Schauspielerin Irina Sulaver: "Du sollst nie langweilen!"

Wie lebendig sich das Theater der Gegenwart anfühlen kann, erfährt die WIENERIN Backstage im Burgtheater im Gespräch mit Schauspielerin Irina Sulaver.

Wer nach einem harten Probentag immer noch so strahlen kann, liebt seine Arbeit über alles oder ist eben eine verdammt gute Schauspielerin. Ein Profi durch und durch beantwortet die 27-jährige Irina SulaverFragen mit Bedacht, Humor und hoch gezogener Augenbraue. Derzeit steht der 1990 in Sarajewo geborene Burgtheater-Shooting Star neben Stars wie Birgit Minichmayrund Martin Wuttkein „Carol Reed, dem neunen, am 29.April 2017 in Wien uraufgeführten Stücks vonRené Pollesch auf der Bühne.

Du bist derzeit in fünf verschiedenen Produktionen an Burg- und Akademietheater zu sehen. Lieber Komödie oder Tragödie?

Irina Sulaver: Ich bin auf Seiten der Komödie! Es gibt eine Vorliebe für das Tragische, einen gesellschaftlichen Konsens dafür, dass etwas, wenn es tragischer ist, automatisch wertvoller ist oder eine größere Bedeutung hat. Hier stimme ich nicht zu. Damit eine Komödie gut ist, muss sie unglaublich intelligent inszeniert und gespielt sein. Das erste Gesetz im Theater ist, dass man nicht langweilt. Gute Unterhaltung zu machen, finde ich toll.

Lieber neue Stoffe oder Klassiker?

Schwierige Frage. Ich finde es fantastisch, sich mit Dingen zu beschäftigen, die im Hier und Jetzt passieren und die uns betreffen. Umgekehrt gibt es viele neue Stücke, die ich als Schauspielerin total unbefriedigend finde. Dass es Autoren gibt, die aus unserer Gegenwart heraus schreiben, finde ich schon sehr reizvoll. Bei Klassikern kommt es darauf an, wie inszeniert wird. Entscheidend ist auch, in welchem Ausmaß sich die Gruppe mit dem Stoff auseinandersetzt, sich dafür interessiert oder sich damit identifiziert. Oft wird es so altbacken oder irgendwie bieder, weil alle Beteiligten davon ausgehen, dass sie Bedürfnissen entgegen kommen müssen. Schauspieler sind modere Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Sie repräsentieren keine Parallelwelt.

Du arbeitest schon zum wiederholten Mal mit dem Regisseur René Pollesch …

Diesmal ist es meine erste Hauptrolle, zuvor habe ich "nur" in den Chören mitgewirkt. Zwischen mir und René besteht schon lange eine Verbindung durch das Jugendtheater an der Volksbühne Berlin, wo ich begonnen habe Theater zu spielen. René gehört zu den Leuten, die mich am meisten geprägt haben. Er hat mich lustigerweise auf die Idee gebracht, an der Humboldt Universität Philosophie zu studieren. Es waren die soziologischen und philosophischen Sachtexte, die er zu den Proben mitgebracht hat, die mich inspiriert haben.

„Pablo in der Plusfiliale“ war das erste Stück von René Pollesch, das ich mit 14 gesehen habe. Mir war sofort klar, dass das Theater von René ein Ort war, wo man unbedingt sein möchte.

Was mach das Theater von René Pollesch so besonders?

Es ist wie ein Spielplatz, wo man auch gerne mitspielen möchte. Zwischen René, seinen Schauspielerin, Bühnenbildnern und den Menschen vor- und hinter der Bühne entsteht eine Verbindung, eine Gruppe. Und das, was die machen, das ist salopp gesagt „sexy“.

Burgtheater Backstage mit Irina Sulaver

Worin liegt der Reiz einer Uraufführung, besonders wenn man zuvor den Text mit dem Autor erarbeitet hat?

Ich finde es großartig, dass man wirklich aus Gesprächen und aus dem konkreten Kontakt mit dem Raum, der jetzt das Akademietheater ist, und dem Bühnenbild von Katrin Brack, etwas entwickelt. Aus den Leuten, die da zusammenstehen, aus den Fragen, die sie sich stellen, worüber die nachdenken. Und das ist dann etwas, was zwischen den Leuten ist - etwas, was man dann einfach mit anderen Schauspielern wieder aufführen kann.

Bei René ist es wirklich so: Das Stück entsteht aus den Leuten, die da zusammen arbeiten und ist kein Blatt Papier, sondern die Summe all unsere Gespräche, aus dem, woran wir uns aufreiben, wofür wir uns interessieren, was wir beleuchten wollen, scharf stellen wollen.

Also sind die Schauspieler hier am Gestalten des Textes beteiligt?

Das ist natürlich eine völlig andere Autorenschaft, die man da als Schauspielerin hat. Völlig anders als eine Rolle, die man vorgelegt bekommt. Schauspieler sind hier keine Erfüllungsgehilfen und haben auch das Recht zu sagen, „Den Text möchte ich so nicht sprechen!“. René ist es ganz wichtig, dass sich die Schauspieler für das, was sie vortragen, persönlich interessieren und nicht irgendwelche einen Texte abfeuern, weil er sich das so ausgedacht hat.

Du bist seit 2016 Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters. Wie gefällt es dir in Wien?

Einerseits ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen wunderbar und sehr produktiv, andererseits ist man hier am Burgtheater als junge Schauspielerin erstmals sichtbar und man kann auch Regisseure, die einen interessieren sagen, "komm vorbei und kuck dir das an!" Das ist hier das große Los, das man hier wie auf einem Präsentiertablett steht.

Ich gehe hier selbst viel ins Theater, ins Burgtheater, Volkstheater, Schauspielhaus. Es ist großartig, wenn man junge Menschen im Foyer trifft, die sich am Burgtheater Studentenkarten für 10 Euro holen. Ein sehr fairer Preis, wie ich finde. Leute, die nicht aus einem Zwang ins Theater gehen wie eine Schulklasse. Das Theater gehört hier in der Stadt zum Leben dazu. Das finde ich wahnsinnig toll.

 

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