Selbstfürsorge statt Burnout

Dr. Regina Hochmair leitet das Burnout-Programm des Präventionszentrums Kurhotel Bad Pirawarth. Im Interview mit typischich.at erklärt sie, wie man erste Anzeichen erkennt, betroffenen Freunden und Kollegen helfen und gegen Burnout vorbeugen kann.

Jeder 4. Österreicher ist bereits Burnout gefährdet. Bemerken Sie in Ihrer täglichen Berufspraxis einen Anstieg der Betroffenen bzw. jener, die präventiv etwas für ihr Stressmanagement tun möchten?
Wir verzeichnen einerseits einen Zuwachs an Patienten die wegen Burnout Hilfe suchen, zudem haben die Krankenversicherungen auf die rapide Zunahme der psychiatrischen Diagnosen auf etwa 40 Prozent reagiert. Stationäre Aufenthalte werden jetzt auch vermehrt von den Krankenversicherungen bezahlt.

Andererseits bemerken wir auch einen Trend bei der Burnout Prävention: die offensichtliche Steigerung von Erkrankungsfällen hat zu einer Sensibilisierung gegenüber dem Symptomen. Dies hat dazu geführt, dass erste Anzeichen rascher erkannt werden. Die wissenschaftlich erforschten Ursachen für Burnout (Arbeitsumfang, Kontrolle, Belohnung, Gemeinschaft, Fairness, Werte nach C. Maslach) werden im Arbeitsumfeld offener behandelt und von den Führungskräften vermehrt thematisiert.

Als Konsequenz mehrt sich auch der Wunsch nach Schulungen und Seminaren zur Work-Life-Balance in Organisationen, Angebote die sich unterstützend auf die innere Balance auswirken wie Yoga, Tai Chi, Autogenes Training, finden sich in fast jedem Fitnessclub.

Dr. Regina Hochmair

Sie bieten präventiv oder bei bestehenden Problemen die Pirafit-Kraftkur/-Atempause bzw. die Pirafit-Auszeitkur an. Welche Inhalte umfassen diese Kuren und was unterscheidet sie von anderen Angeboten?
Die Pirafit Kraftkur stellt die aktive Variante mit sportlichem Schwerpunkt, dem Thema Ernährung: Bewusst Essen und Genießen, sowie Kreativität, Stressmanagement und Entspannung dar. Die Auszeitkur ist die passive Variante mit Ölschwerpunkt (Ayurveda) oder Wasserschwerpunkt (WATSU und Öldispersionsbäder nach Junge). Die Atempause ist eine zeitlich noch kürzere Variante von vier Tagen.

Allen gemeinsam ist das Thema Stressmanagement, das Erlernen von Entspannungstechniken. Das Kernstück der Therapie ist aber die Körperverhaltenstherapie ein körperorientierter Zugang im Rahmen der Psychotherapie, der ausschließlich in unserem Haus im Einzel-und Gruppensetting angewendet wird.

Wie es nach einer Kur weiter geht und wie die Rückkehr in den Beruf gelingt, lesen Sie auf Seite 2.

Dr. Regina Hochmair ist Fachärztin für Allgemeinmedizin (D), Psy. Medizin, Leiterin des Burnout-Programms des Präventionszentrums Kurhotel Bad Pirawarth und Obfrau des Wilhelm Reich-Institutes.

Die Kuren dauern jeweils eine Woche - wie geht es danach mit den Betroffenen weiter?
So individuell die Ursachen von Burnout zu sehen sind und ihre Bedeutung bei jedem Einzelnen anders gelagert sein können, so persönlich würde ich auch mit Empfehlungen umgehen, damit diese auch wirklich effizient werden können.

Wir bieten Rückrufgespräche an, die einen Erinnerungseffekt haben für all das was jeder Einzelne sich vorgenommen hat. Was ist gelungen, was fehlt noch. Es wird auf die Empfehlungen (z.B. weitere notwendige medizinische Abklärungen, Etablierung von Bewegung und gesunder Ernährung im Alltag, Psychotherapie) eingegangen und wenn nötig nochmals bekräftigt.

Die Rückkehr in den Beruf fällt nach einem Burnout oft nicht leicht. Worauf sollten Betroffene achten und wie können Kollegen/Vorgesetzte den Wiedereinstieg erleichtern?
Diese erste Woche dient vor allem dazu die Bewusstheit zu schulen: „Wo stehe ich gerade jetzt in meinem Leben?" Das Erkennen der eigenen Situation, das Sichtbarwerden des IST Zustandes - und das ist bei Burnout besonders schwierig - als auch das „vor Augen führen" von persönlichen Mustern die zur Entstehung von Burnout beitragen, ermöglicht den Prozess der Umkehr aus der Überforderung zur passenden Herausforderung.


Nach dieser Initialisierung sind im Anschluss im unmittelbaren Arbeitsumfeld als auch im privaten Umfeld Korrekturen fällig. Zur Umsetzung benötigt es Unterstützung. Zum Beispiel kann das stufenweise Wiederaufnehmen der Tätigkeiten hilfreich sein. Eine begleitende ambulante Psychotherapie oder Coaching kann die Nachhaltigkeit der positiven Selbsterfahrung begünstigen. Dazu haben wir auch ein weit verzweigtes Kooperationsnetzwerk aus ÄrztInnen, PsychologInnen, Psychotherapeut Innen, SportwissenschafterInnen, DiätologInnen, ...


Kann jeder die Pirafit-Kraftkur/-Atempause in Anspruch nehmen, der vorbeugend etwas gegen zunehmenden Stress unternehmen möchte?
Selbstverständlich kann jeder, der vorbeugend etwas gegen Überlastung und den daraus resultierenden Stress und seine negativen Folgen tun möchte, unser Angebot nutzen. Hier kommen eine erprobte und bewährte Kombination aus körperorientierter Form der Psychotherapie, Sport, Diätologie, verschiedene Entspannungsformen und Kunsttherapie zum Einsatz. In speziellen Lebenssituationen, wie zum Beispiel lang anhaltendem Stress (hier neigen Menschen ja sehr oft zu schlechten Angewohnheiten wie hastigem Essen, vermehrter Griff zu Süssigkeiten, Fast Food ..) ist die sinnvolle Zufuhr von gesunden Nahrungsmitteln besonders wichtig um entstandene Defizite auszugleichen und Folgeerkrankungen zu vermeiden.


Und nicht zuletzt wirkt sich die wunderbare sanfte Hügellandschaft des Weinviertels mit ihrer Weite, ihren abwechslungsreichen Farben und den vielen Möglichkeiten für stille Spaziergänge positiv auf unsere Gäste aus.

Was Sie gegen Stress im Arbeitsalltag tun und wie Sie betroffenen Kollegen helfen können, lesen Sie auf Seite 3.

Wie erkennt man rechtzeitig, dass man eine Pause vom (Arbeits-)Alltag benötigt und neue Energie tanken sollte?
Wenn der Schlaf über längere Zeit nicht mehr erholsam erlebt wird, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration abnehmen, die Gereiztheit zunimmt, dann ist höchste Zeit für eine Pause.

Haben Sie Tipps, wie man im Arbeitsalltag Stress und übermäßiger Belastung vorbeugen kann?
Das Überdenken des Tagesarbeitspensums kann eine wertvolle Hilfestellung geben; denken wir nur an die engagierten weiblichen MitarbeiterInnen die nahezu naht los nach der Arbeit im Betrieb zur Kinderbetreuung und zum Versorgen des Familien Haushaltes übergehen. Hier sind klar definierte Pausen, auch wenn sie nur kurz sind sehr förderlich. Überhaupt hat die „Selbstfürsorge" eine Schlüsselfunktion; allerdings haben nicht viele von uns diese Fähigkeit erlernt, vielmehr galt die Maxime: Immer noch mehr, immer besser und bitte perfekt.

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Wie kann man Freunden oder Kollegen helfen, die erste Symptome eines Burnouts zeigen?
Von Burnout betroffene Freunde oder Kollegen zu unterstützen ist nicht ganz leicht. Zumeist erhält man zurückweisende Antworten auf die Aufforderung doch mal „leiser zu treten", einen Urlaub zum Ausspannen zu nehmen. Schnell werden solche Angebote als Verdächtigung mangelnder Leistungsbereitschaft, sogar als Schuldzuweisung verstanden.


Je nachdem in welchem Stadium der Abwärtsspirale „Burnout" die Freunde oder Kollegen sind, werden auch die ersten Schritte sein. Ein einfühlsames Gespräch unter vier Augen, in dem ich meine Beobachtung der Situation von außen dem Betroffenen anbiete, kann ein guter Einstieg sein. Offenheit und Transparenz bei gleichzeitiger Wahrung der Privatsphäre in Organisationen sind wichtig. Nichts ist schlimmer als ein Getuschel hinter dem Rücken.


In fortgeschrittenen Stadien des Burnouts kann es notwendig werden für den Erkrankten aktiv zu sein; Termine bei Ärzten und Therapeuten zu vereinbaren und nötigenfalls auch den Kollegen/ Freund beim Weg dorthin zu begleiten.

 

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