Wie wichtig solche Hobbys sein können, zeigt sich auch in lebensverändernden Situationen: Nach einer Trennung oder in der Pension können Hobbys Halt geben; auch in der Pandemie haben viele angefangen, sich neuen Quarantänehobbys zuzuwenden. Ich sage nur: Brot backen. Unzählige Menschen in meinem Umfeld haben liebevoll einen Sauerteig aufgezogen und ihrem Backwerknachwuchs Namen wie "Julia, die Unkomplizierte" und "Ferdinand, der Kapriziöse" gegeben und die Endprodukte dann mit Hingabe verzehrt. Ob es wirklich notwendig ist, dabei jeden Entwicklungsschritt zu dokumentieren und auf Social Media als millionster Foodblogger durchzustarten, ist eine andere Frage.

Womit wir doch wieder bei der Verwertbarkeit wären. Wenn das Hobby schon nicht zur Selbstoptimierung taugt, dann sollte es doch wenigstens was zum Herzeigen sein, nicht?"Man darf das nicht nur negativ sehen", meint Ölsböck. "Wenn ich zum Beispiel auf Social Media zur Schau stelle, was ich gemacht habe, und den Leuten gefällt das, dann bekomme ich über die Likes eine Wertschätzung - das kann doch sehr erfüllend sein. Problematisch könnte es werden, wenn es nur mehr um eine Selbstdarstellung geht, in Stress ausartet und ich ganz viel Ehrgeiz und Zeit darauf verwende, um eine verbesserte Version meiner selbst zu zeigen."

Prinzipiell sollte man wohl Dinge nicht nur deshalb tun, um anderen zu gefallen -gerade wenn es um die Freizeit geht. Was keinesfalls bedeutet, nicht offen für Neues zu sein: "Etwas auszuprobieren, seinen Horizont zu erweitern, macht immer Sinn, aber man sollte am Ende schon immer für sich entscheiden dürfen, was einem gut tut, und das zu seinem Hobby machen", so Ölsböck. Lesen, Musik hören, Freundinnen treffen - ich bleib fürs Erste bei meinen Kindheitshobbys. Ich weiß schon: Voll fad und nicht verwertbar - aber mich macht's glücklich!

 

Aktuell