Schön & gut: Beauty-Charity

Die Beautyindustrie wird für gewöhnlich als äußerst oberflächlich abgetan. Zu Unrecht! Denn gerade in dieser Branche machen immer mehr Menschen und Firmen durch soziales Engagement auf sich aufmerksam. Wir stellen die besten Projekte mit "Nebenwirkung" vor.

Noch ein letzter skeptischer Blick in den Spiegel. Tiefes Durchatmen, ein nervöser Lacher - und dann: schnipp! Innerhalb einer Sekunde ist Kristina Drazdils Haar, das sie gerade eben noch durch ihre Finger hat gleiten lassen, um gut 31 Zentimeter kürzer.

Dabei wollte die angehende Radiomoderatorin eigentlich nie etwas anderes als eine lange Mähne tragen. Doch sie und ihre Freundin Daniela haben der Haarfee versprochen: Heute bekommt sie ihr Haar, das sie über die letzten paar Monate sogar extra für diese Gelegenheit hat wachsen lassen.

Einschneidendes Erlebnis

Kritisch mustert Kristina das Resultat: „Ich werde mich sicher noch an den Anblick gewöhnen müssen. Aber es ist okay. Schließlich hab ich es für die Kinder getan." Stylist Yochai Mevorach hingegen ist hochzufrieden mit dem Resultat. Und noch viel zufriedener mit der Ausbeute. Schließlich ist blondes Haar rar.

Mit seinem kurz geschorenen Haupt und dem dunklen Dreitagebart sieht Yochai selbst derweil ganz anders aus, als man es von einer Haarfee vielleicht erwarten würde. Doch wie weich der Kern unter dieser rauen Schale ist, wurde vor rund einem Jahr klar, als der Wahlwiener gemeinsam mit Kollegen den "Verein Haarfee" ins Leben rief. Die karitative Organisation verhilft österreichischen Kindern und Jugendlichen, die infolge einer Chemotherapie, schwerer Verbrennungen oder der Krankheit Alopecia areata ihre eigenen Haare verloren haben, zu hochwertigen Echthaarperücken.

„Ich habe früher in Amsterdam gearbeitet und einer Stammkundin dort regelmäßig die Haare geschnitten. Eines Tages hat sie ihren Termin bei mir abgesagt und gemeint, dass sie ihre Haare diesmal für krebskranke Kinder spenden würde", erinnert sich der Vereinsobmann. „Ich fand die Aktion toll und beschloss, dass es so was auch in Österreich geben muss."

Hair damit!

Seither schneidet Yochai Mevorach mehrmals pro Woche freiwilligen Spendern im Salon "Folgeeins" ­(folgeeins.at) die Mähne ab. Gratis, versteht sich. Der Rekord liegt momentan bei stolzen 60 Zentimetern. Und auch per Post trudeln immer wieder Haarspenden ein. „Manche sind sogar mehrere Jahre alt. Wichtig ist bloß, dass die Haarfasern noch nicht ihren Glanz verloren haben." Doch nicht alle Menschen eignen sich als Spender: „Der abgeschnittene Zopf muss mindestens 25 Zentimeter lang sein, damit man ihn weiterverarbeiten kann. Und das Haar soll supergesund und gepflegt sein", so der Friseur. „Am besten ist naturbelassenes Haar. Und wenn es doch coloriert ist, dann nur in einer natürlichen, kindgerechten Farbe. Bei blondierten Häuptern müssen wir dagegen leider nein sagen, weil die Haare einfach zu strapaziert sind."

Doch selbst, wenn man alle Leute mit behandeltem Haar vom Spenden ausklammert, kommt Yochai Mevorach vor lauter Interessenten kaum mit dem ehrenamtlichen Schneiden nach. Schließlich muss er sich zwischendurch auch um die regulären Kunden kümmern. „Deshalb suchen wir momentan in ganz Österreich nach Friseuren, die unser Projekt tatkräftig unterstützen und gratis oder zu einem vergünstigten Preis den Spendern die Haare schneiden."

Schrittweise zum Glück

Bislang konnte der Verein bereits 22 Perücken in Auftrag geben. Doch bis aus dem riesigen, gesammelten Rest-Haufen an Zöpfen noch weitere Perücken entstehen, müssen sich der "Verein Haarfee" und ihr Kooperationspartner, die "Österreichische Kinder-Krebs-Hilfe", noch etwa zwei bis drei Monate gedulden. In der Zeit wird das gesammelte Haar in Kleinstarbeit von Profis nach unterschiedlichen Längen, Qualitäten, Durchmessern und Farben sortiert, um dann strähnenweise per Hand zu Grundperücken geknüpft zu werden. Und der finale Schnitt erfolgt dann, sobald die bedürftigen Kinder ein passendes Modell gefunden und sich ihre Wunschfrisur ausgesucht haben.

„Es bedeutet mir viel zu wissen, wie viel Lebensfreude wir den Kindern oder Teenagern mit diesem bisschen Haar schenken", so Yochai Mevorach. „Die Echthaarperücken geben ihnen wieder das Selbstbewusstsein zurück, das viele durch ihre Erkrankung verloren haben."

Noch mehr schöne Aktionen für den guten Zweck gibt's auf Seite 2! >>

In der Schönheit liegt die Kraft

Auch große Beauty- und Pharma-Unternehmen sind darum bemüht, von Schicksalsschlägen gezeichneten Menschen zu helfen. Auf dass sie wieder Freude an ihrem Äußeren und am Leben haben. Hier die besten Projekte.

Sichtschutz

Die "Shiseido"-Visagistin Wakae Aoki ist in diesem Sommer extra nach Österreich gereist, um das "Life Quality Beauty"-Programm der japanischen Firma auch hierzulande populär zu machen. Schon seit Ende der 1950er-Jahre bietet das Unternehmen Menschen in Asien, die unter gravierenden Hautveränderungen leiden, neben speziellen Abdeckprodukten auch Schminkseminare an, die es ihnen endlich ermöglichen, ihre Makel optimal zu kaschieren.

„Die Grundidee war, das Leben der Menschen zu erleichtern, die durch die Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki unter starken Verbrennungsnarben litten", so Wakae Aoki. Doch auch großflächige Feuermale, weiße und dunkle Pigmentstörungen, Prellungen und unebene, vernarbte Flächen werden dank der professionellen Unterstützung der "Shiseido"-Visagisten nahezu unsichtbar. „Es ist immer wieder sehr bewegend zu sehen, wie begeistert die Männer und Frauen sind, wenn sie sich das erste Mal nach der Schulung im Spiegel sehen. Viele weinen sogar, weil sie sich endlich wieder in der Gesellschaft bewegen können, ohne angestarrt zu werden", so die Visagistin.

In Österreich gibt es die ­speziellen Abdeckprodukte zwar noch nicht, aber die Expertin hat selbstverständlich ­Alternativvorschläge für europäische Kunden parat. Und es kommt ohnehin mindestens genauso viel auf die richtige Auftragetechnik an wie auf die Make-up-Wahl. „Wobei Männer die Technik erstaunlicherweise schneller erlernen", erzählt die Expertin. „Wahrscheinlich, weil sie noch keine eigene Schminkroutine verinnerlicht haben."

Nach und nach sollen jetzt auch alle "Shiseido"-Visagisten an den österreichischen Countern dieses Know-how bei Bedarf an ihre Kunden weitergeben können. Und auch über die Organisation privater Schmink-Workshops für Betroffene denkt man derzeit hierzulande nach.

Bunt fürs Leben

In eine ähnliche Kerbe schlägt die amerikanische Beautyfirma "Estée Lauder". Auf Initiative der mittlerweile selbst an Krebs verstorbenen Geschäftsfrau Evelyn Lauder finden seit 1991 regelmäßig Kampagnen statt, die sich um die Belange betroffener Frauen kümmern. So organisiert die Österreich-Niederlassung mehrmals pro Jahr die sogenannten „Ich mag mich"-Workshops. In ihnen können Krebspatientinnen lernen, mit welchen Produkten und Kniffen sie fehlende Augenbrauen nachzeichnen, über mangelnde Wimpernfülle hinwegtäuschen, Hautirritationen entgegenwirken und Schwellungen optisch mildern können. Aber auch für die veränderten Pflegebedürfnisse wissen die Experten fachmännischen Rat. Und zusätzlich zeigt man den Teilnehmerinnen unterschiedliche Techniken, um ihre Kopf­tücher zu binden.

Das Schminken kommt dabei einer eigenen Therapieform nah: „Man merkt richtig, wie die Frauen wieder aufblühen, wenn sie sich einen ­Nachmittag mal nicht um die Chemotherapie, sondern um ihre Schönheit kümmern", berichtet "Estée Lauder"-Trainerin Irene Svec. Der nächste Termin findet übrigens am 7. Oktober bei den "Barmherzigen Brüdern" in Wien statt.

Starker Auftrag

Die französische Kosmetikfirma "La Roche-Posay" verfolgt mit ihren seit 1994 weltweit durchgeführten "Ateliers Maquillage" für Krebskranke ein ähnliches Ziel. Der nächste Workshop findet Mitte September im Linzer "Allgemeinen Krankenhaus" statt. Und auch der Thermalwasser-Spezialist "Avène" scheint sich ein Beispiel an den Mitstreitern genommen zu haben: Seit 2007 unterstützt das Unternehmen regelmäßig Kosmetik­seminare. Wenn auch bislang leider nur in Deutschland.

Stricken hilft

Schon zum zweiten Mal unterstützt "Nasivin" den Verein "kleine herzen". Dieses Jahr wird im Rahmen des Projekts "Weg ins Leben" eine Ausbildungsstätte für behinderte Waisenkinder in Opochka, Russland, geschaffen. So wird Kindern eine Zukunft ermöglicht, nachdem sie das Waisenhaus verlassen müssen.

"Nasivin" ruft dazu auf, kleine Schals zu stricken, häkeln oder knüpfen. Als Zeichen für die Not der Waisenkinder werden im Herbst kleine Schals um "Nasivin"-Packungen gebunden und in österreichischen Apotheken verkauft. Von jeder verkauften Packung mit Schal spendet "Nasivin" 20 Cent an "kleine herzen".

Nähere Informationen und Aktuelles gibt’s unter stricken-hilft.at.

 

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