Sekten: Wenn Glaube gefährlich wird

Ulrike Schiesser ist Psychologin und arbeitet bei der Bundesstelle für Sektenfragen. Mit ihr reden wir über gefährliche Heilsversprechen und Esoterik-Fallen, die zunehmend auch im Psychologie-Deckmantel daherkommen.

Sekten

Sie haben bei der Begrüßung gesagt, Sie arbeiten in der "Kloake der Spiritualität". Ist es so übel?

Ulrike Schiesser: Ich würde sagen, die Spiritualität hat viele positive Aspekte, aber es gibt auch die negativen – und das ist halt unser Tätigkeitsbereich. Wir haben weniger mit den Fällen zu tun, wo jemand Kraft daraus schöpft und Gemeinschaft findet, sondern mit jenen, wo die Gemeinschaft zu einem Korsett wird und man in die Fänge von Narzisst*innen gerät, die Spielchen treiben. Damit haben wir immer die dunkle Seite der Spiritualität.

Bei Sekten denkt man an Menschen mit komischen Gewändern und rasierten Schädeln. Wie sieht die Wirklichkeit aus, mit der Sie sich beschäftigen?

Dieses Bild von Sekten aus den 1980er-Jahren stimmt nicht mehr. Der größte Teil der Anfragen kommt bei uns aus dem Esoterikbereich. Die Gemeinschaften sind oft ganz kleine Gruppen – zehn, 15 Personen, die sich um eine Schamanin, einen Energetiker oder eine Heilerin bewegen, wo es dann rundherum vielleicht noch eine größere Gruppe gibt, die ab und zu Kurse besucht. Wir gehen nicht hinaus und suchen diese Gruppen, sondern bei uns ruft jemand an, wenn er den Eindruck hat, da sei irgendetwas sektenartig, da werde jemand manipuliert.

Woran erkennt man, dass etwas sektenartig ist?

Ich habe fünf Kriterien, auf die ich schaue. Erstens: Es gibt eine Leitungsperson, die die absolute Wahrheit vorgibt, die sagt, was richtig und falsch ist. Sie will ihre Autorität oft aus einer höheren Instanz beziehen. Dann gibt es ein Weltbild, das stark in Schwarz und Weiß einteilt; wo mit Feindbildern gearbeitet wird. Es gibt eine Abgrenzung der Gruppe nach außen – Beziehungen nur innerhalb der Gemeinschaft! Als viertes, ganz wichtiges Kriterium: Wie geht die Gemeinschaft damit um, wenn die Lehre kritisiert wird? Und: Wie stark beeinflusst sie alle Lebensbereiche – Kleidung, Sexualität, Ernährung? Je mehr von dieser Gemeinschaft dominiert wird, desto mehr ist das System sektenartig.

Sie beobachten auch fragwürdige Anbieter, die aus dem Bereich Psychologie oder Persönlichkeitsentwicklung kommen oder sich daran anlehnen …

Das ist leider so eine Entwicklung, wo Menschen, die überhaupt keine psychosoziale Ausbildung haben, sehr stark hineingehen in Bereiche wie Traumatherapie und Ähnliches – was schon eine sehr spezialisierte Form der Psychotherapie ist und wo man wahnsinnig viel verschlimmern kann. Es ist leicht, Menschen in starke Emotionen zu versetzen, aber das Schwierige ist, dass sie denen etwas mitgeben, das ihnen hilft, das zu verarbeiten. Aufreißen von Wunden ist einfach; das Schwierige ist, ­einen guten Heilungsprozess einzuleiten.

Ein wichtiges Kriterium ist: Wie geht die Gemeinschaft damit um, wenn die Lehre kritisiert wird?

von Ulrike Schiesser

Aber auf den ersten Blick klingt es oft seriös. Mit welchen Strategien wird da gearbeitet?

Auffällig ist, dass sie sehr stark eine psychologische Sprache verwenden – "Urvertrauen", "Bindung" –, sie aber mit ganz unwissenschaftlichen Konzepten verweben, etwa dass all Ihre Probleme von Ihrer Geburt herrühren und Sie ein Rebirthing machen müssen. Oder es kommt Quantenphysik ins Spiel, etwa Quanten­heilung. Holm Hümmler hat ein Buch geschrieben, das heißt Relativer Quantenquark. Er ist Quantenphysiker und beschreibt, warum es Unsinn ist, dass die Esoterik Quantenphysik als Beweis für das Übersinnliche hernimmt.

Was kann ich als Angehöriger in einer "Sekten-Situation" tun?

Ich würde versuchen, möglichst neutral und freundlich nachzufragen. Oft reagiert das Umfeld sofort sehr negativ, kritisch und belehrend – damit stärkt es aber eher die Bindung zu der Gruppierung. Besser wäre es etwa, zu einer Veranstaltung mitzugehen und zu sagen: "Das und das habe ich interessant gefunden und das hat mir nicht getaugt. Wie geht’s dir damit?" Oder auch fragen: "Was hat sich dadurch konkret in deinem Leben verbessert?"

Wie gehen die Fälle aus, an denen Sie arbeiten?

Es ist nicht unsere Aufgabe, irgendwen wo rauszuholen. Das wäre arrogant und in Wirklichkeit nicht erreichbar. Uns geht es darum, das Umfeld so zu coachen, dass es den Riss zumindest nicht verstärkt. Wie können Sie trotzdem mit Ihrer Schwester in einem guten Kontakt bleiben, auch wenn sie sagt, sie sei jetzt eine Hexe und lasse sich zur Schamanin ausbilden? Solche Begriffe lösen viel an Ängsten aus, wo man dann gar nicht mehr genau hinschaut. Ich würde mal nachfragen: Was meint sie denn damit, Hexe zu sein? Ist das die Sehnsucht nach mehr Kontakt zur Natur? Oder nach einer Lebensweise, wo man achtsamer miteinander umgeht?

 

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