Secret Sadomaso

Black Vanilla. Ist echtes Vanille- Eis nur weiß? Nein, es hat kleine schwarze Pünktchen drin. Von der Vanilleschote. Ähnlich verhält es sich mit ganz normalem Sex – da verstecken sich nämlich Elemente, die üblicherweise der SM-Szene zugeschrieben werden. Diese Pünktchen einmal genauer anzuschauen, kann sich lohnen.

Es gibt Dinge, die erzählt man auch der besten Freundin eher ungern. So was wie: "Gestern Nacht, als ich da so unter Hannes lag, hab' ich mir übrigens vorgestellt, eine willenlose, gefesselte Sklavin zu sein." Oder: "Übrigens, Susi, ich steh' manchmal drauf, ihn ein bisschen zu quälen. Reizen und nicht reinlassen, geil ..." Ja, und schon gar nicht so was wie: "Ich find's scharf, wenn er beim Sex ein bissl grob wird. Ein bissl sehr grob."

Politisch Inkorrekt?

Ziemlich. Übertrieben? Nein. Man surfe sich einmal durchs Internet und lese nach. Dort gibt es nämlich ausreichend Anonymität für die dunklen Seiten der Liebe. Für Geständnisse über die schwarzen Pünktchen, die jemand gerade in seinem sexuellen Selbstbild gefunden hat. Vanilla ist übrigens ein Ausdruck aus der SM-Szene und meint jene Menschen, die "normal" verkehren, also ohne sadomasochistische Spiele. Doch wie Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer sagt: "Die Grenzen sind fließend." Das bedeutet: Es gibt kein Hüben-und-Drüben. Was es gibt, das sind die archaischen Elemente der Liebe, die sich in zarterer oder in härterer Ausprägung zeigen können: Macht und Hingabe, Lust und Schmerz. Mal in Cremeweiß, mal in Lackschwarz. Und das, was in seiner dunklen Ausführung als Domina, Sklavin oder strenger Herr nach Tabubruch riecht, begegnet uns in einer entschärften Variante eigentlich jeden Tag. In der Ästhetik von Mode und Showbiz, im eigenen Schlafzimmer, in uns selbst. - Eine Tatsache übrigens, die sich auch durchaus einmal bewusst zuspitzen lässt.

Phantasien

Wahrscheinlich hat er begonnen, als das erste Mal ungeschickte Teenie-Finger an uns fummelten - dieser weit verbreitete Tagtraum von dem tollen Typen, der alles unter Kontrolle hat. Alles. Zuerst einmal natürlich: Sich selber. Und dann: Uns. Unseren Körper. Der virtuos mit uns spielen kann, unsere Sinne reizt, kitzelt, bremst, hinaufpeitscht. Der uns im Griff hat, so sicher, dass wir uns wirklich in unsere Lust hineinfallen lassen können. Was diese erotische Phantasie mit SM zu tun hat? Nun, in der Szene ist der Terminus für solche dominanten Könner der "Top". Der bestimmt das Spiel, während sich "Sub" - im Rahmen gewisser Absprachen - vollkommen ausliefert. Es ist übrigens keineswegs so, dass "Sub" immer weiblich ist. Schon mal von einem Lustsklaven phantasiert, der artig jeden Befehl befolgt? Der seine eigenen Begierden hintanzuhalten hat, um seiner Herrin jedes nur erdenkliche Vergnügen zu bereiten? Na, eben. Die Angst, dass Sie solche erotischen Träume direkt in die strenge Kammer führen, ist übrigens unberechtigt. Denn wie schon Nancy Friday in den 70er-Jahren in ihrer Untersuchung über die sexuellen Phantasien der Frauen (mit feministischem Erschrecken) feststellte: Die Themen Macht und Unterwerfung haben im Kopfkino einen Fixplatz. Aber: Ketten und Reitgerten schaffen es nach Untersuchungen nur zu etwa fünf Prozent von der Phantasie bis in die Realität.

Fetischreize

Schwarze Stiefel, schwarze Lederhose oder -jacke - das hat fast jede(r) in der Garderobe. Und auch wenn man von einer härteren Gangart beim Sex nicht einmal im Traum etwas wissen will - in schwarzem Leder fühlt sich auch ein 100-prozentiges Vanilla-Girl stark, überlegen und sexy. Modedesigner und Popstars spielen gern mit dem strengen Image von Black Leather. So häufig auch, dass inzwischen selbst dann kaum noch jemand einen Bezug zur SM-Subkultur herstellt, wenn am Hals von Stars wie Madonna, Sinead O'Connor oder Britney Spears nietenbesetzte Hundehalsbänder glänzen. Mag sein, dass diese Halszierde mittlerweile als reiner Modegag gilt. Doch dort, wo sie herkommt, hat sie eine ausgeprägte Symbolik. Ist Zeichen für Unterwerfung, Demut und Vertrauen des devoten Partners, bzw. der Macht und Verantwortung des Dominanten. Wer weiß, vielleicht kokettieren Fashion-Victims mit Hundehalsband ja auch mit der abgründigen Ausstrahlung, die so ein "Schmuckstück" auf andere hat.

Eng & Scharf

Ein weiterer Fetisch des SM, der - übrigens ebenfalls mit kräftiger Unterstützung von Madonna - den Weg auf Bühnen, Laufstege und Partys gefunden hat, ist das Korsett. Vorzugsweise natürlich schwarz, geschnürt und aus Lack. Beim Korsett geht es nur vordergründig um den optischen Reiz. Sicher, es betont die Taille, hebt provokant die Brüste und glänzt verführerisch über den Kurven. Hintergründig verschafft es seiner Trägerin aber auch ein ganz spezielles Körpergefühl. Es beengt, schränkt ein, stellt aus. Zwängt den Körper zur gefälligen Verwendung in Form. Es stützt aber auch und legt eine Art von Rüstung um die Leibesmitte. Somit vereint das Korsett auf seine "atemberaubende" Weise zwei völlig konträre Themen: das des Objekt-Seins mit dem von Kontrolle und Unnahbarkeit. In welche der beiden Rollen nun eine Frau schlüpft, wenn sie die Schnüre festzieht oder die Haken schließt, bleibt daher immer ihre Entscheidung.

Machtlust

So, nun aber von der Theorie zur Praxis. Die Lust an der Macht. Und behaupten Sie jetzt nicht, dass Sie davon keine Spur in sich finden können. Oder haben Sie es etwa noch nie mit einem maliziösen Lächeln genossen, wenn Ihr Dekolletee die Männer reihum zum Sabbern gebracht hat? Also. Sexuelle Macht ist zum einen die Wirkung, die wir aufs andere Geschlecht haben. Aber da gibt es noch mehr: Spiele, die die Spannung bis ins Unerträgliche steigern, um sich dann explosionsartig zu entladen.

Der Einstieg in jedes Spiel ist die Vereinbarung. Ein freiwillig eingegangenes Machtgefälle, das über einen Stop-Code jederzeit wieder verlassen werden kann. Gerade wenn in einer Beziehung immer er derjenige ist, der sexuell "am Drücker" ist, wird es reizvoll sein, eines Abends zu sagen: "Süßer, heute wirst du alles tun, was ich dir sage. Und sei dir sicher: Es wird dir gefallen." Planen Sie Ihre ersten Spielversuche, aber verplanen Sie sich nicht. Will heißen: Fokussieren Sie Ihre Gedanken auf Ihr aktuelles Kopfkino, stellen Sie sich vor, welches "Thema" Ihre Session haben soll.

Der Einstieg in jedes SM-Spiel ist die Vereinbarung.

Wollen Sie ihn fesseln, ihm die Augen verbinden, sodass er jeglicher Stimulation wehrlos ausgeliefert ist? Soll er sich winden, stöhnen, halb ohnmächtig werden vor Begierde? Wenn ja, dann ein Tipp gegen Anfänger-Stress von einer einschlägigen Site im Internet: "Bleiben Sie bei einer Region, verwöhnen, quälen, necken Sie ausschließlich diese. Wechseln Sie etwaige Utensilien nicht hektisch, sondern bewusst. Auch eine ,nicht erwartete' Berührung wird Ihren Partner bereits überraschen. Sie wissen, was gleich passieren wird - und für den anderen ist schon die Ungewissheit ein spannender Kick."

Soll er doch betteln ... Vielleicht liegt Ihnen ja auch ein anderes Thema: das der Kontrolle über seine Lust. Ihn immer wieder bis kurz vor den Höhepunkt treiben - und dann die Erlösung nicht zu gewähren. Ihn betteln lassen um weitere Zuwendung von seiner Göttin ... Zu diesem (Nicht-)Ziel führen verschiedene Wege: ein Wechsel im Rhythmus zum Beispiel. Oder der Wechsel von einer Stimulierung, die ihn schon zum Keuchen bringt, zu einer harmlos-zärtlichen Berührung. Und natürlich auch klare Befehle wie "Beweg dich nicht. Egal, was ich tue, du darfst dich nicht bewegen. Sonst ..." - Sonst? Ist alles Ihrer Kreativität überlassen. Übrigens, noch ein Tipp von Insidern: " Dominanz darf humorvoll sein, eine Domina kann lächeln, sie muss nicht verkniffen sein. Dominanz beherrscht durch Klarheit und Überzeugung. Mentale Stärke und Phantasie sind dabei ein unschlagbares Doppel."

Schmerzerotik

Ein Kapitel, das Gänsehaut verschafft - so oder so. Den einen, weil sie Kratzen, Beißen und Zwicken sowieso als ultrascharfen Bestandteil ihres Sexlebens ansehen. Und den anderen, weil ihnen völlig unverständlich ist, was Schmerz und Lust miteinander zu tun haben sollen. Dazu ein kleiner Exkurs ins Medizinische: Während der sexuellen Erregung sinkt das Schmerzempfinden, man hält mehr aus. Zum einen, weil die Nervenbahnen ja bereits "beschäftigt" sind. Zum anderen, weil es evolutionär wohl sinnvoll war, dass Säugetiere den Zeugungsakt nicht wegen jeder Irritation unterbrechen.

Zudem scheint es bei masochistischen Menschen einfach so zu sein, dass ihnen Stimulierung bis zur Schmerzgrenze einen Endorphin-Schub verpasst, der sie in andere Sphären abheben lässt. "Für mich haben zärtliche Berührungen erst im Wechsel mit härteren ihren Reiz. Erst da entfalten sie ihn", bekennt etwa eine Schmerzerotikerin auf www.lustschmerz.com. Und eine andere schreibt ebendort über den Effekt ihrer ersten Flag-Session: "Zum ersten Mal kroch ich in meinen Körper und füllte ihn bis in die letzte Pore aus."

Was eine Flag-Session ist? Das sind die berühmt-berüchtigten Schläge auf den Po.

Was eine Flag-Session ist? Das sind die berühmt-berüchtigten Schläge auf den Po, erst mit der Hand oder einem flachen Paddel, und nach einer etwa viertelstündigen "Aufwärm-Phase" mit beißenderen Instrumenten wie Peitsche oder Gerte. Das Resultat: Derriére flambée, wie es ein offenbar frankophiler Flagellant auf dieser Website nennt.

Eine brennende Kehrseite zu haben erscheint sicher nicht allzu Vielen erstrebenswert. Mit einem anderen - auch nicht ganz schmerzlosen - Thema können sich jedoch die meisten Menschen anfreunden: Liebes-Bisse. In den Nacken, bis die Gänsehaut aufzieht und man sich wie ein erlegtes Tier fühlt. Aber wer den anderen einmal zu einer Erkundungsreise mit seinen Zähnen ermuntert, wird noch andere lohnende Zonen entdecken: Brustwarzen. Taille. Po. Innenseite der Oberschenkel. Ja, und mit viel Feingefühl auch - dazwischen.

Wortspiele

Am Anfang ist das Wort - auch bei den Spielen von Macht und Auslieferung. Das kann mit kleinen Aufträgen im Alltag beginnen, die scheinbar nichts mit Sex zu tun haben - aber begleitet werden von diesem gewissen Blick. Oder klare, kurze Befehle - wir kennen den Effekt aus Filmen, wenn der markige Cowboy die Zicken der Heldin vom Tisch fegt und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, sagt: "Komm ins Bett." Warum solche Sprüche, die eigentlich ziemlich macho sind, so gut wirken? Souveränität ist das Zauberwort, das den Schalter umlegt. Die Sicherheit, die sie vermitteln.

In einem Text auf lustschmerz.com schreibt ein Mann unter dem Pseudonym "Gandalf" über die Erfahrung, was Worte auslösen können in den intensivsten Stunden zweier Menschen: "Einfache, leise, ruhige Worte ließen die Frau vor meinen Augen sichtlich lockerer, werden - zur Einstimmung. Bis dann je nach Tagesform auch härtere, schärfere Töne aus mir herauskamen, die sie auf dem Weg, meine hingebungsvolle Sub zu werden, unterstützten. Ich genieße diese Stunden, die kein bestimmtes Ziel haben außer dem, sie gefügig zu machen für ein Spiel, in dem sie meinen Worten immer besser folgt und damit annimmt, was ich ihr geben will."

Wenn Sie diejenige sind, die ihn mit Worten steuern will, sollten Sie wissen: Hysterie, Schreiarien oder übertriebene Darstellungen machen jeden Top zum lebenden Comic. Und eine sichere Stimme, die ihm genau sagt, was er zu tun hat, die kann auch ganz leise und ruhig sein.

Hingabe

Ein fast schon altmodisches Wort. Und auch schon ein bisschen tabu für uns moderne Frauen, die wir auch im Bett "gut" sein und ihn mit raffinierten Turnübungen beeindrucken wollen. Bloß nie die Zügel aus der Hand geben, bloß nicht sich komplett ausliefern - oder etwa doch? Doch. Weil es irgendwann langweilig und unbefriedigend wird, immer stark sein zu müssen. Weil das archaische Weib in uns auch einfach einmal hergenommen werden will. Besiegt von einem mächtigen Gegner, damit es sich sicher fühlen - und loslassen kann. Wichtig ist, dabei zu wissen: Es braucht Stärke, um seine Schwäche auszuleben. Selbstbewusstsein, um dem Partner einmal die Führung zu überlassen.

Starke Frau sucht ...

Deshalb ist es wahrscheinlich auch kein Zufall, dass jene Frauen in der SM-Szene, die gerne in die Rolle der Sklavin schlüpfen, in ihrem Alltagsleben oft ziemlich dominant sind. Sich fesseln zu lassen betrachten sie als Befreiung - die Befreiung von einem "Ich", das sonst nie Ruhe gibt. Sich unterwerfen, die Befehle eines anderen zu befolgen, als berauschenden Verlust von Kontrolle.

Klingt irgendwie spannend? Aber Sie wissen nicht, wie beginnen? Nun, wir empfehlen für den Anfang: den Gürtel eines Bademantels. Reichen Sie ihn Ihrem Liebsten. Halten Sie ihm dann Ihre Handgelenke hin. Und begeben Sie sich gemeinsam auf die Reise in eine Welt, die Sie vielleicht noch nie zuvor betreten haben.

 

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