Schmerz, Gewalt und Gender Roles: Warum wir in der Gleichstellung auch über unpopuläre Themen reden müssen

Gleichstellung und Sexualität passen real noch immer nicht zusammen und daran sind nicht nur Männer schuld. Die Philosophin Lisz Hirn hat die Gründe dafür erforscht - einer davon hat mit dem Militär zu tun.

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Die österreichische Philosophin Lisz Hirn ist nicht nur schonungslos, wenn es darum geht, die Auswirkungen von Corona auf die Emanzipation von Frauen zu sehen, sondern sie ist auch eine feine Beobachterin, wenn es um Themen wie Heldentum, Sex und Dating geht (und hat dazu ein cooles Buch geschrieben: Wer braucht Superhelden, Molden Verlag). Wir haben mit ihr ein Gespräch über ejakulierende Männer in Pornos, Dating-Faulheit und dem Orgasm-Gap geführt und fragten sie, ob sie ernsthaft dafür ist, dass Frauen ihren gesellschaftlichen Status durch mehr Sichtbarkeit beim Militär ändern sollen.

WIENERIN: Liebe Lisz, reden wir erst mal übers Dating. Hat uns die digitale Welt dating-faul gemacht, weil uns der Aufwand zu lästig ist?

Lisz Hirn: Faul scheint mir das falsche Wort zu sein. Wenn wir uns schon anstrengen, dann muss es sich auszahlen. All die Verbindlichkeiten, die man in einer Beziehung hat, all die Dinge, die schmerzvoll, unangenehm oder nervig sind – eben alle negativen Gefühle – haben in einer effizienten Beziehung in einer hochoptimierten Gesellschaft keinen Platz mehr. Wir haben zweifellos ein Problem mit negativen Gefühlen, die aber eben – wie auch die positiven – ein Teil alles zwischenmenschlichen Miteinanders sind.

Und dafür riskieren wir auch, dass wir Liebe nur noch lauwarm erleben?

Lust und Schmerz bedingen einander. Wenn ich nie Hunger, Seelenschmerz oder Sehnsucht spüre, dann spüre ich auch nicht diese große Lust, bevor oder während mein Hunger gestillt ist, ich eine geliebte Person endlich wiedersehe oder mir einen Lebenstraum erfülle. Die Frage ist doch, ob wir uns nicht auch jenen Dingen aussetzen sollten, die zur menschlichen Existenz dazugehören, also Schmerz, Alter, Tod und Sex.

Ich bleibe noch kurz beim Sex, weil ich über einen Begriff gestolpert bin: den Orgasm Gap. Nun gibt es ja viele Gaps, den Gender-Pay-Gap, den Motherhood-Gap, warum sollten sich Frauen auch mit dem Orgasm-Gap beschäftigen?

Sexuelle Befriedigung wird bei einem Großteil der Mainstream-Pornografie als männlicher Höhepunkt in Form des Samenergusses gezeigt. Ziel ist die männliche Ejakulation in allen möglichen Varianten. Und so setzt sich schon bei jungen Menschen ein phallozentrisches Bild eines gelungenen Sexualaktes fest.

Geht es denn gar wieder zurück? Erleben wir einen Sex-Backlash?

Wir sind von einer gleichwertigen Sexualität noch weit weg, aber tatsächlich hatte ich mir gedacht, dass mittlerweile angekommen ist, dass auch Frauen ihre Bedürfnisse erfüllt sehen wollen. Die Mainstream-Pornovideos sind nach wie vor den Wünschen von Männern angepasst.

In deinem Buch geht es um Helden, um Superhelden. Die Helden aus diesen Filmen kennen keine Schmerzen, sind moralisch gut und lassen sich nicht mal durch Sex verführen. Was daran findet der reale Mann denn so toll?

Erst mal sind diese Helden hypermaskulin, wie sehr, wird durch die engen Kostüme noch unterstrichen – obwohl sie die körperliche Muskelkraft ja gar nicht brauchen, sie haben ja Superkräfte. Dann ist auch interessant, dass in diesen Filmen quasi kein Blut vorkommt, es ist überhaupt alles sehr clean in Supermans Welt. Nicht einmal Sex ist ihre Achillesferse. Zudem müssen sich die Superhelden nie entscheiden, wen sie retten, sie retten einfach alle. All die schwierigen Fragen, die wir uns als Männer und Frauen stellen müssen, spielen hier keine Rolle.

Und das ist eine Erleichterung?

Ja, denn es macht ja Sinn, gerade in einer Zeit, wo alle immer mehr an die Grenzen ihrer Kräfte kommen. Sich vorzustellen, Superkräfte haben zu können, also Kräfte, die sich nie erschöpfen. Wobei es lustig ist zu sehen, dass Superhelden trotzdem immer die gut aussehenden, muskulösen Typen mit einer tollen Frisur sind, obwohl man ja eigentlich jeden Typen reinstecken könnte.

Sexuelle Befriedigung wird bei einem Großteil der Mainstream-Pornografie als männlicher Höhepunkt in Form des Samenergusses gezeigt.

von Lisz Hirn

Welche Rolle haben denn Frauen bei den Heldengeschichten, wenn wir noch mal zurück zu deinem Buch gehen? Und auf das reale Leben schauen regelt die Nachfrage den Markt?

Frauen spielen hier in zweifacher Hinsicht eine große Rolle. Einmal mit der Frage: Wie erziehe ich meinen Sohn? Und die zweite Rolle betrifft noch viel mehr Frauen, nämlich wie wähle ich meinen Partner aus? Die Ansprüche an den Partner sind oft widersprüchlich: Zu Hause sollen Männer Softies sein und nett zu den Kindern, sie sollen viel Hausarbeit übernehmen, aber viele Frauen erwarten sich schon, dass der Mann mehr verdient und im Fall des Falles den edlen Ritter spielt.

Soll das bedeuten, solange es von Frauen Nachfrage nach Versorgern gibt, ändert sich auch das Männerbild nicht?

Ja, solange wir Frauen alles so lassen – und etwa auch das Gewaltmonopol so selbstverständlich in Männerhand legen –, ist das ein riskantes Verhalten. Und das meine ich nicht nur im demokratischen Sinne, weil wir eben all mitverantwortlich sind für die innere Sicherheit und für Frieden, sondern weil wir auch militärische Konflikte, Interventionen und Missionen mitverantworten. Thema ist heute nicht mehr der "klassische" Krieg, es geht um unbemannte Technik, um Drohnenangriffe und um algorithmisches Töten. Körperkraft spielt keine prominente Rolle mehr. Teilhabe halte ich in diesen Bereichen für enorm wichtig, Frauen sollten diese Gewaltmonopole aufbrechen, wie sie es in Ländern wie Norwegen getan haben. Nur so kann man auch das Bild vom "starken" Mann verändern.

Also Frauen sollen sich dort, wo der Staat Gewalt ausübt – auch beim Militär – stärker einbringen?

Selbstverständlich. Vor allem, weil wir die demokratischen Entscheidungen als Frauen auch mittragen müssen. Sich aus diesen Bereichen rauszuhalten, halte ich für einen großen Fehler. Gerade, weil es für die Emanzipation wichtig ist. Zu sagen, wir wollen zwar die Männer in Sachen Vaterschaft und Care-Arbeit in die Pflicht nehmen, aber uns in den männerdominierten Domänen nicht "die Finger schmutzig" machen, das geht nicht zusammen.

Meinst du, Frauen sollen ihren Dienst an der Waffe leisten?

Nein, das heißt es nicht. Aber sowohl der Dienst an der Waffe als auch der Zivildienst wird bezahlt. Ich sage immer auch dazu, dass ich den Frauen, die jetzt schon so viel unbezahlte Arbeit leisten, nicht noch mehr Pflichten aufbürden will. Aber wenn wir es ernst meinen und wirklich Geschlechterstereotypen ändern wollen, auch Gefahren für Frauen – Stichwort: Gewalt an Frauen – verringern wollen, dann müssen wir auch unangenehme, unpopuläre Themen ansprechen.

Lisz Hirn (Dr.in Mag.a), Jahrgang 1984, studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu.

Sie arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, u.a. am Universitätslehrgang »Philosophische Praxis« der Universität Wien unter der Leitung von Konrad Paul Liessmann.

Sie ist Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie und im Vorstand der Gesellschaft für angewandte Philosophie (gap). Sie publiziert regelmäßig in Medien, wie in Die Presse, Standard, Wiener Zeitung oder auch in der WIENERIN. Zudem betreibt sie ihren eigenen Podcast Philosophieren mit Hirn

 

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