Ruth Beckermann: "Populismus, der darauf abzielt, rassistische Gefühle zu wecken"

1986 hat Ruth Beckermann als Anti-Waldheim-Aktivistin den Präsidentschaftswahlkampf mit der Kamera begleitet. Ihre Doku Waldheims Walzer wühlt auf.

Man kann ihr einfach nichts vormachen: Kein Detail, kein Hintergrundgeräusch entgeht der lauernden Wachsamkeit der Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann, die sich seit vier Jahrzehnten mit den Themen Identität, Flucht, Migration und Krieg befasst. Ihrer moralischen Klarheit und ihrem Widerstandsgeist ist es zu verdanken, dass sich Österreich, ausgelöst durch den "Waldheim-Skandal", einem NS-Vergangenheitsbewältigungsprozess gestellt hat. Damals forderte eine anfangs kleine Gruppe von AktivistInnen den Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim auf, wegen seiner absichtlich verschwiegenen NS-Vergangenheit von seiner Kandidatur zurückzutreten.

Ruth Beckermann

In ihrer Dokumentation Waldheims Walzer (Österreichs Oscar-Kandidat, Filmstart: 5.10.) lässt Beckermann den Präsidentschaftswahlkampf 1986 in einem Zusammenschnitt aus 150 Stunden Archivmaterial noch einmal Revue passieren. Der Film ist eine erschreckend aktuelle Parabel über den Mechanismus der Hetze als Wahlhelfer.

"Waldheims Rache" nennt die feinhumorige Filmemacherin beim WIENERIN-Interview im Café Prückel ihr Werk inzwischen scherzhaft, da ihr der Film immenses internationales Medieninteresse eingebracht hat und sie sich seit Monaten ununterbrochen mit der Person Kurt Waldheim auseinandersetzen "muss".

Es gibt in jeder Generation nur einen kleinen Teil kritischer Leute. Und der hat sich nicht vergrößert.

Ruth Beckermann

Ihr Sohn Lenny hat vor zwei Jahren die Sprengkraft Ihrer selbst gedrehten Bilder erkannt und Sie dazu angeregt, diesen Film zu machen: Ist der Kampfgeist oder das politische Interesse der heutigen Jugend durch Politiker wie Donald Trump, die offensichtlich lügen, geschärft?

Ruth Beckermann: Nein. Es gibt in jeder Generation immer nur einen kleinen Teil kritischer Leute. Und der hat sich nicht vergrößert. Ein Großteil der heutigen Jugend, vor allem Männer unter 30, hat ja die FPÖ gewählt.

Welche Reaktionen wird Ihr Film beim österreichischen Publikum auslösen?

Darüber denke ich nicht nach. Die Leute, die ihn bisher in Österreich gesehen haben, fanden ihn "richtig". Viele, die diese Zeit erlebt haben, werden sich den Film aus nostalgischen Gründen ansehen, um vielleicht mehr zu erfahren, als man damals wusste. Waldheims Walzer zeigt eine internationale Perspektive auf, ein viel breiteres Spektrum, als man damals sehen konnte. Ein junges Publikum stellt den Film sofort in einen internationalen Kontext und erkennt den Mechanismus, mit dem auch die heutige Regierung die Wahlen gewonnen hat: Populismus, der darauf abzielt, rassistische Gefühle zu wecken. Damals waren es antisemitische Gefühle.

In einer sehr beschämenden Szene Ihres Films beschimpft bei der Abschlusskundgebung am Stephansplatz ein Waldheim-Befürworter einen Waldheim-Gegner als "Saujud". Das war 1986. Wäre es heute in Österreich noch möglich, dass mit Antisemitismus Wahlen gewonnen werden?

Sicher.

Ruth Beckermann

So pessimistisch sind Sie?

Wer hätte noch vor einem Jahr oder vor der Wahl Trumps gedacht, wie sich die Politik in der westlichen Welt verändern würde? Wer hätte gedacht, dass Italien eine rechtspopulistische Regierung hätte, oder dass die FPÖ in der Regierung sitzt? Alles geht so schnell, dass ich nichts ausschließen würde. Allerdings ist Antisemitismus in Österreich gerade nicht opportun. Opportun ist im Moment Rassismus, Ausländerhetze und Islamfeindlichkeit.

Welche Rolle spielte der ORF in der Waldheim-Affäre?

Eine sehr einseitige. Mit Ausnahme des Profil (das als erstes Medium Waldheims NS-Vergangenheit publiziert hatte, Anm.) und der Arbeiter Zeitung standen alle Medien 1986 geschlossen hinter Waldheim. Es war eine Art "patriotischer Schulterschluss". Ausländische Fernsehanstalten hatten hingegen großes Interesse an kritischen Stimmen und haben alle, auch AktivistInnen, interviewt. Es ist typisch, dass der ORF niemanden von uns interviewt hat, nicht einmal Elfriede Jelinek oder Peter Turrini. Ich glaube aber nicht, dass es heute noch so wäre. In diesem Wahlkampf war die Berichterstattung viel differenzierter als damals. Aber das kann sich schnell ändern und die Regierung könnte den ORF "umfärben". Norbert Steger ist ja schon dabei.

Waldheims Walzer macht aber auch richtig Spaß: Man kann Kurt Waldheim beispielsweise vor der Aufzeichnung seiner Antrittsrede als Bundespräsident sehen, beim Abstimmen seiner Krawatte mit dem Outfit, beim Schminken, und sogar die Putzfrau, die den Schreibtisch im TV-Studio noch sauber wischt. Woher kommt dieses Material?

Es war ein großes Glück, diese Szene im Nachlass des Filmemachers Bernhard Frankfurter auf einer Kassette zu finden. Danach folgt Waldheims Rede. Damit habe ich meine Zuschauer nicht mehr gequält.

Die von Ihnen gezeigten Bilder und Dokumente entlarven Kurt Waldheim als Prototyp eines politischen Opportunisten. Man könnte fast Mitleid mit ihm bekommen

(Kichert.) Ich finde ihn als Person so rätselhaft. Das kann auch der Film nicht auflösen.

Der Trailer zu "Waldheims Walzer":

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