Schluss mit zu viel Vergangenheits-Bewältigung

Ob Themen aus der Kindheit oder einer früheren Beziehung - vielen Menschen wird geraten, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Dass man aber gar nicht alles zer-analysieren muss, haben wir in unserem Dossier in der September-WIENERIN herausgefunden.

Die Vergangenheit kann man auch mal ruhen lassen!

Wenn jemand mit einem Problem zu Gundl Kutschera vom Institut Kutschera kommt, dann hilft sie für gewöhnlich. Wenn sie jemanden für „übertherapiert“ hält, dann sagt sie aber auch mal geradeheraus: „Darauf habe ich keinen Bock.“ Denn: „Wenn mir jemand erzählt, er war schon bei zwanzig Therapeuten und ich bin die Einundzwanzigste, dann wird das schwierig. Die Leute haben sich dann schon so verliebt in die Sorgen, in ihr Problem; und es war bestimmt auch was Schlimmes. Aber wenn sie mit mir noch mal und noch mal analysieren, was sie schon mit anderen analysiert haben, dann bringt das nichts.“ Denn nicht jedes Erlebnis aus der Vergangenheit muss unbedingt angegangen und aufgearbeitet werden, erklärt die Expertin: „Es gibt da so eine Faustregel, die sagt: Alles, was mich daran hindert, die Gegenwart zu genießen, gut zu leben und das zu tun, was ich möchte, das müsste aus dem Weg geräumt werden. Andere Sachen kann man ruhen lassen.

Dinge für das Heute lösen


Margareth*, heute 55, hat das in ihrer eigenen Geschichte genau so erlebt. Einiges musste sie aufarbeiten, anderem hat sie sich bewusst nicht gestellt. Als „passiertes“ Kind ist sie auf die Welt gekommen, die Mutter ist bald nach ihrer Geburt gegangen, hat später in einem anderen Bundesland eine neue Familie gegründet. Margareth ist bei den Großeltern aufgewachsen und hat lange mit diesen Kindheitserfahrungen, Verletzungen und dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter gekämpft. Vor allem, als sie sich als junge Frau selbst nach einem Kind gesehnt hat, hat sie viel mit sich und ihrer Geschichte gehadert: „Ich habe mir immer gedacht: ,Ich kann keine Mutter sein, wie soll das gehen, wenn ich selbst nie erfahren habe, wie das ist?‘ Sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter waren sehr herb, und ich habe gedacht, für mich geht das nicht. Dann hatte ich mit 25 einen Abortus, das hat mir ziemlich zu schaffen gemacht.“


Eine Freundin hat sie in dieser Zeit zu einem Therapieseminar zum Thema „Männerrollen, Frauenrollen“ mitgenommen, und dort ist viel passiert: „Dort habe ich irrsinnig viel geweint, und wir sind richtig in die Tiefe gegangen und haben an vielen Schichten gearbeitet – da hat sich viel getan und gelöst.“ Beim Urlaub danach dürfte ihr Sohn entstanden sein.


Einige Jahre später ist sie durch Zufall auf jemanden gestoßen, der ihr Informationen über ihren Vater geben wollte, den sie nie kennengelernt hat. Zuerst war sie interessiert und neugierig – „doch dann gab es einen Punkt, da habe ich ihn gebeten, nicht weiterzureden. Da habe ich entschieden: Nein, ich habe viel aufgearbeitet, und das hat mir irrsinnig geholfen, aber da wollte ich dann nicht mehr. Ich habe an meine Familie gedacht, meine Beziehung – da ist alles in Ordnung, also habe ich beschlossen: Aus, Schluss jetzt, das Geld, das ich jetzt noch für Therapien in Richtung Vater ausgeben würde, das verwende ich in Zukunft lieber für Urlaube mit meiner Familie.“

Vergangenes in Ruhe lassen


Tatsächlich muss man auch in einer Therapie nicht jedes einzelne Ereignis aus der Vergangenheit anschauen, sagt Gundl Kutschera: „Es gibt viele neue Interventionen, die absolut inhaltsfrei sind.“ Heißt: Man schaut nicht auf die „verdrängten“ Erinnerungen und wühlt dort herum, sondern versucht stattdessen, ein Ziel zu definieren. „Man sucht nicht nach Vergangenem, sondern man überlegt: Was möchte ich leben und was liegt mir im Weg? Wenn ich etwa mehr Lebensfreude will, schaue ich, warum ich die nicht leben kann, und dann schau ich mir dieses Gefühl an.“ Es ist wichtig, den Negativ-Kreislauf zu durchbrechen, in den man manchmal auf der Suche nach Hilfe gerät – vorausgesetzt, man ist wirklich bereit, etwas zu lösen. „Man kann nicht nur über das Negative reden“, sagt die Expertin, „sondern muss daran arbeiten, was die Person sonst haben will. Wenn man es als Therapeut z. B. bei Depressiven schafft, ihre Angst, Trauer und Verzweiflung gut zu erwischen, dann kann man dem Ganzen eine neue Richtung geben und anfangen, Ziele aufzubauen, und dann können sogar wenige Sitzungen ausreichen, um die Depression zu lösen.“

Die Entscheidung für ein gutes Leben


Man muss nur wollen“ scheint auch in diesem Fall zu gelten. Denn es braucht die bewusste Entscheidung, wirklich zu einer Lösung kommen zu wollen. Zu einem Therapeuten zu gehen, in der Erwartung, dass alleine das Hingehen schon reicht, wird nicht viel bringen. Er kann unterstützen, aber die Arbeit muss man schon selbst machen.
Besonders deutlich hat Gundl Kutschera das mit einem Mädchen erlebt, das vier Jahre lang in der Psychiatrie war, bevor es an ihr Institut kam. Man hatte es entlassen – mit dem Hinweis, das bringe alles nichts, das werde nichts mehr mit ihm, es werde wohl sein ganzes Leben in betreuten Einrichtungen verbringen. Inzwischen hat es die Schwesternschule mit Auszeichnung abgeschlossen und studiert jetzt Medizin. Wenn man es fragt, was der springende Punkt war, ab dem es sein Leben so in den Griff bekommen hat, sagt es: „Meine Entscheidung. Dass ich beschlossen habe: Ich will leben, und ich will, dass nicht die Therapeuten alles für mich tun müssen.“

Die Wahl des richtigen Gegenübers


Gerade deshalb ist es wichtig, den richtigen Therapeuten zu finden, sagt Gundl Kutschera. Und das kann manchmal wirklich schwierig sein: „Ich denke, man kann das Richtige für sich finden, wenn man nicht dorthin geht, wo man sich im Negativen verstanden fühlt. Da gehen die Leute gerne hin, weil es bequem ist, aber das bringt nichts. Man sollte Menschen suchen, bei denen man wirklich neue und positive Gefühle spürt, da sollte man dann weitermachen.“

Vorgeschichte und Vorfahren


Wie man Vergangenheit in der Vergangenheitsbewältigung definiert, ist auch noch so eine Sache. Für viele reicht die Geschichte, die sich auf ihr Leben auswirkt, viele Generationen weit zurück. Eine Möglichkeit, solche Themen, die ihren Ursprung vielleicht noch vor der eigenen Geburt haben, anzugehen, sind Familienaufstellungen, wie sie auch am Institut Kutschera angeboten werden – eine unter Experten durchaus umstrittene Methode. Dabei werden fremde Menschen stellvertretend für Familienmitglieder in einem Raum zur Interaktion aufgestellt. Ziel ist es, störende Verhaltensmuster und Strukturen zu erkennen. Was manche für Hokuspokus halten, erlebt Gundl Kutschera als faszinierende Momente der Einsicht: „Am Ende von Familienaufstellungen, wenn sie gut gemacht sind, spürt man immer eine irrsinnige Versöhnung. Denn wenn man erlebt, dass die Eltern, die sich vielleicht ganz furchtbar verhalten haben, nur Liebe wollten, dann ist das ein riesiger Heilungsschritt.“

Ich wirke mich aus


Alles, was man löst – ob in einer Therapie oder indem man es ruhen lässt, bis es sich von alleine klärt –, wirkt sich auch auf andere aus, sind sich Experten einig. Das sagt auch Gundl Kutschera: „Wenn ich etwas löse, dann hilft das automatisch auch den Menschen in meiner Umgebung. Zum Beispiel den Eltern, weil man ja viel freier in die Familie zurückkommt.“ Und dann zitiert sie noch Sören Kierkegaard, mit dessen Spruch sie auf Postkarten wirbt: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts leben.“

 

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