Selbstliebe: Hallo ich, ich liebe dich!

Kann man lernen, sich selbst zu lieben? Unsere Kollegin macht ein Experiment und schreibt eine Woche lang Liebesbriefe an ihre eigene Person.

Liebesbriefe an mich

Eigentlich sollte ich einen Liebesbrief an mich selbst ­schreiben. Statt­dessen habe ich jetzt Wäsche gemacht, mit einem Buzzfeed-Persönlichkeitstest herausgefunden, ob ich mich selbst genug liebe (laut Buzzfeed ist Luft nach oben!), und meinen Couchtisch auf Willhabengestellt. Ja, ich prokrastiniere. Sechs Dokumente mit inspirierenden Titeln à la "Tag1.docx" liegen bereits in dem Ordner "Liebesbriefe an mich", und eigentlich sollte sich heute noch "Tag7.docx" dazugesellen.

Eine Woche lang habe ich jeden Tag einen Liebesbrief an mich geschrieben. Und ich kann sagen: Das ist gar nicht so einfach! An Tag eins spreche ich mich in der zweiten Person an, in dem Versuch, Distanz zu mir selbst aufzubauen. Das gebe ich aber schnell wieder auf, weil es sich so schizophren anfühlt.

Tag zwei möchte ich dann so angehen, wie ich normaler­weise Liebesbriefe schreibe. Ich notiere, was ich an mir selbst mag: meinen Sinn für Humor, meinen Mut, meine Effizienz, meine Einfühlsamkeit – und merke dabei, wie eine kleine Stimme in meinem Kopf (die sich stark wie meine Mutter anhört) fragt: "Ach, werden wir jetzt eingebildet, oder was?" Also ­lösche ich die paar Sätze wieder und verbleibe mir selbst gegenüber mit freundlichen Grüßen.

Tolle Momente mit mir

Bevor ich Tag drei angehen kann, muss ich klären, wieso es mir so schwerfällt, mich zu loben. Die Menschen, denen ich normalerweise solche Briefe schreibe, sind FreundInnen, meine Familie und mein Freund. Niemand von ihnen ist perfekt – trotzdem fällt es mir leicht, über ihre Fehler hinwegzusehen und ihnen die großartigen Eigenschaften zu sagen, die ich in ihnen sehe. Wie mache ich das?

Ich versuche, das analytisch herunterzubrechen – Recherchematerial muss her. Ich marschiere ins Schlafzimmer und lese mich durch die Liebesbriefe von mir, die mein Freund in einer Schreibtischschublade aufbewahrt. Häufig beschreibe ich Situationen, in denen ich mich besonders wohlgefühlt habe, mir meiner Liebe ihm gegenüber besonders bewusst war oder viel Spaß hatte.

Ich spreche über Momente, die nur so großartig waren, weil er da war. Mit diesem Ansatz mache ich mich an meinen Brief für Tag drei. Es läuft besser. Die einzige Schwierigkeit ist, dass ich halt immer da bin. Ich kann mir selbst nicht entkommen. Deshalb schätze ich auch keinen Augenblick mit mir selbst besonders.

Gegendarstellung

Nachdem ich ein altes Tagebuch aus meiner Jugend finde, wird Tag vier ­quasi eine Gegendarstellung alter Einträge. Denn ich war damals ziemlich hart zu mir. "Warum bist du so seltsam? Warum kannst du nicht einfach so sein wie alle anderen?", schrieb ich mit 14 an mich. Liebesbrief ist das ganz bestimmt keiner.

Ich nehme diesen Satz, drehe ihn um und mache daraus eine positive Botschaft. Es ist erstaunlich: Anderen Menschen verzeihe ich schnell, nur mit mir selbst gehe ich wirklich hart ins Gericht. Damals wie heute. Ich schätze mich zu wenig. Meine Beziehung zu mir ist eigentlich ganz schön toxisch. Das ändern auch die Selfcare-Tage mit Gesichtsmaske und Schaumbad nicht. Wenn es darauf ankommt, erlaube ich mir keine Fehler, erwarte zu viel, sehe keine Schönheit in meiner Imperfektion. Spannend, was dieses doofe Experiment alles ans Licht bringt. So viel Selbstreflexion hatte ich eigentlich gar nicht vor.

Gute Mischung

Für die Tage fünf und sechs mixe ich alle meine Erkenntnisse zu einer großen Schüssel Selbstliebe; bildlich und stark überzeichnet gesprochen natürlich. Ich nehme mein altes Tagebuch als Inspiration und gehe weg von der Idee, einen Liebesbrief schreiben zu müssen.

Stattdessen erzähle ich von meinem Tag und davon, wie ich Situationen und Probleme gelöst habe. Beim Schreiben merke ich, dass einiges davon ganz schön cool, witzig oder mutig von mir war. Das spreche ich dann auch aus.

Es fühlt sich aufrichtiger an, mich zu loben, als der Versuch von Tag zwei. Vielleicht sollte ich eine kleine Menge der Geduld, Toleranz und Zuneigung, die ich für andere Menschen habe, auch für mich verwenden. Mit diesen Erkenntnissen im Blick bin ich jetzt bereit, den Ordner um "Tag7.docx" zu ergänzen.

 

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