Sag mir, wo die Kinder sind? Wo sind sie geblieben?

Immer wieder verschwinden Menschen, in Nigeria sind sogar 200 Mädchen auf einmal entführt worden, vor einigen Wochen ist ein Flugzeug einfach so verschwunden. In Österreich werden mehr als 1000 Kinder jedes Jahr als vermisst gemeldet – die meisten sind Ausreißer, die nach Kurzem wieder zurück kommen. Doch was, wenn nicht?

Wenn Eltern vor der Situation stehen, dass ihre Kinder vom einen Tag auf den anderen ohne Vorwarnung weg sind, ist das mit Sicherheit eine der schwierigsten Situationen überhaupt für diese. Wie kann/ soll/ darf man als Eltern oder Angehörige mit so etwas umgehen?

Maria-Anna Pleischl: Wenn ein Kind verschwindet, ist das für die Eltern eine absolute Katastrophe. Alleine, ohne fremde Hilfe, damit fertig zu werden, überfordert normale Menschen in psychischer Hinsicht. In so einem Fall sollte man sich an jemanden wenden, der professionell damit umgehen kann.

Freunde, Verwandte, Bekannte sind dafür nicht geeignet?

Laien erteilen meist aus der eigenen Hilflosigkeit heraus nur allgemeine Ratschläge wie „Jetzt warte erst einmal" oder „Wird schon nichts passiert sein". Aber gerade die Ungewissheit ist einer der furchtbarsten Zustände überhaupt, dieses Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die betroffenen Angehörigen werden dadurch psychisch destabilisiert. Daher ist auch die Suche nach dem jüngst verschwundenen Flugzeug so wichtig. Sollte man es nicht finden, werden Legenden entstehen, dass es in Nordkorea oder sonst irgendwo gelandet sei. Man will aber wissen, was den Lieben zugestoßen ist und ob sie leiden mussten. Manchmal ist die Gewissheit ihres Todes leichter zu ertragen als die Ungewissheit ihres Schicksals. Ähnliches gilt auch in einem anderen Kontext: Mütter, die während der Schwangerschaft das Kind verloren haben und nicht wissen, wo es begraben wurde, ist zu raten, sich einen genehmen Ort zu wählen, an dem sie trauern und sich das Kind bewusst, gegenwärtig machen können.

Anna-Maria Pleischl

Ich als Mutter würde lieber hoffen können als zu wissen, dass es keine Hoffnung mehr gibt.

Ja, im Fall von Kindern ist das meistens so. Da kann man wirklich sagen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Wir Psychotherapeuten unterstützen die Eltern in dieser Hoffnung und helfen ihnen herauszufinden, was sie tun können. Bei Kindern gibt es manchmal auch Hintergründe, welche die Chance erhöhen, dass sie wieder auftauchen. Ich denke an einen Fall, in dem verschwundene Kinder vom Vater aus Österreich nach Südamerika gebracht wurden. Sie kehrten zur Mutter zurück, als der Vater starb. In den USA werden Fotos von abgängigen Scheidungskindern in Supermärkten aufgehängt. Dort empfinden es viele Menschen als normal, dass quasi öffentlich gesucht wird. Bei uns erfährt man solche Fälle in der Regel nicht, es sei denn, dass man Vermisstenhomepages aufruft.

Wo bekommen Eltern in solchen Fällen Hilfe?

Einerseits gibt es Telefonseelsorge und Kummernummern, bei denen man auch mitten in der Nacht anrufen kann, andererseits kann man eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten aufsuchen.

Ist jeder Psychotherapeut für solche Fälle geeignet?

Ja, denn es handelt sich jeweils um ein Trauma und die Behandlung von Traumata ist psychotherapeutischer Standard. Natürlich gibt es auch PsychotherapeutInnen, die sich in diesem Gebiet spezialisiert haben.

Hatten Sie schon mit Eltern von verschwundenen Kindern Kontakt?

Im klinischen Bereich habe ich mehrfach Patienten behandelt, die einen persönlichen Verlust erlitten haben, etwa weil sich der Partner plötzlich aus dem Staub gemacht hat. Auch bei der Kummernummer habe ich wiederholt mit Eltern gesprochen, deren Kinder verschwunden sind. Aber das waren zum Glück nur pubertierende Ausreißer, die über Nacht ausgeblieben sind und am Morgen wieder heimgekommen sind. Mit Eltern von entführten Kinder hatte ich bislang noch keinen Kontakt.


Wie kann man als Eltern weitermachen bzw. muss man dann trotz Angst um das eigene Kind einfach weitermachen?

Der Alltag kann ein Stück Normalität in die Ungewissheit bringen. Andererseits sind manche Menschen von einer solchen Situation derart mitgenommen, dass sie nicht arbeitsfähig sind und Krankenstand in Anspruch nehmen müssen. Wer aktiv zur Suche nichts beitragen kann und es schafft, zu arbeiten und den Alltag aufrecht zu erhalten, der soll das auch tun, anstatt täglich 24 Stunden lang vom Wahnsinn gebeutelt zu werden.

Wie ist es in dem Fall von den 200 nigerianischen Mädchen, von denen man weiß, wo sie sind, aber die Eltern nichts tun können?

Dabei handelt es sich um eine politische Frage. Die Entführung ist politisch motiviert und kann nur politisch gelöst werden. Die Eltern können dadurch wenig oder gar nichts tun. Womöglich würden sie ihre Kinder gefährden, denn die Entführer werden von den Fachleuten so eingeschätzt, dass sie vor nichts zurückschrecken. Aber die psychischen Probleme der Eltern in ihrem ungewissen Bangen sind die gleichen. Ein solches Schicksal in Gemeinschaft zu ertragen, ist schließlich genau so katastrophal, als wenn man ganz allein in dieser Situation ist.

Was können Verwandte/ Bekannte oder Freude tun, um Eltern in so schwierigen Situationen zu unterstützen?

Es sind ja nicht nur die Eltern betroffen, sondern auch andere nahestehende Personen wie Geschwister und Großeltern. Der Zusammenhalt, das Miteinander ist wichtig, wobei besonders auf die Bedürfnisse der schwächsten, der am stärksten belasteten Person eingegangen werden muss. Betroffene sollen sich nicht scheuen, Unterstützung durch Krisenintervention und psychosoziale Einrichtungen in Anspruch zu nehmen. Diese zu vermitteln kann hilfreich sein. Wichtig ist, auf die psychische Situation der Betroffenen einzugehen. Bekannte und Freunde sollten deren Gefühlsausbrüche aushalten und zulassen anstatt sie zu behindern. Man darf sich in solchen Fällen durchaus zur psychischen Stabilisierung vom Hausarzt oder vom Psychiater Medikamente verschreiben lassen.

Soll bzw. darf man betroffene Eltern auf das Thema ansprechen oder nur, wenn diese es selbst wählen?

Das ist von der Situation und von den Personen abhängig. Das Reden kann wichtig sein, aber manchmal ist es besser zu schweigen und nur zu signalisieren, dass man weiß, was der andere durchmacht, manchmal ist nicht einmal das angebracht. Da braucht man Wissen oder zumindest Fingerspitzengefühl.

 

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