Richtig Streiten im Urlaub

Warum wird im Urlaub so häufiggestritten?
Lackner: Im Alltag gehen wir arbeiten, wenigstens eine Mahlzeit essen wir getrennt von unseren Lieben, wir lesen verschiedene Medien, schauen unterschiedliche Spartenkanäle ... - alles getrennt vom Partner. Und im Urlaub haben wir zwar weniger Raum und kleben dafür mehr aufeinander. Reibung erzeugt dann nicht immer Wärme im Familiensystem. Zudem erwarten wir von der schönsten Zeit des Jahres auch noch viel.

Was die Körpersprache verrät

Was können wir dagegen unternehmen?
Besser wir trennen zuerst zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Niemand kann schließlich Gedanken lesen - auch unser Partner nicht. Sie wünscht sich auf den angebotenen Ausflug mitzufahren? Dann soll sie das machen. Gerne gut gelaunt und auch alleine. Papa mag ein Bier? Der Sohn ein Eis? Selber holen! Wenn sich jeder selbst organisiert und nicht laufend für die anderen, dann hat das den Vorteil: Niemand fühlt sich undankbar behandelt und jeder bekommt, was er wirklich möchte.
Das klingt doch gut.


Ja, und damit kommen wir zum nächsten Punkt. Ihr Strandspaziergang wird angemeldet und für danach gleich ein Date vereinbart - natürlich nicht mit Fremden, sondern mit dem Partner. Das bedeutet Alleingänge werden angekündigt und dann wird wieder ein gemeinsamer Treffpunkt ausgemacht, zum Beispiel an der Poolbar. Diese Dates sind Wir-Momente für die Paare. Und beim Alleinausflug in die Stadt kann man dann Fotos machen und anschließend dem Partner zeigen, was man Neues entdeckt hat. Vielleicht kommt er am nächsten Tag dann doch noch mal mit.

Tatjana Lackner

Und was können Paare mit Kindern tun?
Wenn gar keine Wir-Zeit organisierbar ist und Klein-Clemens sicherer am Spielplatz ist, als am Pool, dann wird das Date eben dort vereinbart. In der Kommunikation geht es immer wieder um einen Neubeginn und die Chance atmosphärisch abgestandene Stimmung frisch zu gestalten. Gerade mit kleinen Kindern ist es wichtig, dass jeder auch Mal Zeit für sich hat. Während der eigenen Ich-Zeit nimmt der andere in der Zwischenzeit dann die Kinder. Solche Zäsuren sind für alle wichtig, auch für den Nachwuchs. Sonst heißt es irgendwann nach dem dritten Zoff, bei dem die Pubertierende in der Früh schon zickig war, „du bist schon den ganzen Tag schlecht drauf". Kleine zeitliche Trennung verschaffen stets einen Puffer und garantieren frische Antriebsenergie.

Haben Sie noch einen Tipp für eine ausgeglichene Paarbeziehung im Urlaub parat?
Ich finde es gut, wenn Paare gemeinsam lesen. Also wirklich gemeinsam dasselbe Buch - einer liest dem anderen vor. Gerade wenn es in einer Beziehung nach Jahren schon einige vergiftete Reizthemen gibt, an die besser niemand ausgerechnet im Urlaub anstreift - vermag Literatur uns aus dem Alltag wegzuführen. Neue Sichtweisen und Eindrücke von außen bieten einen gemeinsamen Thementeppich, auf dem man wieder diskutieren kann. Zudem lernt man so auch Meinungen vom eigenen Partner kennen, die vielleicht noch nicht bekannt waren. In langen Beziehungen ist auffallend, dass viele das Gefühl haben, nichts Neues mehr entdecken zu können. „Glaub mir, ich kenne Dich" - Sätze werden laut. Leise werden manche erst nach einem Seitensprung und verblüfft darüber, wie kreativ ihr Partner andernorts gewesen ist.

Tajana Lackner und ihr Mann beim Zoffen


Und wenn es doch zum Streit kommt?
Dann ist sinnvoll zu beobachten wie gestritten wird. Beobachtung beginnt gerne bei uns selbst. Bin ich also rhetorisch eine Geber- oder eine Nehmerstruktur? In den 70er-Jahren haben wir zwar gelernt Ich-Botschaften zu formulieren, aber damit waren keine „Ich-ling - Botschaften" gemeint. „Ich will", „Mir ist eingefallen, dass... „, „Davon hab ich wenig." Nicht jeder Satz, in der Ich-Form ist wirklich sinnvoll. In der ältesten Akquisition - der Liebe - hört man diese Unterschiede schon heraus: je nördlicher wir geografisch gehen, umso kühler wird es auch sprachlich. „Ich liebe dich" oder „I love you", das „Ich" steht hier im Vordergrund wogegen es im Süden heißt: „Ti amo" oder „Te quiero". Hier steht das „Du" im Vordergrund und das macht auch die „Geber"-Strukturen angenehmer. Eine entscheidende Rolle spielt außerdem die Metaebene, also der ehrlich angesprochene Subtext „wie reden wir miteinander" und „worum geht es eigentlich"?

So einfach ist das?
Einfach? Echt nicht! Ich unterscheide ungern zwischen Männer- und Frauenrhetorik, doch Konflikte machen einen klaren Unterschied: Männer haben Angst vor dem Versagen und Frauen vor sozialer Ablehnung. Egal, ob wir das nun fesch finden, klischeekorrekt oder nicht. Aber diese Unterschiede kommen noch aus unserem tierischen Erbe und wir finden sie auch 2014 noch in unserer Kommunikations-DNA: Einen Mann trifft es, wenn sie sagt „Mit dir kommt man zu nichts" und eine Frau kränkt, wenn „die Schwägerin wieder über mich gesagt hat..." Männer ticken im Streitgespräch anders als Frauen und selbst seine Lösungsvorschläge finden sich nicht immer auf ihrer Wunschliste wieder. Außerdem haben wir Menschen so etwas wie einen eingebauten Währungsrechner in Beziehungen, der immer mitrechnet, ob wir zu kurz kommen. Sobald die Verteilung von Haushalt, Aufmerksamkeit, Haushalt, Geld, Sex, etc. schief liegt in unserer persönlichen Umrechnungsbilanz, dann werden sogar sanfte Gemüter irgendwann zum Terrorkrümel. Das „Recht auf Ruhe" muss gerade in den ersten Jahren mit Kindern gerecht verteilt sein und sollte auch auf der Metaebene offen angesprochen und ehrlich verhandelt werden.

Das neue Buch von Tatjana Lackner


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