Richtig scheiden lassen

Scheiden tut weh, Scheidung noch viel mehr. Besonders, wenn man gerade mittendrin steckt im Trennungskampf und Rosenkrieg, während die Pärchen gemeinsam Glühwein trinken gehen. Wer hat da schon einen kühlen Kopf für Ent-Scheidungen? Genau den sollte frau aber haben. Oder zumindest diesen Guide.

Am Anfang verspricht man sich gegenseitig den Himmel auf Erden. Am Ende streitet man sich um jede Kleinigkeit - und sei es die alte Nachttischlampe. Klingt traurig? Ist es auch. Aber kleine und große Rosenkriege erlebt die Wiener Scheidungsanwältin Eva Hieblinger-Schütz immer wieder: Ihre Erfahrung nach laufen nur rund zehn Prozent der Scheidungen völlig reibungslos ab - dann nämlich, wenn keine emotionale Bindung mehr besteht und sich das Paar auseinandergelebt hat. Häufiger stellt die Expertin fest, dass "Frauen im Scheidungsprozess extrem konfliktscheu und harmoniebedürftig sind und daher auf Ansprüche verzichten, die ihnen rechtlich zustehen".

Wie Sie sich selbst treu bleiben, ohne am Ende durch die Finger zu schauen? Lesen Sie hier!

Ent-Scheidung Nr. 1: Schlau machen

Sich scheiden zu lassen, ist ein höchst emotionaler Prozess. Und wer hat da schon den Kopf für nerviges "Kleingedrucktes", sprich: all die rechtlichen "Wem steht was zu"-, "Wie wird das Vermögen aufgeteilt"-, "Wann kann ich Unterhalt beantragen"-Fragen? Zudem ist Scheidung nicht gleich Scheidung. Es gibt "strittige" Scheidungen, bei denen ein Ehepartner den anderen auf Scheidung klagt. Und es gibt "einvernehmliche" Scheidungen, die in Österreich zum Glück die Mehrzahl ausmachen.

Eine rechtliche Basis, eine Scheidung einvernehmlich durchzusetzen, gibt es jedoch nicht - bevor es mit dem unwilligen Partner zur Eskalation kommt, sollte eine Meditation überlegt werden. "Zwar besteht weder bei einer strittigen noch bei einer einvernehmlichen Scheidung Anwaltspflicht", sagt Hieblinger-Schütz. "Doch bei heiklen Fragen wie Obsorge oder Ehegattenunterhalt empfiehlt sich ein Rechtsbeistand."

Beim Scheidungsvergleich - ein Muss bei einvernehmlichen Scheidungen, er hält z.B. erb- oder versicherungsrechtliche Folgen, rät sie auf jeden Fall zum Anwalt: „Damit der Geschiedene im Nachhinein nicht böse überrascht wird, weil etwas nicht so geregelt wurde, wie ursprünglich gedacht.“

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Scheidung

Ent-Scheidung Nr. 2:
Die eigene Linie verfolgen

„Verfolgen Sie während des Scheidungsprozesses die eigene Linie und lassen sich nicht von Bekannten und Freunden beeinflussen“, sagt Hieblinger-Schütz. Dazu gehört, die emotionale und die sachliche Ebene zu trennen – so schwer es einem auch fällt. „Suchen Sie sich Menschen, bei denen Sie sich ausweinen können. Und besprechen Sie die Fakten besser mit einem Rechtsbeistand.“

Bevor Sie also vom Freundeskreis oder aus Scheidungsforen Infos einholen, die womöglich nicht stimmen, fragen Sie sich: Wie viel Zeit und Energie wollen Sie darauf verwenden, anschließend Halbwissen von Wahrheit zu trennen?

Vergessen Sie nicht, wie sehr selbst einvernehmliche Scheidungen ohnehin schon an den Nerven zehren. Die eigene Linie verfolgen bedeutet aber auch, sich (und den Anwalt / der Anwältin) klar beantworten zu können: Welche realistischen Ansprüche habe ich? Und wie kann ich das Bestmögliche für mich rausholen? „Das klingt für manche Frauen so, als sollten sie den Mann, von dem sie sich im Einvernehmen scheiden lassen wollen, über den Tisch ziehen.

Aber darum geht es nicht. Sondern darum, dass Sie viele Jahre lang Ihren Teil zur „Teamarbeit Ehe“ beigetragen haben, weil Sie etwa die Kinder großgezogen und dafür Ihren Job (teils) aufgegeben haben. Bei einer Scheidung haben Sie den Anspruch, sich diesen Teil entgelten zu lassen.

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Ent-Scheidung Nr. 3
Nichts verschenken

Nochmals: Es besteht bei Scheidungen keine Anwaltspflicht und sicher, ein Rechtsbeistand kostet Zeit und Geld und muss einem vielleicht auch sympathisch sein – schließlich bekommt er oder sie Einblicke in (finanzielle) Details, die nicht einmal die besten Freunde kennen.

Anwältin Hieblinger-Schütz betont dennoch: „Mit einem Anwalt geht eine Scheidung effizienter und unemotionaler vonstatten.“ Im aufreibenden Trennungsprozess können die meisten Betroffenen nicht alles abschätzen, sind womöglich hinsichtlich ihres Noch-Ehegatten befangen. „Ein Anwalt hingegen kann auch langfristige Wirkungen abschätzen“, sagt die Expertin. „Ein Beispiel: Angenommen, Sie werden Jahre nach der Scheidung durch einen Autounfall arbeitsunfähig. Haben Sie damals auf den Ehegattenunterhalt für den Fall, der „unverschuldeten Not“ verzichtet, bekommen Sie jetzt keinen Cent – da gehen schnell Existenzen zugrunde.“

Ein Rechtsbeistand sorgt also rechtlich und finanziell dafür, dass Sie sich abgesichert fühlen und weniger Angst vor der Zukunft haben müssen. Ein Rat der Anwältin: „Verschenken Sie nichts zum Wohle der Einigung, und auch nichts, um Zeit zu sparen.“ Dauert der Scheidungsvergleich ein paar Wochen und viele Konfliktmomente länger. Halten Sie es aus. „Verzichten Sie nicht auf existenzekle Grundlagen, nur um einen Monat eher geschieden zu sein. Dieser Monat wäre zu teuer erkauft.“

Ent-Scheidung Nr. 4
Respektvoll bleiben

Wer sich positioniert und ausgesprochen hat, was er will, zieht beim Scheidungsvergleich leichter seine Argumentationslinie durch. Wichtig ist aber, den Respekt gegenüber dem Noch-Ehemann nicht zu verlieren und nicht untergriffig zu werden. Klar können Sie manchmal nicht unterscheiden, ob Ihr Ex gerade ein Manöver fährt oder der Anwalt ihm dazu geraten hat. „Etwa, wenn der Gatte das Konto leer räumt.“ Doch auch dann ist es gut, wenn Sie sich heraushalten und Ihr Rechtsexperte die Angelegenheit rein auf Sachebene klärt – in dem er etwa per einstweiliger Verfügung das Konto sperren lässt.

Respekt darf jedoch nicht verwechselt werden mit falsch verstandener Freundlichkeit, Fürsorgebedürfnis oder Scham: „Ich erlebe oft, wie sich Frauen angesichts ihrer Ansprüche fragen, was der Gatte über sie denkt. Denke Sie lieber so: ‚Die Beziehung ist beendet, nun will ich eine gute Ausgangslage für die Zukunft.‘“

Denn es geht nicht um Habgier, sondern um Ihre gesetzlichen Ansprüche.
 

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