Schluss mit Jammern in der Beziehung

Egal ob Arbeit, Kindererziehung, Karriere oder Diät: Es gibt immer jemanden, dem es noch schlechter geht. Wenn der Satz "Ich bin noch viel ärmer dran" in Partnerschaften allerdings zur Gewohnheit wird, besteht Handlungsbedarf. Sonst wird aus der Konkurrenz bald echtes Leid.

Nur ein kleines bisschen Zuspruch - das hätte sich Anita von Klaus immer gewünscht. Dann, wenn ihr wieder einmal alles über den Kopf gewachsen war: Job, Haushalt, Familie und der Umbau des Einfamilienhauses. War der Halbtagsjob als Krankenschwester nachmittags getan, musste sie sich um den Sohn kümmern, den Haushalt erledigen, und dann war da eben noch die Baustelle.

Abends, wenn Klaus von der Arbeit kam und sie ihm erzählte, wie anstrengend der Tag mal wieder gewesen war, hörte sie immer dasselbe: "Schatz, das ist ja noch gar nichts. Ich muss mich jeden Tag mit diesem saublöden Chef herumschlagen, und wenn das so weitergeht, bin ich vielleicht sogar bald arbeitslos." Sie war schließlich diejenige, die "nur" einen Halbtagsjob hatte. Das bisschen Haushalt könne doch niemals so anstrengend sein wie das, was er leiste. Und Anita dachte sich oft, dass ein paar Stunden vor dem Computer zu sitzen niemals so anstrengend sein könne, wie abends noch Fliesen von der Wand zu klopfen, auszumalen und nebenbei mit Lukas Hausaufgaben zu machen.


Doppeltes Leid.

Manchmal ist in Partner- und Freundschaften geteiltes Leid eben doppeltes Leid. "Wir haben uns oft richtig aufgeschaukelt, wer jetzt der Ärmere von uns beiden ist. Wenn er gejammert hat, dass er kaum Geld am Konto hat, habe ich eins nachgelegt und gesagt, dass ich noch weniger verdiene", erzählt die 42-Jährige. So war das immer. Je mehr Mitleid Klaus wollte, desto weniger konnte sie ihm geben - und umgekehrt.
"Eigentlich ist der Satz, Ich bin noch viel ärmer' nichts anderes als eine totale Blockadehaltung. Ein Zeichen, dass ich nicht über die Bedürfnisse des anderen sprechen möchte", sagt Wissenschaftler und Psychologe Thomas Zimmermann.

Eigentlich ist der Satz "Ich bin noch viel ärmer dran" nichts anderes als eine totale Blockadehaltung.
von Thomas Zimmermann, Psychologe

Auch Maria kennt das - allerdings von ihrer besten Freundin. Denn wenn Maria erzählt, wie schmerzhaft für sie die Trennung von ihrem Freund sei, sagt Beate meist nur: "Ach, das ist ja gar nichts. Als ich mich von Ernst getrennt habe - da ist es mir richtig dreckig gegangen. Ich habe kaum was essen können, geschweige denn das Haus verlassen. Dafür geht es dir doch blendend."
Statt auf das Beziehungs-Aus ihrer Freundin einzugehen, trumpft Beate lieber damit auf, wie viel schlechter es ihr damals gegangen ist. Auch wenn ihre Trennung mittlerweile schon wieder zwei Jahre her ist. "Nur weil ich versuche, die Dinge vom Tisch zu wischen, gehen die Belastungen und Bedürfnisse des anderen davon nicht weg und sind trotz des Vergleichs nicht weniger wichtig", sagt Zimmermann. Schließlich werden Stress und Leiden stets individuell erlebt und sind keinesfalls miteinander vergleichbar.

Konkurrenzkampf.

Fakt ist allerdings, dass wir uns trotzdem gerne mit allem vergleichen und messen, auch in der Partnerschaft. Oder besser gesagt: gerade dort. Schon in den Fünfzigerjahren fand der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger heraus, dass wir uns nur mit denjenigen vergleichen, deren Abstand zu unseren eigenen Meinungen und Fähigkeiten nicht allzu groß ist. Und das sind eben meist Partner oder Freunde. "Es ist aber selten, dass Partnern ihr Konkurrenzkampf bewusst ist", so Thomas Zimmermann. Auch die Dimension, in der man sich misst, werde meist völlig unbewusst ausgesucht. Also ob es nun darum geht, wer der bessere Skifahrer ist, oder derjenige, der in der Beziehung schlechter dran ist.

Aber während das mit dem Skifahren mit ein paar Unterrichtsstunden geregelt werden kann, ist das mit dem Konkurrenzkampf in Sachen Leiden langwieriger. "Wenn ich mich irgendwann generell benachteiligt fühle, sagt das viel über meinen Zustand und mein Selbstwertgefühl aus", sagt Zimmermann. Gefühle wie Neid und Konkurrenz sind ein sicheres Barometer für das eigene Befinden. Je zufriedener man mit sich selbst und seiner Situation ist, desto eher kann man auf Partner und Freunde und deren Bedürfnisse eingehen - und ihnen auch etwas gönnen. Und sei es nur einen Job, der einem wenig Stress abverlangt, wie im Fall von Klaus.

Die "Ich-bin-ja-so-arm-Tour" ist jedenfalls ein Zeichen dafür, dass etwas grob im Ungleichgewicht ist.

Die "Ich-bin-ja-so-arm-Tour" ist jedenfalls ein Zeichen dafür, dass etwas grob im Ungleichgewicht ist. Eigentlich kein Wunder, denn gerade Paarbeziehungen sind ein hochkomplexes Gebilde aus Verhandlungen, in denen es immer um gemeinsame und individuelle Lebenspläne geht, die es unter einen Hut zu bekommen gilt. Da fühlt sich schnell einer mal über den Tisch gezogen.

Sprich mit mir.

"Ich darf nicht erwarten, dass der andere kapiert, dass ich mit meinen Leidensgeschichten eigentlich nichts anderes sagen will als, Hallo, wir müssen dringend etwas unternehmen'. Jammern ist noch keine Aufforderung, etwas zu ändern", so Thomas Zimmermann. Besser, Sie warten nicht darauf, dass der andere Ihnen endlich zuhört oder Aufmerksamkeit schenkt, sondern unternehmen selbst etwas. Und da genügt es schon, eigene Bedürfnisse zuzulassen. Denn es ist prinzipiell immer ein guter Zeitpunkt, alte Muster zu durchbrechen.

Jammern ist noch keine Aufforderung, etwas zu ändern …
von Thomas Zimmermann, Psychologe

Wer etwa zu Hause bei den Kindern bleibt, darf den Wunsch, ein paar Stunden pro Woche arbeiten zu gehen, ruhig zulassen. Auch wenn der Alltag neu organisiert werden muss, bleibt der Wunsch nicht unerfüllbar. "Sie sollten sich genau überlegen, was Sie wollen. Wer für ein paar Scheine mehr eben keinen Teilzeitjob annehmen will und lieber bei den Kindern bleibt, sollte das dann nicht dauernd dem Partner vorwerfen", so Zimmermann. Wer wie Maria mit ihren Problemen erhört werden möchte, darf das ruhig äußern und soll sich nicht mit Bemerkungen wie jenen von Beate abwürgen lassen. Sätze wie "Ich finde es toll, wie du die Situation damals gemeistert hast. Allerdings ist meine Trennung damit nicht vergleichbar. Und es hilft mir, wenn ich darüber sprechen kann" zeigen dem Gegenüber klar, was mein Anliegen ist.

"Ich beobachte nicht selten, dass Beziehungen scheitern, weil die Erwartungen aneinander unerfüllbar hoch sind. Es wird viel an Nähe zerstört, wenn ich erwarte, nur der andere könne dafür zuständig sein, meine Probleme zu erhören und zu lösen", so Zimmermann. Wer sein Glück allerdings selbst in die Hand nimmt, stärkt automatisch sein Selbstwertgefühl und kann so die Leistung des anderen besser anerkennen, statt neidisch darauf zu sein. Denn Jammern und Mitleidlosigkeit sind nichts anderes als eine Maske, hinter der sich allzu oft Neid verbirgt.

Beziehungs-Burn-Out.

Anita hätte sich oft eine starke Schulter zum Anlehnen gewünscht, und jemanden, der im Haus mit anpackt, statt jemand wie Klaus, der sich immer nur beklagte, wenn etwas zu tun war. Irgendwann war Anitas Energie dann weg und die 42-Jährige klagte immer öfter über Kopf- und Rückenschmerzen. Für den Psychologen Thomas Zimmermann nicht weiter verwunderlich: "Die negative Entwicklung in solchen Beziehungsmustern ist nach unten offen.

Im schlimmsten Fall kann einer der Beteiligten Depressionen oder andere psychosomatische Erkrankungen entwickeln.
von Thomas Zimmermann, Psychologe

Im schlimmsten Fall kann einer der Beteiligten Depressionen oder andere psychosomatische Erkrankungen entwickeln. Wer krank ist, ist nämlich hilfsbedürftiger - und dann tatsächlich der Ärmere von beiden." Auch Niedergeschlagenheit oder Gefühllosigkeit sind Alarmsignale, dass dringend etwas geändert werden muss. Denn auch in Beziehungen ist ein Burnout-Syndrom durchaus möglich.


Auch wenn Sie den Satz "Ich bin ja noch viel ärmer dran als du" nicht mehr hören können, birgt er doch jede Menge Chancen in sich, die Beziehung neu zu definieren. Dann, wenn es zumindest einem der beiden endgültig reicht und genug Ansporn da ist, gute Vorsätze endlich in die Tat umzusetzen. Voraussetzung ist allerdings, dass man seinen eigenen Fähigkeiten vertraut, Dinge verändern zu können. Doch je offensiver Partner und Freunde mit dieser Situation umgehen, desto eher kann man das Positive aus einem negativen Konkurrenzkampf herausholen. Wenn ich Neid und Konkurrenz als Gefühle zulasse, kann ich mich besser auf meine eigenen und die gemeinsamen Wünsche einlassen. Wer offen miteinander konkurrieren kann, ist jedenfalls gut gewappnet. Es heißt ja nicht umsonst, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Und manchmal eben nicht nur das.

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