Schlau durch Bewegung

Von wegen Gedächtnistraining und Brainfood: Sportwissenschaftler und Hirnforscher Frieder Beck schreibt in seinem Buch „Sport macht schlau“, dass Bewegung der Schlüssel zu einem leistungsfähigen Hirn ist. Wenn Sie dieses Interview mit dem Autor gelesen haben, lassen Sie nie wieder Ihren inneren Schweinehund die Oberhand behalten.

Sie schreiben Sport macht schlau. Bedeutet das, dass jemand, der keinen Sport macht, automatisch dümmer ist?

Frieder Beck: Natürlich nicht. Ich beziehe mich in „Sport macht schlau“ auf statistische Werte. Mit schlau umschreibe ich in meinem Buch die Leistungsfähigkeit des Stirnhirns und der sogenannten exekutiven Funktionen. Diese bestimmen statistisch gesehen unseren Erfolg in Schule und Beruf sowie unsere Lernleistung. Diese mentalen Funktionen können wir durch Sport und Bewegung stark ankurbeln – kurzfristig und langfristig. Die Studien zeigen, dass die körperlich fitteren Schülerinnen und Schüler statistisch gesehen die besseren sind. Große und berühmte Denker, die sich nichts aus Bewegung machen, gibt es viele. Aber jemand der sich wenig bewegt, schöpft möglicherweise seine geistige Leistungsfähigkeit nicht voll aus.

Wie viel und welchen Sport muss man machen, um geistig zu profitieren?

Profitieren werden Sie immer. Je mehr Bewegung, desto besser gilt natürlich nicht uneingeschränkt. Pausen sind ebenso wichtig wie Aktivität. Allerdings kann man davon ausgehen, dass wir uns in Österreich und Deutschland weniger bewegen, als für unseren Geist und Körper gut wäre. Generell führt körperliche Aktivität, die freiwillig ausgeführt wird und den Menschen aerob belastet, zu vielen förderlichen Effekten auf unseren Geist. Genauso erfordert das Üben und Trainieren in technisch anspruchsvollen Sportarten wie Turnen, rhythmische Sportgymnastik, Ballett, Tanz oder Klettern von unserem Stirnhirn eine hohe Verarbeitungstiefe ab und gleichzeitig treten häufig Momente auf, in denen die eingebrachte Selbstregulation durch das Bewältigen der sportlichen Herausforderungen belohnt wird. Beides fördert langfristig unsere geistige Leistung. So gibt es keine optimale Bewegungsform per se. Es geht eher darum, wie Sie trainieren und sich bewegen, mit welcher körperlichen Betätigung Sie Ihre Hauptsportart ergänzen - und vor allem was Ihnen Spaß bereitet.

Sie schreiben, dass man besser auf eine Pulsuhr verzichten soll - sicher?

Ich weiß, das klingt zunächst provozierend und plakativ. Wenn Sie im Ausdauersport erfolgreich sein wollen, dann sind Pulsuhren ein wichtiges Hilfsmittel. Ganz klar. Starten Sie jedoch erstmalig beispielsweise mit dem Joggen und wollen die förderlichen Effekte auf Ihren Geist während dem Laufen erfahren, dann ist es besser, Sie machen sich von jeglichem zusätzlichen Ballast frei, der ihre Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin einfordert. Nur dann kann sich Ihr beim Joggen hochregulierter Geist mit sich selber beschäftigen und neue Ideen entwerfen sowie bestehende Probleme lösen. Eine Pulsuhr, die dazu noch piept, wenn Sie einen bestimmten Belastungsbereich unterschreiten, frisst Aufmerksamkeit und Selbstregulation und stört dadurch diese Vorgänge.

Leistungsfrust, Ungeduld und Leistungsstagnation sind laut Ihnen die häufigsten Gründe, warum Menschen beim Sport nicht lange durchhalten. Können Sie mir drei Tipps verraten, wie es auf jeden Fall klappt?

1) Zwingen Sie sich bei aller Starteuphorie zu einem sanften Beginn. Beginnen Sie mit niederen Umfängen und zunächst geringen Belastungen. Koordinativ können Sie sich allerdings von Anfang an voll austoben. Sie müssen nur solange durchhalten, bis Ihr „Wanting“-System im Gehirn die Führung übernimmt – das kann schon nach wenigen Wochen passieren. Dann wird Ihr innerer Schweinehund zu einem Schmusetierchen.

2) Schließen Sie nicht sofort einen Jahresvertrag ab. Fühlen Sie sich in Ihrer neuen Sportgruppe nicht wohl, bereitet Ihnen die körperliche Betätigung weniger Spaß als gedacht oder sind die Herausforderungen zu gering? Wechseln Sie!

3) Gegen Leistungsstagnation und den damit verbundenen Frust finden sich in „Sport macht schlau“ viele konkrete Ratschläge, diese zu brechen und schnell besser zu werden. Ein paar Stunden in das Lesen zu investieren, wird Sie viele schöne Stunden in Ihrem Sport erleben lassen.


Sie schreiben, man muss 10.000 Stunden üben bis man richtig gut in etwas ist. Ist das bei jeder Sportart so oder gibt es Sportarten, bei denen es vielleicht schneller geht? Joseph Pilates, der Erfinder von Pilates, sagte hingegen, dass man nach 30 Stunden ein neuer Mensch sei ...

Die Vermutung, dass man 10.000 Stunden üben muss, um höchste Expertise in einem Bereich zu erlangen, wurde vor einigen Jahren von Anders Ericsson aufgestellt, nachdem er trainingsbiographische Daten von viele Experten ausgewertet hatte. Diese Regel bezieht sich auf Weltklasseniveau. Richtig gut können Sie schon mit viel, viel weniger Trainingsstunden werden. In „Sport macht schlau“ geht es ja genau darum, wie Sie möglichst schnell in einer Sportart oder einer Disziplin besser werden und so mit Ihrer knapp bemessenen Trainingszeit optimale Ergebnisse herausholen. So kann ich der Feststellung von Joseph Pilates beipflichten.


Um zu erfahren, dass man für Erfolg üben muss und was das im Hirn auslöst, fordern Sie die Leser auf, jeden Tag 5 Minuten zu versuchen mit einem Fußball zu jonglieren. Hätten Sie nicht eine andere Aufgabe, die den Körper besser trainiert?

Bei dieser Aufgabe habe ich weniger den Trainingszustand des Körpers im Sinn, sondern der Geist und das motorische Lernen stehen hierbei im Fokus. Es geht dabei darum, die im Buch beschriebenen Hirnvorgänge wie beispielsweise die dopaminergen und opioiden Aktivierungen nach unerwarteten Bewegungserfolgen zu erleben, die Schlafkonsolidierung am eigenen Leib und Geist zu spüren und das „wanting“ und den „Hot“-Zustand zu erfahren, ohne dass ein großer organisatorischer Aufwand getrieben werden muss. Alternative Bewegungsaufgaben hierzu gibt es natürlich viele. Diese müssen eine Herausforderung darstellen und mit zunehmender Expertise einen hohen Aufforderungscharakter entwickeln können.

Starten Sie mit neuen Bewegungsformen. Sie finden Sie im Internet viele Videos von technisch anspruchsvollen Bewegungen oder Tricks aus unterschiedlichsten Sportarten. Dort wählen Sie sich ein paar Bewegungsaufgaben aus. Beispielsweise bietet es sich an, klassische Übungen aus der Gymnastik und Fitness mit koordinativen Zusätzen auszuführen, Bewegungen aus Kampfsportarten wie z.B. Karate oder Taekwondo zu erlernen, sich an einer Tanzchoreo, am Moonwalk oder im Twerking zu versuchen. Betreiben Sie beispielsweise schon länger Pilates oder Zumba, dann haben Sie sich bereits schon viele dopaminerge Erlebnisse besorgt und einige der Buch beschriebenen Vorgänge wahrgenommen. Ich möchte Sie dazu ermutigen, sich dabei weiterhin immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Gehen Sie Übungen an, die eigentlich zu schwer erscheinen. Versuchen Sie an Ihrer koordinativen und technischen Leistungsgrenze zu trainieren. Ihr Geist wird es Ihnen danken.

Sport macht schlau, Frieder Beck

Buchtipp: Sport macht schlau, Frieder Beck, Goldegg-Verlag, um € 19,95

Der Autor ist Sportwissenschaftler, Hirnforscher, Gymnasiallehrer und Trainer der deutschen Nationalmannschaft im Ski-Freestyle.

 

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