Schmutzige Wäsche

Unsere Ansprüche an Mode sind hoch: Chic soll sie sein, funktionell und pflegeleicht. Dass es dafür giftige Chemie braucht, ignorieren wir meist – und schädigen die Umwelt und uns selbst. Dabei haben wir es mit unseren Kaufentscheidungen in der Hand, den textilen Markt nachhaltiger, grüner und gesünder zu machen.

Stellen Sie sich eine Badewanne vor, die mit einem Schaumbad gefüllt ist. Der Schaum, der oben aufsitzt, ist wie unsere Modewelt: luftig, leicht, und die einzelnen ­Bubbles ­platzen so schnell wie Trends. Und nun tauchen Sie unter. Das Badewasser selbst ist die Tiefe der Materialien und die verschiedenen Komponenten, die zusammenspielen, um den oberflächlichen Schaum zu produzieren."

So beschreibt die Wiener Textilexpertin Lisa Niedermayr die Untiefen der textilen Kette. Denn wenn man nur ein wenig an der Oberfläche kratzt, kann aus frisch gewaschener Mode sehr schmutzige Wäsche werden, die in hunderten Produktionsschritten hergestellt, dabei oftmals mit jeder Menge Giftstoffen bearbeitet wird und unsere Gesundheit sowie die Umwelt gleichermaßen belasten kann.

Ja, natürlich?

Betrifft Sie nicht, weil Sie auf Naturmaterialien wie Baumwolle, Seide, Wolle oder Kaschmir setzen? Ja, wir verbinden damit gern nur positive Eigenschaften. Wem kommt schon Massentierhaltung in den Sinn, wenn ein traumhaft weicher Pullover aus Merinowolle oder Kaschmir im Winter wärmt? Oder wer will schon an die Pestizide auf den Baumwollfeldern denken? Doch auch die Herstellung dieser Stoffe und Garne kann einen schlechten ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

„Es ist nicht so, dass Naturfasern nur gut sind und alles, was synthetisch hergestellt wird, automatisch schlecht ist. Da gibt es viele Grauschattierungen", sagt Lisa Niedermayr. „Baumwolle ist ein Luxus­gut, das unendlich viel Energie, Wissen, Technologie und Arbeitszeit braucht, um es herzustellen. Dafür wird sie viel zu billig verkauft und deshalb vom Konsumenten wie ein Wegwerfgut behandelt. Das ist fatal!"

Kettenreaktion

Und wenn wir von Rohstoffen wie Kaschmir und Baumwolle reden, stehen wir erst am Anfang der „textilen Kette", die den Werdegang eines Kleidungsstücks von der Faser über das Färben, die Veredelung und den Transport bis hin zum fertigen Produkt in den Shops beschreibt. Dazwischen liegen unheimlich viele Schritte - und bei den meisten ist Chemie im Spiel.

Baumwolle wird wie Wegwerfgut behandelt. Das ist fatal.
von Lisa Niedermayr

Ob es sich um toxische Stoffe handelt - was bei teurer Markenkleidung genauso der Fall sein kann wie beim Top vom Textildiskonter -, lässt sich nur in hochtechnisierten Labors feststellen. Wann und wo die Stoffe zum Einsatz gekommen sind, können die Modelabels, die diese Ware verkaufen, oft selbst gar nicht mehr nachvollziehen, auch wenn heute viele Textilketten und Labels darum bemüht sind, ihre Lieferanten zu kontrollieren.

„Viele Produktionsschritte passieren nicht in großen Fabriken, die man besuchen kann, sondern oft in sehr kleinen Zulieferbetrieben", weiß die Expertin. „Dadurch wird die Sache undurchsichtig. Denn die Hauptvertragspartner vergeben die Aufträge weiter an Untervertragspartner. So lange, bis man bei Kleinstunternehmen landet, die einen Standard in ihren Werkstätten haben, der dem unserer Frühindustrialisierung ähnelt."

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1. Bluesign
bluesign.com
Die Produktionskette vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt läuft ökologisch und fair ab.

2. Global Organic Textile Standard (GOTS)
global-standard.org/de
Das Siegel verlangt Öko-Fasern. Strenge Richtlinien bei Färbung und Ausrüstung der Materialien.

3. Textiles Vertrauen
oeko-tex.com
Kein Bio-Label! Dieses Label zertifiziert ausschließlich die Schadstoffarmut des Produkts.

4. Österreichisches Umweltzeichen
umweltzeichen.at
Seit 2014 gibt es die strengen Richtlinien auch für Textilien.

5. Global Recycle Standard
textileexchange.org
Der GRS kennzeichnet Textilien aus recycelten Materialien.

6. Fairtrade Cotton Program
fairtrade.at
Faire Baumwolle darf mit konventioneller gemischt werden.
Produzent und Konsument sind für das Geschehen am textilen Markt gleichermaßen verantwortlich.
von Lisa Niedermayr

Schritt für Schritt

Nach der Herstellung der Stoffe zählen das Färben und die Veredelung, bei der Stoffe wasserabweisend, knitterfrei oder besonders glänzend gemacht werden, zu den Produktionsschritten mit Giftpotenzial. So zeigte der Greenpeace-Report "Giftige Garne", dass in Färbereien teilweise Azofarbstoffe im Einsatz sind, die krebserregende Amine freisetzen können. Oder auch verschiedene Weichmacher, die vielleicht für einen besseren Tragekomfort eines Kleidungsstücks sorgen, dem Körper aber nicht unbedingt Gutes tun.

Doch auch beim Transport kann es giftig zugehen, weiß Lisa Niedermayr. „Baumwolle beispielsweise hat ein großes Problem: Sie besteht aus reiner Zellulose, ist also nichts anderes als Papier. Was passiert, wenn man Papier ein paar Tage in einen feuchten Keller legt? Es schimmelt leicht. Bei Baumwolle ist das nicht anders. Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass die Ware wochenlang in einem Schiffscontainer auf dem Meer unterwegs ist, können Sie sich auch ausmalen, wie der Rohstoff behandelt werden muss, damit er keinen Schaden nimmt."

Neue Chance

Ist also alles Gift, was in der Mode glänzt? Die Antwort ist: nein. Immerhin wird der Markt und das Angebot für Fair-Trade-Mode immer größer. Und es gibt einige Zertifikate, an denen sich Modeliebhaberinnen orientieren können. Die stellen sicher, dass das Material, die Verarbeitung und die sozialen Hintergründe den Standards entsprechen, bei denen wir ein besseres (Trage-)Gefühl haben werden und es der Umwelt nutzen wird.

Lisa Niedermayr glaubt an positive Entwicklungen in der Textilindustrie: „Ich sehe für diese eine große Chance. In der Produktpolitik gibt es einen Satz, der besagt, dass die Pole ‚Produzent‘ und ‚Konsument‘ gleichermaßen für das Geschehen verantwortlich sind." Anders gesagt: Das Kaufverhalten beeinflusst die Produktion. Und da haben Fashionistas bereits immer wieder ihre Macht bewiesen. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass etwa eine günstige Fashionkette wie H&M so stark auf Kollektionen mit nachhaltiger Mode setzt?

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Vorreiterin ist etwa auch Vivienne Westwood. Die britische Designerin, die sich seit längerem dem Umweltschutz verschrieben hat (und deshalb seit kurzem auf ihr berühmtes rot gefärbtes Haarstyling verzichtet), hat eine "Vegetable Dye Knitwear"-Linie entworfen. Die Kleidungsstücke der aktuellen Strickkollektion wurden mithilfe von Süßholzwurzeln nach einer antiken Färbemethode gefärbt. Eine Technik, bei der man ohne den Einsatz von schädlichen Chemikalien auskommt - und die dafür als erste und einzige ­"Natural Coloration ­Technology" von Woolmark anerkannt wurde.

Doch auch Hersteller auf dem Massenmarkt wie etwa Adidas haben sich bei der ­"Detox"-Kampagne von Greenpeace dazu verpflichtet, bis 2020 auf diverse hochtoxische Inhaltsstoffe bei der Produktion zu verzichten. Die Tendenz nachhaltiger Bekenntnisse von großen Bekleidungskonzernen: steigend.

Und jetzt Sie!

Es gibt also schon Vorzeigeprojekte, die in einer Badewanne - die noch voll mit giftigen Garnen ist - für eine sauberere Zukunft in der Mode sorgen. Aber dazu braucht es auch uns als Konsumentinnen, die ihre Wäsche „reinwaschen" wollen.

Auf Seite 3: 6 Tipps für einen grünen Modestil!

6 Tipps für einen grünen Modestil


1. Kann ich dich gut riechen?
Beim Kleidershopping gilt die Regel: immer der Nase nach! Manchmal riecht es in den Shops von (billigen) Bekleidungsketten schon so verdächtig, dass sich ein Anfall von Schädelweh ankündigt. Bemerken Sie solch extreme körperliche Reaktion schon vor dem Anprobieren der Kleidung, am besten lieber gleich das Weite suchen. Denn hier ist der Einsatz von starken Chemikalien direkt spürbar.


2. Zettelwirtschaft
Der Waschzettel kann Auskunft über eventuell eingesetzte Chemikalien geben. Stehen Hinweise wie „Separat waschen" oder „Vor dem Tragen waschen" auf dem Etikett, können Sie davon ausgehen, dass die ­Farbstoffe schlecht haften und sich auch auf der Haut absetzen. „Knitterarm" und „bügelfrei" sind ebenfalls Hinweise auf den Einsatz von mehr Chemie als notwendig.


3. Wasch mich!
Egal, ob Sie bei einem nachhaltigen Label kaufen oder in einem konventionellen Shop: Waschen Sie die Kleidung vor dem ersten Tragen unbedingt! Denn immer noch kommen hochgiftige Chemikalien wie Nonylphenolethoxylat (NPE) zum Einsatz. NPE wird in der Textil­industrie zum Waschen der Textilien während des Färbevorgangs verwendet. Nach einmaligem Waschen zu Hause ist dieses Gift so gut wie aus der Kleidung geschwemmt. Die schlechte Nachricht: Die wasserlösliche Substanz zerfällt in Nonylphenol (NP), eine giftige, schwer abbaubare und hormonell wirksame ­Chemikalie. Sie schadet ­Fischen und anderen ­Wassertieren bereits in niedrigen Mengen und kann die Entwicklung der Geschlechts­organe stören.


4. Ich war eine Flasche!
Greifen Sie zu recycelten Materialien. So wurden etwa allein bei der "Conscious Collection" von H&M 9,5 Millionen PET-Flaschen zu neuer Mode verarbeitet. Der Vorteil dieser technischen Möglichkeit: Man kann aus Altkleidung immer wieder neue Produkte machen.


5. Dir steht's besser!

Swap-Partys liegen im Trend und machen Spaß. ­Kleidertauschabende bringen nicht nur frischen Wind in den Schrank. Die Klamotten sind bestenfalls schon ein paar Mal gewaschen (und somit frei(er) von Giftstoffen) und immer noch in einem guten Zustand. Das zeugt von Qualität. Tipp: Veranstalten Sie die Partys möglichst mit Freundinnen, die einen ähnlichen Stil und ähnliche Größen haben.


6. Brauch ich das wirklich?
Sie gehen zweimal in der Woche eine halbe Stunde joggen oder fahren vielleicht dreimal pro Saison mit dem Fahrrad? Stellen Sie sich beim Kauf die Frage, ob Sie tatsächlich die gleiche Outdoorausrüstung mit Features wie „schmutzabweisend" oder „100- prozentig regenfest" brauchen, die auf dem Nordpolar vor jeder extremen Witterung schützt.


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