"Schatz, ich komme später" – wie Pendeln Geschlechterklischees verstärkt

Jung, gebildet und beruflich viel unterwegs – wir haben Experten gefragt, wie sich Mobilität auf unser Leben, unsere Gesundheit und unsere Beziehungen auswirkt. Und waren überrascht, dass Pendeln immer öfter zu einer konservativen Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen führt.

Noch nie in der Geschichte war der Mensch so mobil wie heute. 2,1 Millionen Österreicher pendeln – arbeiten also nicht in derselben Gemeinde, in der sie leben. Wir wohnen auf dem Land, haben einen Job in der Stadt und urlauben auf einem ganz anderen Kontinent. Und trotz aller Modernität werden unsere Beziehungen immer konservativer. Zumindest, wenn man aktuellen Studien zum Thema Pendeln glauben darf.

Traditionelle Geschlechterrollen


Der Soziologe Norbert F. Schneider und sein Team befragten 7.000 Menschen in sechs europäischen Ländern zu genau diesem Thema. Die Ergebnisse rücken das verklärt weltoffene Bild etwas zurecht: Pendeln bringt nämlich nicht nur neue Perspektiven, sondern auch ein Revival der klassischen Rollenbilder. So sind Frauen, die beruflich mobil sind, viel häufiger kinderlos und unverheiratet als Männer. Und: Wenn Männer pendeln, sind sie weitgehend von Hausarbeit befreit, während bei pendelnden Frauen die Aufgaben eher 50/50 mit dem Partner aufgeteilt werden. "Manchmal haben wir sogar Fälle gefunden, wo man überspitzt gesagt hat, wenn ich schon mobil und beruflich erfolgreich bin, kann ich meinem Mann nicht auch noch die Hausarbeit zumuten", berichtet Schneider. Je mobiler wir werden, desto mehr gleiten wir in das 1950er-Jahre-Schema zurück, könnte man also sagen.

Aber gleichzeitig haben pendelnde Familienväter und Mütter nicht nur die Vorteile der tollen Karriere, sondern auch gehörige Nachteile: „Menschen, die an zwei Orten daheim sind, sind oft an beiden nicht ganz sozial integriert“, sagt der Soziologe. Freundschaften aufrechtzuerhalten ist schwieriger. Es gibt Konflikte mit dem daheimbleibenden Partner, der am Wochenende ausgehen und etwas erleben will, während der Pendler einfach Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen möchte. Und glaubt man einer britischen Studie, entsprechen die Stressspitzen beim Pendeln denen von Jetpiloten im Kampfeinsatz.

Innerer Kompass


Und nicht nur das: Die viele Reiserei unseren Biorhythmus ordentlich durcheinander, sagt die Wiener Präventivmedizinerin Doris Eller-Berndl (medicalcoaching.at). Tag-Nacht-Signale, Temperaturen und Jahreszeiten, ja sogar das Essen gibt unserem Körper permanent Auskünfte über seine Umwelt. „Unser Gehirn ist davon abhängig, richtige Informationen von außen zu bekommen; an ihnen hängt eine ganze Hormonkaskade dran“, erklärt die Ärztin. „Wenn wir über längere Zeit widersprüchliche Umweltsignale erhalten, verwirrt das unser System.“ Pendler, die lange vor Morgengrauen aufstehen, unter Kunstlicht frühstücken, danach in Zügen und Büros unter Neonröhren sitzen und spätnachts noch mit dem Laptop auf dem Schoß nach Hause fahren, haben diesen Mismatch jeden Tag. Die Auswirkungen sind schleichend: „Der Körper ist ein Meister im Ausgleichen von Fehleinflüssen. Wenn das nicht mehr geht, entstehen sogenannte Gateway Diseases“ – Bluthochdruck, Übergewicht, Burn-out. Das sind chronische Erkrankungen, die nicht lebensbedrohlich sind, unsere Lebensqualität aber einschränken. Also nur Nachteile durchs Pendeln? Sollten wir doch lieber bleiben, wo wir sind?

Worauf Pendler achten sollten


Auf die Mobilität müssen wir trotzdem nicht verzichten, sagt die Medizinerin. Denn einen Job in einer anderen Stadt zu machen und trotzdem sein Umfeld zu behalten kann sehr bereichernd sein. Man sollte sich aber der Belastungen bewusst sein und gegensteuern: „Wenn man morgens mal den Kopf aus dem Fenster streckt und Tageslicht tankt, gibt man seinem Körper zumindest die richtigen Signale.“ Abends sollte man vermeiden, noch lange vor Bildschirmen zu sitzen. Es gibt Gratis-Programme, die den Blauanteil im Monitor und Display senken. Wirklich saisonale Ernährung statt der Ananas im Jänner – das alles hilft dem Körper, die richtigen Signale zu erkennen. Und natürlich Bewegung: Wir müssen uns wieder bewegen – und nicht nur bewegt werden.

"Frauen brauchen Unterstützung"


Und was kann man fürs Familienleben tun? „Frauen brauchen Unterstützung“, sagt der Soziologe Norbert F. Schneider. Durch öffentliche Kinderbetreuung, die Großeltern, den Arbeitgeber, möglichst flexible Arbeitszeiten. Eine Möglichkeit Pendeln und Familie zu vereinbaren wäre, Montag bis Mittwoch im Büro zu arbeiten und Donnerstag, Freitag zuhause. Davon müssen aber viele Arbeitgeber erst überzeugt werden.

Bei jenen Pendlern, die unter der Woche in einer Stadt arbeiten und am Wochenende woanders leben – sogenannte Shuttles –, empfiehlt der Soziologe: Möglichst viel Kontakt zu Familie und Freunden zu halten. Egal ob per Mail, Skype oder Telefon. Denn egal wie toll die Arbeit im Ausland oder in der anderen Stadt auch ist – irgendwann muss man auch wieder zurück nach Hause.

 

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