Scheinbare Macht: Matriarchat in Ruanda?

Nach dem Völkermord 1994 gab es in Ruanda nur noch so wenige Männer, dass Frauen plötzlich in Machtpositionen gekommen sind. In kaum einem Land ist die Gleichstellung der Geschlechter heute so weit fortgeschritten wie in Ruanda - zumindest auf dem Papier.

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"Genau hier, wo wir jetzt sitzen, wurde 1994 mein Mann verbrannt", erzählt Laurence Mukakabera, 54, während sie einen der sechs Stühle auf dem unebenen Lehmboden in ihrem Wohnzimmer zurechtrückt und sich setzt. "Und siehst du, da drüben in der Ecke stand ich mit den Kindern. Sie mussten zusehen, wie ihr Vater bei lebendigem Leibe verbrennt", fügt sie leise, fast schon unhörbar, hinzu. Ihre Hand zeigt in die keine fünf Meter entfernte Ecke an der anderen Seite des Raumes. Es wird ruhig und es ist ein grausames Bild, aber man sieht die fünf-und sechsjährigen Kinder vor dem inneren Auge, auch wenn man sie noch nie tatsächlich gesehen hat.

Während die Dolmetscherin gerade noch fertig übersetzt, unterbricht Laurence die schrecklichen Bilder im Kopf und fährt mit einem anderen Thema fort. Sie entschuldigt sich, dass das Haus noch nicht ganz fertig ist. 1997 habe sie mit dem Bau begonnen, das Dach sei bis heute noch nicht dicht. Seit 1994 sei sie eben alleine für die Kinder, deren Schulgebühren und den Hausbau verantwortlich.

Dass Laurence überhaupt von ihrer Geschichte erzählt, ist ungewöhnlich. Die Menschen, denen wir in Ruanda begegnen, wirken eher zurückhaltend und verschreckt. Die meisten schauen gleich weg, wenn der Blick eines fremden Menschen sie streift. Der Völkermord von 1994 steckt noch tief in den Knochen, das merkt man schnell. Darüber geredet wird wenig. Und vor allem: "Das, was 1994 passiert ist" muss man nicht aussprechen.

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Aussterben des Patriarchats

Bis 1994 war Ruanda von strengen patriarchalen Strukturen geprägt. Dass das kleine Land, umgeben von Kongo, Uganda und Tansania, heute in Rankings zum Thema Gleichstellung der Geschlechter unter den besten fünf Ländern weltweit ist, liegt nicht etwa daran, dass Männer eines Tages beschlossen, das Patriarchat zu beenden. Vielmehr begründet sich diese heutige "Vorbildfunktion", die Ruanda gerne zugeschrieben wird, aus der Geschichte: Die Bevölkerungsgruppen der Stämme Hutu und Tutsi wurden politisch so sehr gegeneinander aufgehetzt, dass dies ab 6. April 1994 zu einem 100-tägigen Völkermord führte. Hutu, die Mehrheit der Bevölkerung, fielen über die Minderheit der Tutsi her. Über eine Million Menschen fielen den Morden zum Opfer; Tutsi, aber auch Hutu. Tutsi wurden mit Macheten umgebracht oder verbrannt, alle Hutu, die nicht zu MörderInnen werden wollten, wurden selbst getötet. Wenn die Stammesherkunft einander trennte, wurden NachbarInnen, Bekannte und sogar FreundInnen zu MörderInnen.

Weniger als 20 Richter überlebten den Genozid, das Justizsystem war also nach dem Völkermord mehr als überlastet. Dazu kommt: Weil alle zu potenziellen MörderInnen wurden, konnte man ohnehin über einen so großen Teil der Bevölkerung keine Haftstrafe verhängen. Stattdessen erfolgte die Aufarbeitung des Genozids über sogenannte "Wiesengerichte", eine alte ruandische Tradition, bei der der Dorfälteste TäterInnen und Opfer zusammenbringt. Dabei geht es weniger um Strafe, sondern um das Ziel, dass alle Beteiligten mit der Vergangenheit abschließen können.

Laurence erzählt von einem Wiesengericht, dem sie beiwohnte. Von dem Gefühl, wenn der Mörder, der einen Teil der Familie ausgelöscht hat, dem Opfer gegenübersteht und das Opfer laut Laurences Erzählungen sagt: "Ich kann dir nicht verzeihen, aber ich weiß deine Entschuldigung zu schätzen."

Wie der Völkermord in der Form passieren konnte, kann man sich im Nachhinein kaum erklären. "Hass", sagt Laurence trocken. "Das, was 1994 passiert ist, war Hass und Hetze." Das Wort Genozid wird selten ausgesprochen. Es ist auch nicht notwendig, alle kennen die Geschichte: Zurück blieben mehrheitlich Frauen. Sie waren es, die die Jobs der Männer übernehmen, die Häuser wieder aufbauen, die Toten begraben und den Staat wieder zum Laufen bringen mussten. Im Kigali Genocide Memorial wurden etwa 250.000 ermordete Tutsi egraben.

Frauen können alles, was Männer können. Sie werden nur oft strukturell gehindert. Frauenprojekte und rein weibliche Kooperativen sind daher besonders in Ruanda enorm wichtig.

von Angelique Karekezi, Namensgeberin des Kaffees Angelique's Finest
Gleichstellung Ruanda

Von der Not zur Tugend

So düster die Vergangenheit auch war, so rosig sah die Zukunft in Sachen Geschlechtergleichstellung aus: Erstmals konnten bzw. mussten Frauen notgedrungen Politik und Gesellschaft mitgestalten. Heute sind über 60 Prozent der Plätze im Parlament an Frauen vergeben, Ruanda wird als Vorbild in Sachen Gleichstellung dargestellt. Gelungen (zumindest auf dem Papier) ist das sowohl von oben, etwa durch eine notgedrungene Änderung der staatlichen Strukturen, als auch von unten durch die Vernetzung von Frauen - vor allem in der Landwirtschaft, dem wirtschaftlich wichtigsten Sektor. Über 350.000 Haushalte leben vom Kaffeeanbau, so auch Laurence und ihre Kinder hier, etwa zwei Stunden nordwestlich der Hauptstadt Kigali. Mit einem kleinen Stück Land - das sie als Frau vor dem Genozid gar nicht hätte besitzen dürfen - war Kaffee die naheliegendste Option. 2012 ist Laurence der Frauenkooperative Rambagira Kawa beigetreten. Die Kooperative, die 2011 hauptsächlich von Witwen gegründet wurde, stellt heute Angelique's Finest her, einen Kaffee rein aus Frauenhand, angebaut, geerntet und geröstet in Ruanda (erhältlich über den DM-Onlineshop, € 13,95 pro 500 g). Das ist in Zeiten, in denen ungerösteter Kaffee zu Dumpingpreisen gehandelt wird, enorm wichtig, weil so die gesamte Wertschöpfung im Land bleibt, Frauen bei Projekten wie diesen ökonomisch mehr profitieren und unabhängiger leben können. Angelique's Finest ist zudem mit dem Fairtrade-Label zertifiziert, das heißt, dass es bei besonders niedrigen Weltmarktpreisen ein Sicherheitsnetz für die Kaffeeproduzentinnen gibt: Ist der Preis zu niedrig, stockt Fairtrade auf. Das Produkt der Frauenkooperative war eigentlich eine Marketingidee der Namensgeberin Angelique Karekezi, heute steht ein empowernder Aspekt über dem Marketing: "Frauen können alles, was Männer können. Sie werden nur oft strukturell gehindert. Frauenprojekte und rein weibliche Kooperativen sind daher besonders in Ruanda enorm wichtig. Vor dem Gesetz sind wir alle gleich, aber in der Realität kämpfen Frauen noch immer für ihre Unabhängigkeit und Gleichstellung. Durch ihr eigenes Produkt steigt zudem der Selbstwert der Frauen. Sie bekommen vor Augen geführt, wozu sie in der Lage sind", so Angelique. Das neue Mindset helfe auch in anderen Lebensbereichen, betont sie.

Global Gender Gap Index 2017

Das Weltwirtschaftsforum reiht Länder in Hinblick auf Gleichstellung:

1. Island
2. Norwegen
3. Finnland
4. Ruanda
5. Schweden

Ruanda
Ruanda Kaffee

Care-Arbeit

Wenig verwunderlich, dass auch Care-Arbeit zentrales Thema bei Frauennetzwerktreffen ist. Laut einer aktuellen Studie des Rwanda Gender Monitoring Office ist Care-Arbeit mit 25,3 Wochenstunden im Vergleich zu 13,5 Wochenstunden bei den Männern immer noch Frauensache. Nichtsdestotrotz ist Rebecca Asiimwe, Director of Gender Mainstreaming, überzeugt, dass sich schon vieles getan hat: "Die größte Errungenschaft seit 1994 ist, dass Frauen von verzweifelten Opfern zu führenden Kräften wurden. Sie sind an vorderster Front bei der Transformation des Landes." Dass nach wie vor eine Transformation notwendig ist, steht für sie außer Frage. Sie weiß um die patriarchalen Strukturen. Vor allem bezüglich des Frauenanteils im Privatsektor und genderspezifischer Gewalt müsse noch viel unternommen werden.

Der arme Mann

Ein Projekt, das sich genau das zur Aufgabe gemacht hat, ist das von Mary Balikungeri gegründete Rwanda Women Network. Ziel ist es, geschlechterspezifische Gewalt zu reduzieren und Frauen zu ermutigen, darüber zu sprechen, konkret: "Patriarchale Strukturen aufbrechen und eine gesunde, empowerte und friedliche Gesellschaft schaffen", formuliert Mary das Ziel. Patriarchale Strukturen als solche zu benennen, das machen die wenigsten. Feminismus wirkt ausgerechnet in einem Land, das sich Gleichstellung auf die Fahne schreibt, wie das böse F-Wort. Hier beim Rwanda Women Network schöpft man dennoch Hoffnung. Die Ziele sind klar, die Herangehensweise konkret: Gelingen soll eine gleichgestellte, gewaltfreie Gesellschaft mit Ausbildungsprogrammen, Workshops und Safe Spaces. Von häuslicher Gewalt betroffene Frauen sollen sich hier austauschen und rechtliche sowie psychologische Unterstützung erfahren, erklärt Mary bei einem Besuch ihrer Einrichtung im Herzen Kigalis. Der Lösungsweg für betroffene Frauen sind allerdings nicht die unmittelbare Trennung des Paars, sondern eine Aussprache und die Überwindung des Konflikts. Frauenhäuser gibt es nicht, sie sind nicht gewollt. Eine Familie sei schließlich dazu da, Probleme gemeinsam zu lösen - und das gilt in Ruanda auch bei Gewalt innerhalb der Familie. "Der Mann könnte ja sonst alles verlieren", sagt Mary ganz selbstverständlich. Das erst 2008 eingeführte Gesetz zur Prävention und Strafverfolgung von geschlechtsspezifischer Gewalt scheint in der Praxis bisher wenig Anwendung zu finden.

Ruanda Kaffee

Die scheinbar Mächtigen

In rein weiblichen Kooperativen könne man neue Strukturen schaffen und das System tatsächlich revolutionieren, ist sich Angelique sicher. Allan Mubiru ist einer der wenigen Männer, die mit Angelique zusammenarbeiten. Er fungiert als Bindeglied zwischen Anbau, Rösterei und schließlich dem Vertrieb in Europa. Auch er ist davon überzeugt, dass Ruanda in Sachen Gleichstellung noch lange nicht dort ist, wo es vorgibt, zu sein. Aber es wird. Die Zusammenarbeit mit den Frauen gibt ihm Hoffnung für die Zukunft: "Strong women empower men", scherzt er - und man muss trotz oder gerade wegen des schwarzen Humors ein bisschen schmunzeln.

Gleichstellung Ruanda

Verstecktes Patriarchat

Laurence weiß die Frauenkooperative nicht nur wegen der Fairtrade-Prämien zu schätzen, sondern vor allem auch wegen des Austauschs mit anderen Kaffeebäuerinnen. Zusätzlich zum Einkommen durch den Kaffee fertigen die Frauen einmal pro Woche während ihrer Netzwerktreffen Körbe aus Gräsern. Die Körbe werden später für zusätzliches Einkommen auf Märkten verkauft. Währenddessen wird geplaudert, über aktuelle Probleme gesprochen. "Kürzlich hat etwa eine Frau erzählt, dass ihr Mann zu Hause Probleme macht, weil sie ihr Geld nicht mit ihm teilen will", erzählt Laurence. "Also haben wir ihr gesagt, dass sie mit ihm teilen soll, um keinen Ärger mehr zu riskieren", ist ein Beispiel einer Problemlösung, das Laurence spontan vom letzten Treffen einfällt.

Erzählungen wie diese bringen das Bild des vermeintlichen Vorzeigelandes in Sachen Gleichstellung ins Wanken - einerseits empowernde Ambitionen in fast allen Bereichen des Lebens in Ruanda, andererseits verfestigte gesellschaftliche Strukturen, die genauso patriarchal scheinen wie überall sonst. Ein echter Fall, der dieses diffuse Gefühl untermauert: Offiziell werden Frauen in der Politik unterstützt, man wünscht sich starke Frauen in einflussreichen Positionen. Gleichzeitig wird über jene Frauen, die bei Wahlen gegen Präsident Paul Kagame antreten wollen, eine Haftstrafe verhängt -wie zuletzt bei der Frauenrechtlerin Diane Rwigara. Nach der erfolgreichen Wiederwahl Kagames wurde sie rasch freigesprochen.

Wie die Probleme, die der Mann dieser Kaffeebäuerin zu Hause machte, genau ausgesehen haben, wird übrigens nicht mehr näher erläutert. Laurence und die Dolmetscherin sprechen mittlerweile schon über ein ganz anderes Thema, über das man sich im Frauennetzwerk gerne austauscht: die unterschiedlichen Herausforderungen mit der Kinderbetreuung.

Ruandas Geschichte:

1933: Seit jeher leben in Ruanda die sozialen Gruppen der Hutu und der Tutsi. Die belgische Kolonialverwaltung führt 1933 ein, dass die "rassische" Klassifizierung in Ausweisen ersichtlich sein muss. Zuvor war Ruanda eine deutsche Kolonie.

1994: Hutu und Tutsi werden gegeneinander aufgehetzt. Der bis heute ungeklärte Mord an Präsident Juvénal Habyarimana, einem Hutu, am 6. April 1994 war der Auftakt zu einem 100-tägigen Völkermord.

2000: Seit 2000 regiert Paul Kagame, ein Angehöriger der Tutsi-Minderheit. Die Rechtmäßigkeit seiner Wiederwahlen und sein repressiver Führungsstil werden aber hart kritisiert.

2002-2012: Kaum 20 Richter hatten den Genozid überlebt, Hunderttausende wurden zu MörderInnen. Das Rechtssystem hat daher nicht die Kapazität zur Aufarbeitung, weshalb das über sogenannte Gacaca-Gerichte geschieht. Bei diesen inoffiziellen "Wiesengerichten" vollziehen die Dorfältesten einer Gemeinde die Verhandlungen. Es geht aber hauptsächlich darum, dass alle Beteiligten "Heilung" finden.

2003: Erstmals wird in einer neuen Verfassung die Gleichberechtigung beider Geschlechter verankert.

 

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