Routine-Vorteile

Kaum etwas hat einen so schlechten Ruf wie Routine: Gewohnheiten in unserem Verhalten engen Kreativität ein und man muss sie ändern, heißt es. Oder: Nur wer flexibel ist, kann sich weiterentwickeln. Dabei schaffen Strukturen Sicherheit und machen frei! Wir zeigen Ihnen, wie Sie Routine für Ihren Erfolg nützen.

7.30 Uhr am Montagmorgen. Ein ganz normaler Arbeitstag liegt vor Ihnen. Sie steigen in Ihr Auto, starten den Motor, fahren los … und sind verwirrt: Ein PKW kommt Ihnen auf Ihrer Spur entgegen, ein anderer überholt Sie von rechts, Fußgänger laufen auf der Straße. Wer würde sich in diesem Chaos wohl-, vor allem aber sicher fühlen?

Auch wenn sich etwa 20 Prozent aller Menschen, so wollen Psychologen wissen, nach Abwechslung sehnen und Routine gern als Feind von Kreativität sowie Spontanität verrufen ist: Das menschliche Gehirn braucht Struktur. Schon Babys fühlen sich nur dann in der Welt wohl, wenn sie für sie berechenbar ist: Nach dem Schlafen bekomme ich den Brei, nach dem Essen folgt ein Bäuerchen - ein für uns starrer Ablauf bedeutet für die Kinder Sicherheit und Verlässlichkeit. Dadurch müssen sie nicht ständig Energien darauf verwenden, ihre kleine Welt neu zu ordnen. Stattdessen können sie die geistigen Kapazitäten darauf verwenden, sich weiter zu entwickeln. Gerade in den ersten Tagen, Monaten und Jahren ist deshalb die Wichtigkeit von klaren Strukturensowie Routine-Abläufe nicht zu unterschätzen.


Manche Routinen, die wir als Kinder lernen, bleiben uns erhalten - wie "Friends" Monica und Ross beweisen:

Was für die Kleinen gültig ist, passt auch für uns Große: Routine (vom französischen routine für die „Wegerfahrung"), also eine Handlung, die durch mehrfaches Wiederholen zur Gewohnheit wird, gehört zu unserem täglichen Leben. Es wäre schließlich nicht auszudenken, wenn wir täglich beim Aufstehen überlegen müssten, welchen Fuß wir zuerst aufstellen, wie wir uns anziehen können oder was wir Badezimmer tun sollten!

Routine macht frei!

"Die Konfrontation mit neuen und komplizierten Dingen erfordert Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Konzentration - das Gehirn strebt darum danach, alles zu routinisieren", erklärt der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth, "Gewohnheiten sind sowohl stoffwechselbiologisch als auch neuronal billig." Biologisch hören die Areale, die für komplexe Denkprozesse und Entscheidungen zuständig sind, einfach auf zu arbeiten. Aktiv bleibt nur ein Zellhaufen tief im Gehirninneren, den man früher mit Reflexen und Instinkthandlungen in Verbindung gebracht hat: die Basalganglien. Heute glaubt man, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis darstellen, in dem alle Bewegungsmuster abgelegt sind, die sich irgendwann einmal als erfolgreich erwiesen haben. Das heißt, die Basalganglien aktivieren die gewohnten Muster. Der Rest des Gehirns kann sich in der Zwischenzeit ausruhen. Wenn wir also über Verhaltensweisen wie Gehen oder Zähneputzen nicht mehr nachdenken müssen, bleibt mehr Energie - für Dinge, die wir gern tun zum Beispiel.

Wie Sie Routinen nützen können und wofür, zeigen wir auf Seite 2 >>

Routineabläufe beruhigen

"Zwischen 30 und 50 Prozent unseres täglichen Handelns werden durch Gewohnheiten bestimmt", sagt Gas Verplanken, Professor für Sozialpsychologie an der University of Bath in England. Er erforscht die Gewohnheiten seit über 20 Jahren. Ohne unsere Routine-Handlungen wäre unser Gehirn ständig überfordert von den Details des Alltags. So aber entlasten etablierte Gewohnheiten und geben uns auch an motivationslosen Tagen oder in seelischen Krisen Stütze, um Dinge wie Zähneputzen selbstverständlich zu erledigen. Schließlich sind wir ja daran gewöhnt!

Gewohnheiten machen den Alltag leichter … nicht nur bei uns in Europa:

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Routinen nützen

Solange unser Verhalten mit unseren Zielen übereinstimmt, es sich also um positive Gewohnheiten handelt, sind Routinen weitaus besser als ihr Ruf. Nur wenn sie zu Zeit- oder Energie-Räubern werden, sollten Sie die Gelegenheit beim Schopf packen und schleunigst etwas unternehmen ...

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"Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen ist das Schwerste, was es für das Gehirn gibt", sagt Neurobiologe Roth, "denn die Gewohnheits-Netzwerke, die sich nun in den Basalganglien und im Kleinhirn befinden, sind nicht mehr direkt unserem bewussten Willen ausgesetzt. Dadurch machen sich die Routinen und Gewohnheiten ziemlich immun gegen Veränderungen." Das gilt umso mehr, je älter wir werden - nur bis zum zehnten Lebensjahr ist das Erlernen neuer Routinen einfacher, wie Studien belegen. Unmöglich ist es aber nie - allerdings brauchen wir dazu viel Zeit und Geduld.

Leichter, als eine alte Gewohnheit abzulegen, fällt, eine neue zu etablieren. Das Erfolgsrezept dabei lautet: Koppeln Sie eine neue Gewohnheit an eine alte Verhaltensroutine und verstärken Sie sie durch Belohnung. Wenn Sie also zum Beispiel ein paar Yogaübungen in Ihren Tagesablauf integrieren möchten, machen Sie sie regelmäßig nach dem Zähneputzen, aber vor dem ersten Schluck Kaffee. So haben Sie nicht nur ein neue Gewohnheit geschaffen, sondern können sich auch gleichzeitig auf den heißen Muntermacher danach freuen. Dass das natürlich nicht von einem Tag auf den Anderen passiert, muss Ihnen bewusst sein. Bis eine Gewohnheit in Fleisch und Blut über gegangen ist, braucht es Zeit und konstante Übung. Die Angaben schwanken zwischen einem und drei Monaten, bis sich eine Gewohnheit eingespielt und etabliert hat.

Bei all dem gilt die gleiche Grundregel, die Erziehungspädagogen Eltern bei der Erstellung eines Tagesablaufs für Kinder geben: Routinen dürfen nicht zum Selbstzweck werden oder erstarren, denn dann sind sie kontraproduktiv. Überdenken Sie deshalb Ihre Verhaltensmuster regelmäßig und passen Sie sie an Ihre Bedürfnisse an. So kann sich der Spruch bewahrheiten: Routinen machen frei!