Schimpfen ist gut fürs Wohlbefinden

Immer „schön sprechen“ – das lernen wir schon als Kinder. Doch die verpönten Wörter haben auch ein paar Vorteile. Wir haben herausgefunden, warum fluchen gut für uns ist, welche Fluchtypen es gibt und wie wir lernen, gepflegt Dampf abzulassen.

"Scheißregen, verschissener!“, brumme ich vor mich hin, während ich umständlich an meinem Schirm herumhantiere. Der Wind wirft mir eine weitere Ladung Wasser ins Gesicht. „Geh auf, du Mistding!“ So, wie ich mich gerade aufführe, bin ich ganz froh, dass niemand in der Nähe ist, der mich hören könnte. Aber zu meiner Verteidigung: Es ist Montagfrüh, der Himmel über der Stadt hat einen heftigen Anfall von Inkontinenz und mein Regenschirm hat sich verklemmt. Also schiebe ich noch ein paar Mal „Fuck!“ hinterher und kriege das Mistding endlich auf. Scheiße auch.
Ganz schön peinlich, wenn man so die Fassung verliert, oder? Das tut man doch nicht. Doch wenn man einigen Studien trauen darf, dann spricht es eher für mich, dass ich fluche wie ein Matrose.

Fluch-Studien


Denn laut neuesten Erkenntnissen von Wissenschaftlerinnen von Universitäten in Maastricht, Hongkong und Kalifornien sind Menschen, die offen fluchen, ehrlicher als jene, die es unterdrücken.
Und das ist nicht der einzige Vorteil. Kraftausdrücke können uns, wie der Begriff schon nahelegt, tatsächlich zusätzliche Kräfte geben. Diese Beobachtung machte der US-Psychologe Richard Stevens bei der Geburt seines Kindes. Verstört fragte er danach die Hebamme, ob es denn normal sei, dass seine Frau im Kreißsaal so viel geflucht hatte. Das war der Beginn seiner Forschungsarbeit über Schmerzempfinden und Tabuwörter.


In seinem folgenden Versuch mussten die Testpersonen ihre Hände in eiskaltes Wasser tauchen. Sie wurden dabei in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine durfte nach Lust und Laune F- und S-Wörter verwenden, die andere nicht. Das Ergebnis war eindeutig: Das Team „Scheiße, verdammt noch mal!“ hielt es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als das Team „Schönsprechen“. Der Effekt ließ sich beim Ausdauertraining am Heimtrainer ebenfalls nachweisen. Auch hier konnten die Fluch-Radler trotz steigenden Schwierigkeitsgrades ihr Tempo halten, die anderen nicht.


Altes Gehirn


Den Grund für diesen Effekt kennt man auch: Das Ausstoßen von Flüchen aktiviert unser evolutionär ältestes Hirnareal, nämlich das limbische System. Dieses gibt unserem Körper das Signal, Adrenalin durch unsere Venen zu jagen, was jäger- und sammlertechnisch ein großer Vorteil war. Die Instinkte sind bis heute dieselben geblieben – nur dass wir mittlerweile statt Speeren und Faustkeilen eher Coffee-to-go-Becher und Smartphones in den Händen halten. Und dementsprechend finden wir den Ausdruck von Unbeherrschtheit in der U-Bahn und im Büro unangebracht.

Fluch-Training


Schade eigentlich, findet die Autorin Stephanie Drönner, die jetzt einen Ratgeber zu diesem Thema geschrieben hat (Einfach mal Fuck sagen. Über die befreiende Wirkung des Fluchens, € 17,50, erscheint im April 2017 bei mvg). Für ihr Buch ging sie in den Selbstversuch und beobachtete, was passiert, wenn man einfach mal ungehemmt den Dingen ihren Lauf lässt.


„Anfangs dachte ich, dass ich Leute unangenehm vor den Kopf stoßen werde mit meiner Offenheit“, sagt Drönner. „Das passierte aber glücklicherweise nicht. Ehrlichkeit fordert Ehrlichkeit heraus, und das ist ein positiver Prozess.“ Und sie gewann nicht nur an Authentizität, sondern auch an Durchsetzungskraft.

An eine ­Situation erinnert sie sich noch genau: als man ihr in der Autowerkstatt Allwetterreifen statt Winterreifen andrehen wollte. „Da half schüchtern-höfliches Nachfragen überhaupt nicht. Ein lautes ‚Verdammte Scheiße, jetzt reicht’s aber!‘ verschaffte mir dafür sofort Gehör und schließlich auch die richtigen Pneus – auch wenn der Mechaniker die erst aus einer anderen Filiale holen musste.“


Lass es raus, verdammt nochmal!


Aber nicht jede ist für die harte Tour gemacht. Wie also die innere Wutbürgerin rauslassen, wenn man das von sich selbst eigentlich gar nicht kennt? „Indem Sie sich den Druck nehmen“, meint Drönner. „Fangen Sie einfach klein an; ich habe etwa zunächst im Auto losgelegt und dann unter Fremden, etwa in der Supermarktschlange, die ersten Erfahrungen gemacht. Übung macht auch Fluchmeisterinnen.“


Drei Fluchtypen


Laut Drönner gibt es beim Fluchen drei Hauptcharaktere: die Verkrampferin, die Verwechslerin und die Vergaloppiererin. Während die Verkrampferin gehemmt ist, entsprechend kaum flucht und sich eher schämt, wenn ihr ein Sch-Wort auskommt, ist die Verwechslerin zwar ganz ordentlich bei der Sache, lässt ihren Frust aber tendenziell an der falschen Adresse ab – mit entsprechend unbefriedigenden Ergebnissen: „Es bringt nicht viel, wenn ich im Restaurant meinem Gegenüber die Ohren vollmotze, dass die Suppe versalzen ist. Das muss ich schon der Kellnerin sagen“, so Drönner.


Der dritte Typ, die Vergaloppiererin, ist wohl am schwierigsten zu handeln: „Die lässt bei jeder Klitzekleinigkeit Dampf ab und schießt damit übers Ziel hinaus. Denn die hilfreiche Wirkung des Fluchens nimmt ab, wenn man es quantitativ übertreibt.“ Zu demselben Ergebnis war übrigens auch der Psychologe mit der fluchenden Frau im Kreißsaal gekommen. Mehr Kraft hatten in seinen Versuchen nur jene, die im Alltag sparsam mit den Kraftausdrücken umgehen.

Vorsicht: Fluch UND Segen!


Und hier kommen wir zu dem Teil, wo wir besser etwas auf die Fluch-Bremse steigen. Sich Luft zu machen kann zwar befreien und authentisch machen, aber es kommt immer auf die Situation an. Und mit dem limbischen System ist auch nicht zu spaßen. Das weiß der Wiener Psychologe Saam Faradji (faradji.at). Für ihn hat Fluchen immer etwas mit Wut und Konflikt zu tun. „Unser Gehirn ist bei Wut im Stressmodus. Und das ist meistens nicht sehr konstruktiv. Und wenn unser Gegenüber negativ darauf reagiert, kommen wir in einen Teufelskreis.“
Schließlich kann es auch ganz schön ungemütlich werden, wenn man selbst unfreiwillig in den Genuss der befreienden Unflätigkeiten anderer kommt. Wenn die Kollegin am Schreibtisch gegenüber eine kleine Vergaloppiererin ist und sich beim E-Mail-Lesen gar nicht mehr einkriegt vor lauter Authentizität, würde man am liebsten den Kopf einziehen. Oder die blöde Kuh zum Schweigen bringen. Wir sehen: Sprache kann ansteckend sein. Was also tun?


„Sie können es natürlich ansprechen“, empfiehlt der Psychologe. Nur lieber aufpassen, dass Sie die verehrte Vergaloppiererin nicht in die Defensive treiben. „Also keine Anschuldigungen machen, sondern über sich selbst sprechen und etwa sagen: ‚Wenn ich merke, dass du laut wirst, dann ist das für mich schwierig.‘ Das kann zu Verständnis führen.“

So funktioniert es auch!


Und dann ist da noch das alte Problem: Gehören Sie auch zu denen, die erst merken, wie oft sie Scheiße sagen, wenn Kinderohren in Reichweite sind? Da sind sich sogar der Psychologe und die Fluch-Buch-Autorin einig: Das muss nicht sein. „Ich unterdrücke es nicht völlig, aber da versuche ich schon, statt ‚Scheiße‘ zum Beispiel ‚Krötengrütze‘ zu sagen“, meint Stephanie Drönner.


Auch Faradji stimmt mit ein: „Es sind weniger die Worte an sich, die helfen, Druck abzulassen, sondern wenn ich meiner Wut, also dieser Energie, mit meiner Stimme Ausdruck verleihe.“ Im Grunde geht es bloß darum, dass wir lernen, zu zeigen, was uns gefällt, was uns nicht gefällt – und was uns richtig anpisst. Krötengrütze noch mal!

 

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