Schamanismus – Macht der Ekstase

Sie tanzte, kämpfte und siegte. WIENERIN-Reporterin Marion Genetti lernte die Macht der Ekstase kennen: Archaische Rituale, die seelische und körperliche Leiden heilen – oder anders gesagt: die Kraft des Schamanismus.

Meine Augen können nichts sehen. An meine Ohren dringen seltsame Laute: orgiastisches Stöhnen, dazu das Stampfen von Füßen. Die Geräusche ziehen mich magisch an - dabei sollte ich dank verbundener Augen meine Aufmerksamkeit nach innen lenken. Ich konzentriere mich auf den Rhythmus der Trommeln, lasse meinen Körper frei, er bewegt sich mit ungewohnter Leichtigkeit durch den Raum. Doch was ist nun? Ich verliere die Kontrolle. Es ist wie Einschlafen - gegen meinen Willen. Ich wehre mich. Lenke meine Sinne wieder nach draußen.

Um mich herum tanzen 26 Frauen und Männer. Unternehmensberaterinnen, Physiker und Lehrer lassen hier zu archaischen Klängen die Hüften kreisen. Warum sie hier sind? In der Vorstellungsrunde erzählten sie von beruflichem Stress, krankhafter Eifersucht und Partnerschaftsstreitigkeiten. Hiah Park soll ihnen helfen. Hiah Park ist eine koreanische Schamanin. Mit Tanz- und Trancetechniken will sie bei uns binnen drei Tagen einen inneren Heilungsprozess in Gang setzen.

Mystische Berufung

Hiah Park hatte nie geplant, Schamanin zu werden. Im Gegenteil, sie hatte sich dagegen gewehrt. Doch wer einmal von der Sinbyong - so wird die schamanische Initiationskrankheit in Korea genannt - heimgesucht wird, hat keine Wahl mehr. Verweigert er sich, drohen schwerste psychische und körperliche Erkrankungen, mitunter sogar der Tod, heißt es.

Die streng katholisch erzogene Tänzerin war 19, als sie sich von ihrer ersten großen Liebe trennte. Kurze Zeit später diagnostizierten Ärzte bei ihr einen Tumor. "Ich verlor meine Stimme und konnte mich drei Monate lang nicht bewegen." Das Krebsgeschwulst verschwand genauso plötzlich, wie es aufgetaucht war. Hiah Park ließ die Sache auf sich beruhen - bis sie Jahre später abermals von einem mysteriösen Leiden heimgesucht wurde. "Ich litt unter unerträglicher Einsamkeit und Langeweile. Zahllose Nächte verbrachte ich schlaflos oder träumte von meinem herannahenden Tod." Da sprach eine innere Stimme zu ihr, sagte ihr, sie solle in ihr Leben zurückkehren und andere Menschen die Liebe lehren. "Das war eine Offenbarung." Seitdem reist sie durch die Welt und teilt ihr Wissen um die Macht des rituellen Tanzes.

Der Tanz ist ein Heilmittel, das das kleine eigene Dasein mit den universellen Mustern verknüpft, um alte Wunden zu heilen.
von Hiah Park, Schamanin

"Der Tanz ist ein Heilmittel, das das kleine eigene Dasein mit den universellen Mustern verknüpft, um alte Wunden zu heilen - Trauer, Hoffnungslosigkeit und traumatische Erlebnisse", sagt Hiah. Sie ist gerade mal 1,50 Meter groß. Dennoch hat sie eine ungeheure Präsenz und strahlt Autorität aus.

Frei wie Kinder

Um unser Seelenheil zu finden, müssen wir tief in uns hineingehen - dorthin, wo unser inneres Kind noch lebt. Unsere Workshop-Übung dazu: Wir sollen dieses Kind herauslassen, einfach einmal miteinander spielen. Wir hüpfen also "als Vierjährige" durch den Saal, klopfen einander auf den Hintern, spielen Ringelreihen, nehmen uns an den Händen und sind unbeschwert. Alles gut? Nein. Im anschließenden Gespräch stellt sich heraus: Die Übung ist nicht allen gelungen. Wie ein trotzig weinendes Kind erzählt eine Teilnehmerin von der Wut, die sie erfasste, als sie die anderen herumalbern sah und es selbst nicht schaffte, sich in das Spiel zu integrieren. Eifersucht, ausgeschlossen sein, nicht mitmachen dürfen - ich bin erstaunt, wie sehr uns die Erfahrungen aus unserer Kindheit noch als Erwachsene schmerzen.

In einer Seminar-Pause spreche ich Meisterin Hiah an: Warum erleben schamanische Techniken gerade in den westlichen Industrienationen im Moment einen derartigen Hype? Sie sagt: "Die Probleme sind überall die gleichen. Die Menschen leben zwischen Angst und Hoffnung. Viele haben inzwischen realisiert, dass der Verstand nicht alles ist, dass man tiefer gehen muss. Zudem sind die Menschen offener geworden für die Spiritualität." Droht durch diese Popularisierung nicht ein Qualitätsverlust? "Ja, das ist ein großes Problem. Jeder, der einmal ein Wochenendseminar besucht hat, denkt, er sei Schamane, und gibt sich auch als solcher aus. Das finde ich sehr gefährlich. Die Leute wissen gar nicht, was sie für eine Verantwortung tragen."

Sex ist wie Geld. Man darf es nicht verschwenden, sondern muss es sinnvoll einsetzen, um es zu vermehren.
von Hiah Park, Schamanin

Noch eine Frage: Der Titel dieses Workshops lautet: Sexualität, Abhängigkeit und Spiritualität. Was hat Schamanismus bitteschön mit Sex zu tun? "Es geht um Vitalität, um die Energie, die aus dem Unterleib kommt. Viele Menschen setzen diese Kraft ausschließlich in Beziehungen ein. Die sexuelle Energie muss aber auf ein höheres Level steigen, um den Geist zu erreichen. Das soll nicht heißen, dass ich Sex ablehne. Im Prinzip ist es wie mit Geld. Man darf es nicht verschwenden, sondern muss es sinnvoll einsetzen, um es zu vermehren."

Energie statt Muskeln

Nächste Übung: Wir sollen lernen, gegen jemanden zu kämpfen - aber nur mit unserer Energie, nicht mit der Kraft des Körpers. In Zweiergruppen sollen wir den "Gegner" aus einem imaginären Kreis hinausschieben. Knie beugen, Handflächen fest an die seines Gegenübers drücken, erden, kämpfen. Körperkraft und Gewicht spielen hier - angeblich - keine Rolle. Mit der richtigen Einstellung und entsprechender innerer Sammlung soll man auch einen körperlich überlegenen Partner besiegen können. Dass meine Anstrengung aber überwiegend aus dem Body und nicht dem Mind kommt, zeigt sich am nächsten Tag: Ich habe einen fürchterlichen Muskelkater.

Der dritte Tag des Seminars beginnt mit einer Runde, in der jeder seine Träume der vergangenen Nacht schildern soll. Der Mann neben mir erzählt mit zitternder Stimme von seinem wiederkehrenden Angsttraum, in dem ihn seine Frau betrügt. Plötzlich wird er von einem Weinkrampf geschüttelt. Ich nehme seine linke Hand. Auch die anderen kommen näher, berühren ihn, trösten ihn. Unter Anleitung der Schamanin heben ihn die Männer gemeinsam hoch und wiegen ihn.

Genauso wie man von Zeit zu Zeit sein Haus reinigen muss, ist es wichtig, seine Seele von Altlasten zu befreien" - und Weinen ist ein gutes Mittel dafür.
von Hiah Park, Schamanin

Wir Frauen singen ein Schlaflied. Unser "Sorgenkind" wird sanft in Trance geschaukelt. Die Zeremonienmeisterin streicht mit einer Blume über seinen Körper, murmelt unverständliche Worte. Wir zucken zusammen, als auf einmal ein gellender Schrei durch den Saal hallt. Eine Teilnehmerin wird wie von einer unsichtbaren Hand geschüttelt. Sie brüllt sich ihren Kummer von der Seele. Ich spüre ihren Schmerz am eigenen Leib. Ich kann mich nicht mehr bewegen, so berührt bin ich von den Qualen dieser Frau. Ich sehe Tränen, die den anderen über die Wangen fließen. Für Scham ist hier kein Platz. Die Schamanin ist zufrieden: "Genauso wie man von Zeit zu Zeit sein Haus reinigen muss, ist es wichtig, seine Seele von Altlasten zu befreien", sagt sie - und Weinen sei ein gutes Mittel dafür.

Denn: "Wer auf der Suche nach seiner Ursprünglichkeit ist, das Wagnis auf sich nimmt, wahrem Schmerz und wahrer Freude zu begegnen, kann verloren geglaubte Qualitäten wieder finden." Und tatsächlich: Den beiden scheint es nach ihren Ausbrüchen besser zu gehen. Jedenfalls haben sie ein Strahlen in den Augen, eine Lebendigkeit, die vorher nicht da war.

 

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