Schulöffnungen: Militärische Einteilungen für Kinder, logistische Großprojekte für Eltern

Warum der neue Schulalltag einmal mehr aufzeigt, welche Auswirkungen Entscheidungen in der Corona-Krise auf die Gesellschaft haben. Ein Gastkommentar von Wissenschafterin Marita Haas.

Schulkind mit Kapuzenjacke, Rucksack und Atemschutzmaske

Nun ist es also passiert. Entgegen der pessimistischen Befürchtung, dass bis zum Herbst überhaupt keine Schule mehr stattfinden wird, beginnen für die sechs bis 14-Jährigen ab 18. Mai die restlichen sechs Wochen des Schuljahres: Die Schulen werden wieder geöffnet.

Und sie sind angehalten, die Klassen in eine Gruppe A und eine Gruppe B zu teilen und einen Schichtbetrieb einzuführen. Während es in der Pressekonferenz des Bildungsministers so klingt, als würde es dafür einen konkreten Plan geben, eröffnet das dazugehörige Papier bei genauerem Hinsehen verschiedene Teilungsvarianten und auch verschiedene Formen des Schichtbetriebs. Was die Schulen dann auch prompt machen: Während die einen im Zusammenhang mit einem Mehrklassen-Systems die Jüngeren und Älteren in „Gruppe A“ und „Gruppe B“ teilen, teilen die anderen nach Alphabet. Die dritte Schule wählt überhaupt einen ganz anderen Weg, nämlich wechselnde Tage.

Aus Elternperspektive sind die unterschiedlichen Modelle der Schulöffnungen verheerend.

Aus einer Elternperspektive ist das verheerend. Das jüngste Kind muss an Montag, Dienstag, Mittwoch zur Hintertür der Volksschule begleitet werden. Um 8.15 Uhr, denn die geplanten 10-Minuten-Slots beim Einlass von der Schule nicht auf vor, sondern nach Beginn des regulären Unterrichts verlegt wurden. Die zweieinhalb Tage Bildung, die den Sechs- bis Zehnjährigen damit pro Woche zugute kommen werden, sind in Wirklichkeit also nicht einmal zwölf Stunden, denn um 12 Uhr endet der Unterricht wieder. Dies, wohlgemerkt, in einer Schule, die verschränkten Unterricht bis 15:30 anbietet beziehungsweise bisher angeboten hat. "Betreuungsmöglichkeiten" gibt es natürlich, so das Bildungsministerium – aber "Eltern sind ersucht, die Kinder in der unterrichtsfreien Zeit zuhause zu betreuen, da sonst keine Verringerung der Kinderzahlen gegeben ist". So steht es auf dem Infoschreiben, das ich erhalten habe.

"Betreuung" soll außerdem heißen kein Laufen, kein Schreien, kein Sport. Kein Kind-sein also, sondern nur sitzen. Besonders gefällt mir der Auszug aus dem Elternbrief eines Gymnasiums: "Damit es beim gleichzeitigen Ankommen mehrerer SchülerInnen zu keinen Ansammlungen kommt, ist durch den gesamten Schulhof (!!) ein Band mit 1m-Abstand-Markierungen gespannt. Die SchülerInnen betreten das Gelände und stellen sich am nächsten freien Wartepunkt vor der Eingangstüre an".
Das gesamte Schreiben erinnert eher an militärische Organisationen als an einen Ort, an dem man seine Kinder gut versorgt und wohlbehütet weiß. Lieblingssatz: "Die SchülerInnen {dürfen} die Klasse nicht mehr verlassen, bis der/die LehrerIn der ersten Stunde zu ihnen kommt. Die Masken müssen so lange getragen werden, bis der/die LehrerIn der ersten Unterrichtsstunde in die Klasse kommt und den Kindern erlaubt, die Masken abzunehmen".

Schüler*innen ohne Stimme und Entscheidungskraft: Weiter geht's mit dem Eingesperrt Sein

Wir nehmen den Kindern also Stimme, Körper, Emotion UND Entscheidungskraft. Nicht nur, dass sie sich jetzt wochenlang durch digitales Lernen kämpfen mussten, die ohnehin herausfordernde Zeit mit Zoom- und MS Teams-Konferenzen vollgeladen war, in denen engagierte Lehrer*innen versuchten, gegen das Stimm-WirrWarr anzukämpfen. Nicht nur, dass nur ein Teil der Kinder für jene Aufgaben, bei denen sie keinen Support hatten, die Eltern nicht fragen konnte, weil die selbst wenig darüber wissen oder Deutsch nicht ihre Erstsprache ist, der Computer sich ständig aufhängt, weil das WLAN nicht ausreicht, und so weiter und so fort. Wir sperren sie also weiterhin ein; jetzt nur unter anderen Vorzeichen und in Gebäuden, in denen es gilt, "unverzüglich in die Klasse zu gehen" und dabei "die Handläufe keinesfalls zu berühren".

Zuhause, in einer Patchworkfamilie mit fünf schulpflichtigen Kindern, sitzen wir also mit Leuchtstiften und versuchen, das Chaos zu ordnen: Wer von den Kindern ist wann bei uns? An welchen Tagen davon hat welches Kind wie lange Schule? Der Plan sieht aus wie die Logistik-Kette eines Großunternehmens und irgendwo müssen da noch Mittagessen; Arbeits-Meetings und die Betreuung der anderen untergebracht werden.

Das ist meine Situation. Sie ist privilegiert. Sie beschreibt das Leben einer selbständigen Akademikerin, die vorwiegend Beratungsaufträge von Unternehmen und Organisationen abwickelt und daneben noch ein paar Texte schreibt. Ich habe einen Partner, der ebenfalls selbstständig ist und 60 Prozent der Arbeit zuhause übernimmt.

Ich bin mir meiner Privilegien bewusst. Ich frage mich, wie es Alleinerzieher*innen geht, die jetzt möglicherweise entscheiden müssen: Kind oder Karriere? So wie vor gefühlt tausend Jahren. Ich frage mich wie es den Studierenden mit Kind geht, die sich darauf verlassen müssen, mit ihren Vortragenden verhandeln zu können, ob und wie sie in einer online Lehrveranstaltungseinheit dabei sind. Ich frage mich, ob alle Familien die komplexen Informationen lesen können, ob die Gruppeneinteilung für alle schlüssig ist; das Hin- und Her mit den schulautonomen Tagen und was ist jetzt genau Schule und was Betreuung und weshalb muss ich mein Kind für alles an- oder abmelden?

Die fehlende Perspektive von Eltern und Frauen ist strukturell - und darüber müssen wir reden

Bei der Entwicklung des Plans und den Schulöffnungen wurden verschiedene Dinge bedacht: Gesundheit der Kinder, Lehrer*innen und auch deren Angehörigen; Dezimierung der Ansteckungsgefahr; soweit möglich: Schulautonomie. Für die Älteren: das Selbstorganisationspotenzial (außer in der Schule, in der der 1m-Abstand mittels Absperrband geregelt wird). Für die Jüngeren: das Thema Geborgenheit, das nicht ganz zu kurz kommen soll. Was nicht bedacht wurde: die Betreuungsperspektive. Diese ist hierzulande fast identisch mit der Perspektive von Frauen*. Und das Fehlen dieser Perspektive beim Treffen von gesellschaftspolitischen Entscheidungen ist nicht einfach passiert, sie ist strukturell. Das Forschungsinstitut SORA zeigte jüngst gemeinsam mit dem Thinktank Momentum in einer ersten Studie zum Thema, was wir ohnehin schon wussten: Die Haus- und Care-Arbeit geht während Corona noch stärker zu Lasten der Frauen. Unabgestimmte Kinderbetreuungszeiten und Bildungsinstitutionen, die wie in den 1950er Jahren um 12 Uhr schließen, werden diese Effekte nochmals verstärken.

Wir müssen erkennen, dass jede Entscheidung die Gefahr von Diskriminierungen birgt.

Was ist wichtiger - mein Job oder die Betreuung meines Kindes? Die Kinder, die über Monate hinweg keine Betreuung und Lernbegleitung gehabt haben, oder die Frauen* respektive Eltern, die jetzt über Monate hinweg in ihrem Erwerbsleben eingeschränkt sind? Darüber müssen wir reden.! Wieso, frage ich mich, ist das jetzt plötzlich wieder ein Entweder-Oder? Wir müssen darüber reden, damit das Strukturelle daran erkannt wird!

Durch die offen gebliebenen Modelle tut sich neben der familiären Frage, wer sich nun an welchen Tagen um die Kinder kümmert, ein zweiter Verhandlungsschauplatz zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen auf: Sind die Unternehmen tatsächlich so flexibel, unterschiedlichste "Schichtpläne" der Mitarbeiter*innen zuzulassen? Ermöglichen sie Eltern, insbesondere Frauen*, zu gleichen Konditionen weiterzuarbeiten, weil jetzt einfach Ausnahmezustand ist?

Es geht nicht nur um die Phase Zwei einer Krise. Wir können als Gesellschaft die strukturelle Komponente nicht weiter negieren – wir müssen erkennen, dass jede Entscheidung die Gefahr einer einseitigen Privilegierung in sich trägt und dass dies immer auch zu Diskriminierungen führt. Es geht um die Teilhabe am öffentlichen Leben. Es geht um Freiheit. Für uns und für eine ganze Generation.

Marita Haas sitzend, Hand am Kinn

Dr. Marita Haas ist Gender-Expertin und Unternehmensberaterin in Wien. In ihrer Patchworkfamilie leben fünf schulpflichtige Kinder. Über die Belastungen der Ausgangssperren für Kinder und Familien hat Marita Haas in einem weiteren Gastkommentar für die WIENERIN geschrieben: "Lasst die Kinder wieder raus!".

TIPP: Am heutigen 13.5.2020 diskutiert Marita Haas gemeinsam mit Ökonomin Katharina Mader im Rahmen des Business Riot über das Thema Carearbeit vor, während und nach Corona. Um 11 Uhr auf Okto TV und HIER.
Mehr Infos auf businessriot.at.

 

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