Rudi Anschober: "Junge Menschen wollen im System nicht mehr mitmachen"

Wir sprechen mit dem ehemaligen Gesundheitsminister über seinen Ausstieg aus der Politik, über Fehler in der Coronakrise und darüber, warum es in vielen Lebensbereichen – von Arbeit bis Klima – ein großes Umdenken braucht.

Spritzer Rudi Anschober

Der Auftritt sorgte für Aufsehen: Vor etwas mehr als einem Jahr stellte sich der damalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Die Grünen) vor die Kameras und erklärte, dass er sich aus der Politik zurückziehe, aus gesundheitlichen Gründen und Überlastung – eine Entscheidung, die mitten in der Pandemie Mut erforderte und für viele Vorbildwirkung hatte.

Anschobers Rücktritt löste eine Debatte rund um die Themen Mental Health und Burn-out aus. Jetzt ist er mit einem Buch wieder da: In Pandemia (Zsolnay-Verlag, € 24,70) setzt Anschober sich mit genau dieser Zeit auseinander. Als wir ihn im Café Kriemhild im 15. Bezirk treffen, wirkt er ausgeruht und entspannt. Er spricht offen über die persönliche Krise, kontroverse Pandemieentscheidungen und die Zukunft – von Klima bis Arbeit.

Ihr Buch Pandemia ist vor Kurzem erschienen. Warum war es Ihnen wichtig, es zu schreiben?

Rudi Anschober: Zuallererst ist es mir um die Aufarbeitung der Pandemie gegangen. Ich wollte nicht, dass das eine klassische Abrechnungsgeschichte wird, die sich in Parteipolitischem verliert, sondern spürbar machen: Was heißt es, wenn du krank wirst? Was heißt es, wenn du Long Covid hast oder Pfleger bist? Ich wollte die Menschen hinter den Zahlen darstellen.

Was im Buch auffällt, sind die vielen romanartigen Stellen, in denen Sie aus der Sicht von fiktionalen Figuren erzählen. Kann man sich von Ihnen in Zukunft einen Roman erwarten?

(Lacht.) Na ja, das ist der totale Jugendtraum von mir, ganz offen gesagt. Aber das ist die ganz hohe Kunst, und ich habe einen unglaublichen Respekt davor. Jetzt schauen wir mal, wie dieses Buch läuft. Ich habe da keinen Zeitdruck.

Für viele sind Sie durch Ihren Rücktritt ein bisschen zum Vorbild geworden. Ist Ihnen dieser Schritt zurück für die eigene Gesundheit schwergefallen?

Ja, er ist mir sehr schwergefallen, weil ich in der Pandemie natürlich eine äußerst verantwortungsvolle Arbeit hatte. Ich habe lange mit mir gekämpft, weil das Loslassen in so einer Phase ganz schwierig ist.

Die Medien haben unter dem Stichwort "The Big Quit" darüber berichtet, dass viele junge Menschen ihre Jobs kündigen, weil sie den Sinn darin nicht sehen. Glauben Sie, dass sich in der Arbeitswelt künftig etwas ändern muss?

Das ist meine Hoffnung – weil sich jüngere Menschen dieses Aus-dem-Lot-Fallen der Balance zwischen Leben und Beruf nicht mehr bieten lassen und in dem System nicht mehr mitmachen, und das ist gut so. Es braucht einen besseren Mindestlohn, und wir sollten über ein bedingungsloses Grundeinkommen reden. Wir brauchen Antworten bei der sozialen Absicherung, weil sich die Arbeit radikal verändert hat.

Ganz persönlich gefragt: Was haben Sie nach Ihrem Rücktritt gemacht? Wie haben Sie sich erholt?

Ich hatte plötzlich kein Einkommen mehr, aber Ersparnisse. Ich habe viel Bewegung gemacht, bin viel spazieren gegangen, habe wieder zu laufen begonnen. Ich habe gelesen, gekocht, Freunde wieder getroffen. Das, was lange keinen Platz mehr in meinem Leben hatte, hat plötzlich wieder Platz bekommen, das war sehr wohltuend.

Was raten Sie jemandem, der sich ­überlastet fühlt, der das Gefühl hat, ständig am Limit zu sein?

Rechtzeitig versuchen, Warnsignale zu erkennen. Wenn man merkt, "Hallo, jetzt verliere ich die Kraft!", möglichst schnell die Reißleine ziehen, weil du ja immer tiefer hineinkommst. Bei mir war das noch kein Burn-out, aber ich war auf dem Weg dorthin.

Es braucht einen besseren Mindestlohn, und wir sollten über ein bedingungsloses Grundeinkommen reden. Wir brauchen Antworten bei der sozialen Absicherung, weil sich die Arbeit radikal verändert hat.

von Rudi Anschober

Die Coronapolitik hat sehr radikal in alle Lebensbereiche eingegriffen. Wurden die Kollateralschäden – bei psychischer Gesundheit, Kindern, Jugendlichen, aber auch bei der Vorsorge und Er­krankungen, die nicht Corona sind – zu wenig berücksichtigt?

Ganz am Anfang ja. Da sind wir alle überrollt worden. Irgendwann haben uns die Wissenschaftler vorgerechnet: Hätten wir beim ersten Lockdown eine Woche länger gewartet, hätten wir viermal mehr Infektionen gehabt. Von daher haben wir gut reagiert. Aber wir haben nach dem ersten Lockdown gesehen: Es gibt auch Nebenwirkungen. Wir haben dann Psychologen und Kinderpsychiater in den Krisenstab integriert und geschaut: Wie können wir dieses Gefühl, das am Anfang für viele Leute da war, dass das Spital ein gefährlicher Ort ist, abfangen? Die Nachuntersuchungen sind in den Keller gegangen – wir haben sogar offiziell weniger Schlaganfälle gehabt, weil Menschen mit Symptomen nicht so häufig zum Arzt gegangen sind. Das waren Bereiche, bei denen wir dann gelernt haben, besser darauf zu schauen.

Was auch auf der Strecke geblieben ist, waren grüne Kern­themen. Was braucht es, um das Ruder in Sachen Klimawandel noch herumzureißen?

Ich glaube, ein ähnliches Denken wie bei der Pandemie, wo uns klar war, dass das eine echte Megakrise ist. Wenn wir bei Corona so reagiert hätten wie in der Klimakrise, dann hätten wir jetzt noch Grundsatzdiskussionen: Gibt es das überhaupt? Dann hätten wir jetzt Weltpandemiekonferenzen, Weltpandemieberichte und irgendwann die "große" Lösung: "Wir reduzieren die Infektionszahlen um 20 Prozent."

Wenn wir die Sache mit dem Klimaschutz ernst meinen, werden wir uns sehr einschränken müssen. Glauben Sie, die Österreicher sind bereit dazu?

Ich behaupte: Es ist keine Einschränkung. Ich selbst habe früher am Land gelebt und bin nach Wien übersiedelt. Am Land habe ich ein Auto gebraucht, jetzt nicht. Wo bin ich glücklicher und zufriedener? Na absolut dort, wo ich zu Fuß und mit Öffis überall hinkomme! Das Auto nicht mehr zu benötigen, das ist eigentlich Lebensqualität. Wir werden uns von dem, wie wir erzogen wurden, was unser Glück ist, ein bisschen lösen und selbstständiger herausfinden müssen, ob wir damit wirklich ein gutes Leben haben. Das ist auch das, was uns die Pandemie gelehrt hat. Wir sind durchgeschüttelt worden – jetzt können wir unser Leben neu ordnen und neu darüber nachdenken: Was ist für mich ein gutes Leben? Wohin will ich eigentlich?

 

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