Schule der Zukunft: Ab sieben Uhr?

Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) will eine gemeinsame Schule von sieben bis 19 Uhr. Wir haben bei ExpertInnen nachgefragt, ob das lernpsychologisch sinnvoll ist und wie eine perfekte Schule aussehen könnte.

Letzten Samstag fand der Bundesparteirat der SPÖ statt. Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek forderte in ihrer Rede, dass die Schule der Zukunft um sieben Uhr aufsperren müsse. Der Vorschlag zielt auf eine gemeinsame ganztägige Schulform von sieben bis 19 Uhr ab, bei der sich viel Bewegung, Spiele und gemeinsame Lernstunden abwechseln. Hausübungen soll es keine mehr geben, da schon alles in der Schule erledigt wird. Die Schule der Zukunft sei auch eine Schule, in der Lehrende und FreitzeitpädagogInnen die Kinder und ihre Begabungen in den Vordergrund stellen.

Bedarf nach Ganztagsschule ist da

Eine Studie der IFES im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt, dass knapp ein Viertel aller Eltern in Österreich für ihr Schulkind bereits eine externe Nachmittagsbetreuung in Form eines Hortes, einer Ganztagsschule oder einer anderen schulischen Betreuung in Anspruch genommen haben. In Wien ist der Anteil mit 38 Prozent besonders hoch. Das heißt: der Bedarf nach ganztätigen Schulformen scheint da zu sein.

Acht von zehn Eltern beaufsichtigen ihre Kinder außerdem gelegentlich beim Aufgabenmachen, Üben und Lernen. Für 35 Prozent der befragten Eltern ist das eine große Belastung, die zusätzlichen Stress bedeutet. Ein Viertel aller Eltern nehmen außerdem externe Nachhilfe in Anspruch – was zudem eine finanzielle Belastung für viele darstellt.

Früher Schulbeginn - nichts für Morgenmuffel

Schadet aber ein früher Schulbeginn der Konzentration? Der Neurobiologe und Mentaltrainer Marcus Täuber sagt: "Es ist Fakt, dass die innere Uhr des Menschen eine starke genetische Komponente hat. Es gibt tatsächlich Früh- und Spätaufsteher. Dies hat nichts mit Faulheit zu tun und lässt sich auch nicht "umpolen"." So würden Kinder, die keine "Morgenmenschen" sind, durch einen früheren Schulbeginn in ihrer Ryhthmik noch weiter gestört. Stressbelastungen und gesundheitliche Folgen seien dabei nicht auszuschließen, die Leistung würde auf jeden Fall leiden.

Für die Lerntherapeutin Aliny Bittner wäre eine Frühbetreuung ein Zugewinn für berufstätige Eltern. In dieser Frühbetreuung sollte aber nicht gelernt, sondern frei gespielt werden - wie es auch an Volksschulen der Fall ist.

Der Lernpsychologe Robert Franz Moritz schätzt die Frage nach dem frühen Schulbeginn sehr individuell ein: "Es kommt darauf an, ob ein Mensch kognitiv ansprechbar ist oder nicht. Das ist jedoch bei vielen jungen Menschen eher selten der Fall. Dann sollten auch Faktoren wie der Blutzucker - ein Frühstück ist wichtig - oder eine erholsame Nacht stimmen." Ein Frontalunterricht so früh am Morgen wäre wenig sinnvoll, weiß der Experte. "Frontalunterricht kann das Selbstkonzept beschädigen. Die Kinder werden dadurch verkleinert, weil sie "gelernt werden", anstatt das Gefühl zu bekommen, dass sie selbst etwas können", so der Psychologe.

Die perfekte Schule

Wie die perfekte Schule nach Meinung der ExpertInnen aussehen würde? Der Hirnforscher Marcus Täuber würde vor allem mehr Bewegung und Spiel einbauen: "Moderate Bewegung erhöht die Neuroplastizität, also die Bildung und Verknüpfung neuer Nervenzellen, speziell im Hippocampus, der für das Lernen zuständig ist. Unser Gehirn lernt auch dann am besten, wenn dies entspannt und spielerisch geschieht. Zuviel Druck ist kontraproduktiv und erzeugt Lernblockaden." Aus Sicht der Hirnforschung wäre das Ideal, Bewegung, Spiel und Lernen nicht abzuwechseln, sondern miteinander zu verknüpfen. Gemeinsames Mittagessen von SchülerInnen und LehrerInnen an einem Tisch wäre zusätzlich eine Möglichkeit, für ein angenehmeres Schulklima zu sorgen.

Auch Lerncoach Aliny Bittner sagt: "Effektiver und lustvoller als das herkömmliche Schulkonzept ist mit Sicherheit das Konzept des verschränkten Unterrrichts. Und das definitiv nicht nur für lernschwache Kinder." Eine Schule der Zukunft brauche mehr Flexibilität in der Stundengestaltung. "Jedes Fach kann spannend übermittelt werden, nur selten ist dazu Frontalunterricht wirklich von Nöten", sagt die Expertin. Mehr kreatives Arbeiten in Kleingruppen, Projektwochen zu den unterschiedlichen Lernbereichen, den Lernstoff nicht nur akustisch, sondern auch visuell und haptisch anbieten - das sind nur einige Vorschläge für einen besseren Unterricht.

Das sieht auch der Psychologe Robert Franz Moritz so. Seine ideale Schule würde nach dem finnischen Modell oder der Laborschule in Bielefeld gebaut werden. "Dort lernen die Kinder, dass sie etwas können. Bildung ohne Herzensbildung ist keine Bildung, hat schon Aristoteles gesagt. Es ist wichtig, dass Kinder sich zu Menschen entfalten können, die sich selbst wertschätzen. Das ist das Modell der Zukunft."

 

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