Schluss mit Perfektionismus: Warum Eltern auf ihre Intuition hören sollten

Fehlende Orientierung in einer Zeit, in der Kindererziehung zur Glaubensfrage geworden zu sein scheint, führt zu Unsicherheit. Abseits von diversen Ratgebern sollten Eltern daher wieder mehr ihrer Intuition vertrauen.

Fehlende Orientierung in einer Zeit, in der Kindererziehung zur Glaubensfrage geworden zu sein scheint, führt zu Unsicherheit. Abseits von diversen Ratgebern sollten Eltern daher wieder mehr ihrer Intuition vertrauen, so der Tenor bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" am Montagabend in Wien.

Fehlendes Engagement eines Elternteils


"Zwei Drittel der Eltern erziehen bodenständig und vernünftig. Aber vom restlichen Drittel kümmert sich die eine Hälfte um nichts - und das sorgt gesellschaftlich für große Schwierigkeiten -, und die andere Hälfte um alles", erklärte Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes und Autor des Buches "Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung".

Die Einstellung zum Kind habe sich massiv geändert - unter anderem durch den Trend zu kleineren Familien. "Wer nur ein Kind hat, will ein Premium-Kind. Da wird alles reingesteckt", so Kraus. Er verweist auf Eltern, "die die Kinder den 800 Meter langen Weg durch die verkehrsberuhigte Zone mit dem SUV in die Schule bringen und jede Note anfechten". Durch überbordende Überwachung und Verwöhnung würden Kinder aber nie mündig und selbstständig.

Inzwischen gebe es auch sogenannte Drohnen-Eltern, die fordern, dass in der Kindergartengruppe Webcams eingebaut würden, um auch vom Arbeitsplatz einen Blick auf die Kinder werfen zu können. Mitschuld an diesen Entwicklungen seien die Medien und ein weitverbreiteter Alarmismus. So werde der Mittelschicht vermittelt, dass es ohne Matura keine Chance am Arbeitsmarkt gebe. "Und Misshandler, die hinter jedem Busch vermutet werden, stammen zu 90 Prozent aus dem Familien- beziehungsweise Bekanntenkreis", so der Autor.

"Gut genug" ist das neue "perfekt"


Gegen Extreme bei der Erziehung sprach sich auch Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF), aus. Er plädierte für eine "gewichtete Mitte" zwischen Normierung und Freiheit. Dass ein intuitiver Zugang besser sei, zeige auch eine noch laufende Studie im Auftrag des Familienministeriums. Dem würden aber "die Verwissenschaftlichung aller Gesellschaftsprozesse und die industrielle Perfektionierung - man denke an nicht perfekte Äpfel" entgegenstehen.

Er forderte außerdem, auch andere Erziehungsmodelle zu akzeptieren. "In Österreich denken 50 Prozent, dass berufstätige Frauen Rabenmütter sind, die andere Hälfte hält zu Hause bleibende Frauen für altmodisch", erklärte Mazal. Man habe es geschafft, beide Lebensmuster madig zu machen.

Eltern sollten "gut genug" als das neue "perfekt" betrachten, auch um ihren Kindern ein Vorbild zu sein, ergänzte Katharina Weiner, Leiterin des Elternbildungsprojekts familylab in Österreich. Sonst würde der ökonomische Druck direkt an die Kinder weitergegeben. "Wenn man Volksschülern vermittelt, dass ein Dreier im Zeugnis den Weg zum Gymnasium unmöglich macht, man dann einen schlechten Job annehmen muss und so garantiert unglücklich wird, gibt es keine Gelassenheit mehr", so die Familienberaterin.

 

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