Saisonabhängige Depression: Wie du die Anzeichen richtig erkennst

Kann uns das Wetter tatsächlich depressiv machen? Ja, sagen ExpertInnen. Aber nicht nur in der Winterzeit, wo es früher dunkel und kalt wird. Denn: Die meisten Suizide finden im Sommer statt.

Zu heiß, zu kalt, zu windig, zu schwül: Egal, welche Wetterlage, jede bietet Anlass zum Raunzen. Dass uns etwa trübes Herbstwetter tatsäch lich runterzieht, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt: Ja, das Wetter kann sich auf die Psyche schlagen.

Und das funktioniert so: Jeder Mensch reagiert auf das Wetter. Wir zittern bei Kälte, frieren im strömenden Regen oder schwitzen unter der Sonne, weil der Körper -ganz automatisch -immer eine physiologische Antwort auf die atmosphärischen Umweltreize setzt. Doch wie jede/r Einzelne mit diesen "Antworten" des Körpers umgeht, also wie intensiv das Empfinden und dadurch auftretende Belastungen sind, ist individuell verschieden.

"Wir wissen heute, dass sich Wohlbefinden und Verhalten der meisten Menschen im Rhythmus von Sommer und Winter bis zu einem gewissen Grad verändern: Davon betroffen sind etwa der Energiehaushalt, das Schlaf-und Essverhalten und die Stimmung", so Psychiater Siegfried Kasper von der MedUni Wien. So weit, so normal. Während die einen jedoch keine oder kaum Veränderungen erkennen, erleben andere derart einschneidende Stimmungs-und Verhaltensschwankungen, dass diese ihren Alltag erheblich belasten. SAD, saisonabhängige Depression, lautet dann meistens die Diagnose.

Traurige Frau

"Im Oktober fange ich an, mich von meinen Freunden zurückzuziehen"

"Im September wird es schon schlimmer: Mein Appetit nimmt zu, ich giere nach Süßigkeiten und Fast Food. Im Oktober fange ich an, mich von meinen Freunden zurückzuziehen und Verabredungen abzusagen. Im November gehen die Schwierigkeiten dann richtig los", schildert eine Patientin. Zu den wichtigsten Symptomen der SAD zählen Müdigkeit, verstärkter Appetit, Schlafstörungen und Rückzug aus dem sozialen Leben. Professor Kasper ergänzt: "Manche schaffen es nur schwer, zur Arbeit zu gehen. Andere schleppen sich trotzdem hin, können aber kaum mehr etwas leisten." Die "Funktionsfähigkeit" der PatientInnen ist deutlich reduziert und sinkt um 30 bis 40 Prozent.

Am häufigsten davon betroffen sind Frauen sowie die Altersgruppe zwischen 20 und 40. "Die Störung tritt bei Frauen viermal häufiger auf als bei Männern", sagt Kasper. "Aufgrund neuer Ergebnisse aus der Depressionsforschung gehen wir davon aus, dass diese Relation zwischen weiblichen und männlichen SAD-Patienten unter anderem dadurch bedingt ist, dass Frauen häufiger ärztliche Hilfe suchen. Wir vermuten daher, dass die Dunkelziffer bei männlichen Patienten höher ist." Die meisten SAD-Betroffenen haben in der Familie zumindest einen engen Verwandten, der irgendwann in der Vergangenheit unter Depressionen, oft SAD, gelitten hat.

Zu den wichtigsten Symptomen der SAD zählen Müdigkeit, verstärkter Appetit, Schlafstörungen und Rückzug aus dem sozialen Leben.

Am Wiener AKH gibt es mittlerweile eine Spezialambulanz für Herbst-Winter- Depressionen. Der stärkste Zulauf beginnt rund um Weihnachten und erreicht im Jänner und Februar seinen Höhepunkt. "Für jene, deren Batterien schon sehr leer sind, ist diese Zeit besonders schwer", sagt der Psychiater. Die PatientInnen leiden an starker Energielosigkeit, fühlen sich oft schon am frühen Nachmittag völlig erschöpft.

Das Licht ist schuld

Doch wie genau hat das Wetter damit zu tun? "Es geht vorwiegend ums Licht. Im Herbst und Winter wird durch den Lichtmangel zu wenig Serotonin ausgeschüttet", sagt Kasper. Infolgedessen werden zu wenig Hormone produziert, die den Antrieb oder die Ausschüttung von Glücksstoffen regulieren und so Empfindungen wie Freude auslösen. Kasper spricht von einer Lichtmangel-Erkrankung. Dass es diese tatsächlich gibt, hat er gemeinsam mit internationalen Forscherteams über den Globus verteilt in mehreren Studien belegt: Überall, wo sich Menschen viel in Räumen aufhalten und wenig Tageslicht abbekommen - das kann auch in sonnigen Gegenden sein, wo Menschen viel in klimatisierte Räume flüchten, oder während langer Regenzeiten -, treten die typischen Symptome zutage. Sonnenschein ist dabei nicht immer der entscheidende Faktor, es geht ums Licht allgemein. Zum Vergleich: In einem mit künstlichem Licht beleuchteten Raum schafft man eine Beleuchtungsstärke von rund 500 Lux, unter einem bedeckten Winterhimmel können es immer noch mehr als 5.000 Lux sein.

Tatsächlich gehört deshalb Lichttherapie zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, um Symptome der Winterdepression zu lindern. Auch Psychotherapie und die Gabe von Antidepressiva können in Absprache mit dem Arzt bzw. der Ärztin in Betracht gezogen werden.

Was tun, damit es gar nicht so weit kommt? Was einfach klingt, fällt Betroffenen oft besonders schwer: so viel wie möglich draußen in der Natur sein. Künstliches Licht, Drinnen-Sein und die Kombination aus Dunkelheit und Wärme sind Gift für die Psyche.

Die höchsten Suizidraten gibt es zwischen März und Mai

Was in diesem Zusammenhang jedoch sehr überrascht: Die wenigsten Suizide werden in der finsteren Jahreszeit durchgeführt. Eine österreichische Studie der MedUni Wien zu diesem Thema zeigt: Die höchsten Suizidraten gibt es zwischen März und Mai, die niedrigsten zwischen November und Jänner. Die Erklärung der WissenschaftlerInnen lautet: Suizide erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem die " Batterien" der Betroffenen aufgrund des vorangegangenen Lichtmangels schon geleert sind. Auch die medizinische Klimatologin Angela Schuh beschreibt, dass PatientInnen mit endogenen Depressionen (also solchen ohne erkennbare Ursache) häufig völlig überraschende negative Reaktionen auf Schönwetterlagen zeigen. Nach einem langen Winter sind sie besonders freudlos, können nicht mehr genießen und haben ihr Sozialleben meist stark vernachlässigt. Während das Umfeld beginnt, aktiv zu werden, und gut gelaunt wirkt, wird das Gefühl der Ausgegrenztheit im Frühling noch verstärkt.

Egal, ob Sonne oder Regen: Das Jammern über das Wetter ist uralt und ein globales Phänomen. Denn es betrifft jede/n gleich und bietet sich daher als Gesprächsthema besonders an. Ganz nebenbei gilt gemeinsames Raunzen als soziales Schmiermittel und stiftet Zusammenhalt. Doch eines, sagt Professor Kasper, hat durchaus Berechtigung: das Jammern über die Zeitumstellung. Denn diese Stunde weniger Licht kann sich ordentlich aufs Gemüt schlagen. "Unser Rhythmus gerät durcheinander, es fühlt sich wie ein Mini-Jetlag an. Und für manche Menschen ist dieser Lichtmangel wirklich nicht gut."

Krisentelefone & Notrufnummern

Bei psychischen oder suizidalen Krisen sowie im akuten Notfall ist es wichtig, rasch Krisentelefonnummern und Notrufnummern bei der Hand zu haben.

Telefonseelsorge

Tel.: 142 (Notruf), täglich 0–24 Uhr

Telefon-, E-Mail- und Chat-Beratung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder Krisenzeiten.

Online unter www.telefonseelsorge.at

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