Schönheitskult

Schönheit, ein Geschenk der Natur – das war einmal. Heute kann man sie sich mit Geld kaufen und mit Schmerzen verdienen. Doch von "für Schönheit kann alles getan werden" bis "für die Schönheit muss alles getan werden" ist es nur ein kleiner Schritt.

Julia und Nina sitzen vor dem Fernseher bei ihrem Lieblingssport: schöne Frauen anschauen. Und ausrichten. "Da, schau, die hat sich sicher den Busen machen lassen." "Logo, aber die Nase auch. Neid." Zapp. "Schau dir die an, die hat vielleicht eine super Taille." Zapp. "Gott, was ist das denn für eine alte Schachtel? Wenn ich solche Falten hab', geh' ich in eine Klinik, aber nicht mehr ins Studio." Zapp. "Uuuh, hat die tolle Beine ... nicht solche Stampfer wie ich." "Musst eben mehr laufen gehen." "Quatsch, da hilft nur mehr Fettabsaugen." Zapp. Zapp. Zapp. Irgendwann ruft eine Frauenstimme aus dem Off: "Abdrehen, schlafen gehen, morgen ist Schule!" Die beiden murren, aber sie schalten die Kiste ab. Julia ist übrigens 12, Nina 14 Jahre alt.

Die beiden Girls sind bei ihrer Geburt mitten ins Medienzeitalter hineingepurzelt. In eine Welt, die sie von klein auf mit Bildern von superperfekten Menschen gefüttert hat. Und so ist es für sie das Normalste überhaupt, ihre (noch nicht einmal fertigen) Körper und Gesichter an den Ideallinien von Models und Moderatorinnen, Pop- und Hollywoodstars zu messen. Als die beiden ins Bett entschwunden sind, sagt Sabine, die 39-jährige Mutter der beiden, seufzend: "Ich erzähle meinen Mädchen zwar immer wieder, dass die Stars ein Heer von Stylisten um sich haben und die Fotos alle retuschiert werden - aber das nehmen sie irgendwie nicht so ganz auf. Für sie ist deren Aussehen eine Realität, die sie mit ein bisschen Anstrengung erreichen zu können glauben." Und wohl auch: irgendwann erreichen zu müssen.

Schönheit als Lebensziel.

Die Statistiken zeigen es eindeutig - der Markt der Eitelkeiten brummt: Der Bereich der Schönheitschirurgie ist das am stärksten wachsende medizinische Fachgebiet. Laut Marktforscher Regioplan sind die Umsätze der Warengruppen Körperpflege-Wellness-Beauty-Weekends jene mit den höchsten Steigerungsraten der letzten Jahre. Und zum Thema Schlankheitswahn: Junge Frauen sind nicht nur die größte Risikogruppe, was Mangel- und Fehlernährung angeht, sondern in Österreich gibt es derzeit auch etwa 200.000 Frauen mit ernsthaften Essstörungen. Tendenz: ebenfalls steigend.

Vorbild: Getrickste Schönheit

Wir wollen (oder sollen?) immer schöner und immer schlanker sein. Warum das aber so ist, dazu gibt es verschiedene Denkansätze. Als Erstes wird meist der Siegeszug der Massenmedien in den letzten Jahrzehnten angeführt. Noch in den 70er Jahren etwa stand beileibe nicht in jedem österreichischen Haushalt eine Flimmerkiste. Ende der 80er jedoch gab es bereits Kabelfernsehen mit Dutzenden Kanälen und glatten Gesichtern rund um die Uhr. In derselben Zeit begann es auch, dass Musik immer visueller wurde. Popstars mussten nicht mehr nur alle paar Monate für eine Fotosession zur Verfügung stehen (und sich dafür halt einmal behübschen lassen), sondern ihr Image in Videoclips und on stage jederzeit perfekt verkörpern. Sänger, an denen nur die Stimme schön ist, haben seither nur mehr in Kellerlokalen eine Chance. Auch die Model- und Werbebranche selbst - die für die hohen Normen oft verantwortlich gemacht wird - hat sich in den letzten 20 Jahren ungeheuer professionalisiert. Typisches Detail: Noch Anfang der 80er war es durchaus üblich, dass sich Models für Shootings selbst geschminkt und frisiert haben. Heute ist es Standard, bei speziellen Agenturen Visagisten und Haar-Stylisten zu buchen. Beigetragen zum neuen Perfektionismus in Sachen Optik haben auch die Software-Hersteller: Mit Computer-Programmen wie Adobe Photoshop ist es jedem auch nur halbwegs begabten Grafiker möglich, ein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zu verschönern, ganze Körperteile zu ersetzen oder "überflüssige" Kilos einfach wegzuklicken. Wer Madonna-Covers kennt, weiß: Diese Technik grenzt an Ikonen-Malerei.

These Nummer eins also: Durch die Konkurrenz der neuen Massenmedien untereinander hat sich das Schönheitsideal immer höher hinaufgeschraubt, und ungeachtet der virtuellen Natur dieser Vorbilder streben wir ihnen japsend hinterher.

Dem Naturgesetz unterworfen?

These Nummer zwei: Laut Soziobiologen und Evolutionstheoretikern war es schon immer so und wird es auch immer sein, dass eine Frau hübsch und jung (= fruchtbar und gesund) sein muss, um einen finanziell potenten Mann (= Sicherheit für den Nachwuchs) zu kriegen. Und weil wir heute eben die Möglichkeit zur künstlichen Perfektionierung haben, nützen wir sie auch immer ungenierter.

Sexualforscher und -therapeut Dr. Karl F. Stifter ergänzt: "Grundsätzlich geht's jedem um die Optimierung seiner Attraktivität für das andere Geschlecht. Frauen definieren sich nun einmal mehr übers Äußere, während Männer über ihren sozialen Status gehen. Und bei beiden Geschlechtern gibt es halt auch immer welche, die in ihrem Streben übertreiben."

Besser schmächtig als mächtig?

These Nummer drei: besagt, dass sowohl These Nummer zwei als auch der Kult um living Barbies ein Trick der Männerwelt seien, um Frauen in alten Rollen festzuschreiben. Hübsch, zart und anschmiegsam.

Und in der Tat, ein wenig misstrauisch kann man schon werden, wenn man sich gewisse Tatsachen vor Augen hält: Jedes Mal, wenn die Frauen im letzten Jahrhundert einen Emanzipierungs-Schub machten und selbstbewusster wurden - also in den 20er und in den 70er Jahren -, wurde wenig später das Dünn-Sein als Ideal getrommelt. Vielleicht, weil Powerfrauen weniger Angst machen, wenn ihr Körper nicht (auch noch) mächtig, sondern schmächtig ist? Feministinnen wie Naomi Wolf in ihrem Buch Der Mythos Schönheit mutmaßen auch: Wenn unzählige Mädchen und Frauen permanent an ihr Gewicht denken, wenn all ihre Gedanken um Esskontrolle und deren Versagen in Form von Speckröllchen kreisen - dann bleibt in ihren Köpfen immer weniger Platz für feministische Ideen, dann ist da kein Wille zur Auflehnung gegen die männliche Vorherrschaft. Dann werden brav Cellulitecremes und Diät-Drinks gekauft, und die Kontrolle über den Körper wird verwechselt mit Kontrolle über das eigene Leben.

Schönheit als Ersatzreligion

These Nummer vier: der spirituelle Ansatz. Manche Philosophen sagen: Weil wir keinen Halt mehr finden in den traditionellen spirituellen Systemen, neigen wir dazu, überirdisch schöne Menschen als neue Götter anzubeten.


Andere Denker meinen auch, dass allein der Schlankheitswahn auf seiner symbolischen Ebene eine neue Religion sei. Die Wiederauferstehung der asketischen Werte, eine neue Form der Affektkontrolle, eine neue Form der Lustfeindlichkeit und eine neue Form der Reglementierung weiblicher Sexualität.

Aussehen als Leistung.

Doch egal, was nun wirklich hauptverantwortlich ist für den neuen Schönheitskult - Tatsache ist, er ist dick da. Und Tatsache ist auch, dass Nicht-schön-Sein immer weniger angesehen wird als "Hat halt Pech gehabt" und immer mehr als "Wie kann man sich nur so gehen lassen?" Dr. Stifter schildert ein typisches Beispiel aus seinem Privatleben: "Ich war bei einem Abendessen, und vier der fünf anwesenden Frauen waren gespritzt - Botox. Sie haben sich ganz offen darüber unterhalten, und irgendwann wurde dann über andere Frauen aus dem Bekanntenkreis getuschelt mit dem Tenor: Na, die hätte das aber auch schon nötig ..." Wer nicht alles für die Schönheit tut, gilt also - zumindest in gewissen Kreisen - als Schlendrian. Das gute Aussehen wird als Leistung gesehen, die (wenn sie nicht im vollen Ausmaß erbracht wird) Rückschlüsse auf den Charakter zulässt.

Tatsache ist auch, dass Nicht-schön-Sein immer weniger angesehen wird als "Hat halt Pech gehabt" und immer mehr als "Wie kann man sich nur so gehen lassen?"
von Dr. Karl F. Stifter, Sexualforscher

Zum Glück aber liegt es in der menschlichen Natur, sich gesellschaftlichen Zwängen nicht nur bereitwillig anzupassen. Sondern auch: sich dagegen aufzulehnen, wenn sie zu mächtig werden. Umgesetzt auf die Welt der Mode heißt das Prinzip dann: Wenn etwas einmal so in ist, dass alle es haben, ist es auch schon wieder out. Wenn einmal alle Frauen kleine Nasen und große Brüste haben, kann keine mehr damit besonders punkten. Jeder, der schon einmal einen ganzen Nachmittag lang amerikanische Soap operas geguckt hat, kennt das Phänomen: Am Ende eines solchen Fernsehmarathons erzeugen all die großäugigen, stupsnasigen, schmollmundigen und löwenmähnigen Schauspielerinnen in Kleidergröße 38 keinen Neid mehr, sondern nur noch gähnende Langeweile. Und man sehnt sich danach, einen französischen Film mit zerfurchten Charakterköpfen zu sehen.

Auf Internetforen, in denen über Zukunftstrends diskutiert wird, findet man denn auch häufig die Prognose von einer baldigen Aufwertung der Individualität: "... was in Zukunft sicher stärker zählen wird, sind eine individuelle Ausstrahlung und Gefühle. Die kalten Schönheiten werden an Beliebtheit verlieren ..." "Ich glaube, es werden schon mehr Schönheitsoperationen gemacht werden. Aber eher unauffällige Korrekturen, oder etwas, das einen echten Makel beseitigt - nicht mehr so maskenhafte Gesichter nach Schema F ..." "Models haben doch auch nur dann wirklich Erfolg, wenn sie irgendeine Besonderheit haben und sich von den anderen unterscheiden ..." - Meinungen, denen sich Therapeut Stifter gerne anschließt: "Ich fordere Artenschutz für die Individualität", lacht er: "Um jedes aussterbende Marienkäferl macht man sich Sorgen - aber was ist mit Dingen wie Charisma oder dem gewissen Etwas?" - Ja, was ist damit?

Das gewisse Etwas.

Letztendlich - Schlüsselreize hin, Idealmaße her - verlieben sich auch Männer nicht in den Schmollmund an sich, sondern in die Art, wie er sich beim Lächeln kräuselt und beim Küssen anfühlt. Und deswegen rät Stifter, bei allem Streben nach Attraktivität nicht das zu vergessen, was einen innerlich ausmacht: "Denn woher soll sonst die Ausstrahlung kommen? Was strahlt, ist immer nur das Selbst." Wer also wirklich geliebt - und nicht nur begehrt - werden wolle, komme deshalb um bestimmte Fragen nicht herum: "Wer bin ich eigentlich? Was macht mich unverwechselbar? Und: Was ist eigentlich das Beste an mir?"

Rainer 37
"Es gibt schon die Schönheiten, auf die ich auf den ersten Blick abfahre. Aber komischerweise verliebe ich mich immer nur in Frauen, die mir auf den ersten Blick gar nicht so gut gefallen haben."

Chris 31
"Meine Freundin hat schon immer unter ihrer großen Nase gelitten. Ich finde sie im Prinzip hübsch, aber das verstehe ich. Und deshalb habe ich ihr zum Geburtstag eine Nasenoperation geschenkt."

Laurenz 22
"Natürlich will ich eine hübsche Freundin haben. Aber ich kann es nicht leiden, wenn sie dauernd über Mode und Abnehmen redet oder über das Aussehen anderer Frauen lästert. Das finde ich voll abtörnend."

Moni 26
"Ich habe mir einen Höcker auf der Nase wegmachen lassen, weil ich fand, dass er mich so hart gemacht hat. Mein Mann hat zwar gesagt, ich spinne, aber das war mir eigentlich ziemlich egal."

Albert 48
"Im Prinzip finde ich glatte Haut natürlich attraktiver als faltige. Aber wenn ich dann sehe, dass es künstlich ist, oder die Haut wegen dem Lifting so komisch spannt, finde ich das viel schlimmer als Falten."

Doris 21
"Ich bin Model, also eigentlich von Natur aus hübsch. Aber seit ich in der Branche bin, habe ich so viel Kritik an Einzelteilen von mir gehört, dass ich heute eigentlich mehr Komplexe habe als je zuvor."
 

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