Schadet Marie Kondos Ausmist-Trend karitativen Organisationen?

Die japanische Beraterin und Autorin Marie Kondo ruft zum großen Entrümpeln auf. Offen bleibt die Frage: Was passiert mit dem Zeug danach? Und: Spürt die Caritas das große Ausmisten durch ein Mehr an Spenden? Wir haben nachgefragt.

Ausmisten, Müll, Entrümpeln

„Danke“, sagt sie, während sie lächelnd auf dem Boden kniet, noch ein letztes Mal die ausgewaschene Jogginghose fest an sich drückt und sie dann demonstrativ zur Seite legt. „Bedanke dich bei deinen ausrangierten Teilen ganz bewusst“, rät Marie Kondo in ihrer Netflix-Show, in der sie unterschiedlichsten Menschen beim großen Ausmisten zur Seite steht. Durch das Bedanken schaffen wir einen bewussteren Zugang zu unserem materialistischen Besitztum, ist Kondo überzeugt. Der bewusste Zugang scheint allerdings spätestens dann zu enden, wenn der Textilmüllsack voll mit ausgeleierten Pullis und vereinsamten Socken festgezurrt wird. Wo und wie man mit den ausrangierten Sachen am besten weiter vorgeht, lässt die Serie offen.

Macht es dich glücklich? Wenn Nein, weg damit!

Im Fokus der KonMari-Methode – die von Marie Kondo entwickelte Aufräum-Technik – steht vielmehr das eigene Wohlbefinden. Ganz nach dem Motto: Alles, was dir keine Freude bereitet, muss raus! Die Protagonist*innen der Serie Auräumen mit Marie Kondo bestätigen am Ende jeder Folge, dass sie durch das Entrümpeln ein ganz neues Lebensgefühl gewonnen hätten und sie sich so viel besser fühlen als zuvor. Dieses Stimmungsbild scheint die Serie eindrucksvoll zu vermitteln, immerhin ist das Thema Ausmisten seit Serienstart Anfang Jänner omnipräsent in sozialen Medien und viele scheinen Gefallen am Entrümpeln à la Kondo gefunden zu haben.

Was passiert mit dem Ausgemisteten?

Dass Österreich auf den Ausmisttrend aufgesprungen ist, spürt auch Elisabeth Mimra, Leiterin der Second Hand Shops der Caritas – kurz Carla. „Zwischen den Weihnachtsfeiertagen und Anfang Jänner haben wir eigentlich immer einen hohen Zulauf. Wenn die Ferien dann vorbei sind, hört es aber relativ abrupt auf und sinkt wieder auf ein Normalmaß. Dieses Jahr war das anders: Sowohl vor Weihnachten, als auch nach Weihnachten hat es bei uns einen ungebremsten Zustrom an Sachspenden gegeben. Es ist ungewöhnlich, dass die Mengen heuer so viel größer sind als sonst“, zeigt sie sich verwundert. Es sei gut möglich, dass Marie Kondo da ihr Zutun geleistet hat, „aber ich glaube es kommt generell von dem Trend, sich zu Hause einzuigeln und es sich gemütlich zu machen“, so Elisabeth Mimra.

Gibt es so etwas wie zu viele Spenden?

Grundsätzlich seien Organisationen wie die Caritas immer dankbar für Spenden. Vor allem gut erhaltene Sachen sind gerne gesehen – auch in dem hohen Ausmaß wie jetzt gerade. „Der Arbeitsaufwand ist schon mehr als sonst, aber das lässt sich bewältigen, wenn die Sachen gut sind. Schwierig ist es dann, wenn die Leute alles bringen. Das ist etwas, womit wir hadern. Wir müssen die Dinge dann entsorgen. Das ist nicht nur ein Aufwand, sondern auch mit Kosten verbunden. Viele wissen das nicht, aber wir müssen den Müllabtransport so wie jeder andere Betrieb selbst bezahlen – zusätzlich zum Aufwand, dass wir vorher alles auseinander sortieren müssen. Das geht wahnsinnig ins Geld!“, stellt die Carla-Leiterin klar. Dass die Qualität der Spenden stetig sinkt, sei ein Trend, den sie schon seit Längerem beobachtet. Grund dafür sei der Anstieg von Fast Fashion-Konsum, weshalb Elisabeth Mimra für langfristigeres Denken plädiert: „Eine der guten Messages von Marie Kondo ist ja, dass sie sagt: ‚Überlege dir, ob dir das Freude macht.‘ Ich füge da noch hinzu: ‚Überlege dir auch, wie lange dir das Freude machen wird.‘ Wir müssen gerade bei Mode einfach langfristiger denken!“

Die ‘Hinter mir die Sintflut‘-Mentalität ist ein bedenklicher Trend!

von Carla-Leiterin Elisabeth Mimra

„Grundsätzlich ist Ausmisten ja nichts Schlechtes. Es ist aber ein sehr bedenklicher Trend zu sagen ‚Hinter mir die Sintflut, ich schmeiß alles weg!‘. Wenn einem Teil ein zweites Leben zugeführt wird, ist das ja gut. Wenn es allerdings nur in die Mülltonne gekippt wird, gehen Unmengen an Rohstoffen einfach verloren. Das ist extrem problematisch. Und stell dir vor, das machen viele Leute so. Das führt zu einem wahnsinnigen Anstieg der Müllberge“, so Mimra.
In den USA kam es seit Marie Kondos Serienstart tatsächlich schon dazu, dass manche Spendenannahmestellen und Textilmüllplätze schließen mussten, weil sie die Menge an Textilien nicht mehr bewältigen konnten. Zuletzt musste in San Francisco ein sogenannter Thrift Store seine Pforten vorübergehend schließen wie KPIX 5 berichtet. „So extrem ist es bei uns zum Glück noch nicht, aber ich fürchte schon, dass viele beim Ausmisten nicht differenzieren“, äußert Elisabeth Mimra ihre Bedenken. Sie will deshalb zu ganz bewusstem Entrümpeln aufrufen: „Am besten schon beim Aussortieren differenzieren, was gut erhalten ist und was zum Mistplatz kommt. Dann ist das wunderbar, wir freuen uns wirklich drüber und am anderen Ende ist jemand, der sich mit einem Lächeln bedankt“ – so wie Marie Kondo einst.

Checkliste zum richtigen Spenden

  • Als Daumenregel gilt laut der Carla-Leiterin: „Alles, was gut erhalten und noch tragbar bzw. verwendbar ist, nehmen wir gerne!“
  • Eine Liste an Dingen, die die Caritas nicht annimmt, findest du hier.
  • „Wenn du dir nicht sicher bist, ob ein Teil zum Spenden geeignet ist, frag dich selbst: Würde ich das verwenden, wenn es nicht meines wäre? Die Antwort darauf zeigt meistens ganz gut, ob es zum Spenden geeignet ist“, weiß Elisabeth Mimra.

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