Ribislkuchen, der Mann und meine Vision von anderer Arbeit

Wer A sagt muss auch B sagen und wer die Mama feiert, muss das auch dem Papa gönnen. So machen wir das auch. Leider. In Wahrheit geht es aber um was anderes: Um eine neue Art, das Leben zu leben, anders zu arbeiten, damit die Familie nicht immer nur an Festtagen gefeiert werden muss.

Also ich hab jetzt eigentlich schon alles beisammen. Eine personalisierte Manner-Schnitten-Box (da steht statt Manner dann "Papa.. mag man eben"), die ausgearbeiteten Fotos, die den Mann mit den Kindern in tatsächlich recht zufälligen und daher authentisch wirkenden Alltagssituationen aus dem letzten Jahr zeigen (diese werden jetzt noch gemeinsam mit den Kids in ein Album gepickt) und die Ribisel auf der Terrasse waren so lieb, jetzt schon reif zu sein - was so viel heißt wie: Ja, ich werde wieder einmal versuchen müssen, einen Kuchen zu backen. Und alle werden ihn essen und heucheln, dass das "der beste Kuchen der Welt ist!"

Mit dem Vatertag stimmt was nicht

Die Kinder sind ja schon seit Tagen nervös, zeichnen "Kunstwerke" im Akkord, haben gemeinsam mit mir Geheimnisse und wenn der Mann ums Eck biegt, fallen sie in ein hysterisch-kollektives "Psssscht, der Papa kommt!".

Und wisst ihr was? Ich finde das wirklich süß - diese Getue und das Geheime und dann den Sonntag und die Kleinigkeiten. Schön ist das. Wäre da nicht auch ein ziemlich großes ABER. Über dieses ABER denke ich schon seit Jahren nach und immer dann, wenn so ein Vatertag, Muttertag, Festtag daherspaziert, fällt es mir wieder ein.

Thementag als Finanzturbo - irgendwie öd

ABER warum brauchen wir denn so einen Vatertag? Und so einen Muttertag? Warum fallen wir so gerne in diese Festtags-Euphorie? Nun ja, vielleicht wegen den tollen Angeboten, den Lockstoffen, die wir über Werbung und Facebook-Ads reingespült kriegen - denn die Wirtschaft liebt sie, diese Thementage. Die Umsätze für den Papa sind stetig im Steigen, über die letzten Jahre Jahr hat man sich schon auf 2/3 der Ausgabe für die Mütter herangepirscht - derzeit liegen wir irgendwo um die 17 Millionen Euro, die für Papas ausgegeben werden.

Neue Generation an Vätern, die Müttersorgen haben

Doch abgesehen vom kapitalistischen Finanzturbo, stellt sich doch schon die Frage: Wie sieht unser Familienleben denn im restlichen Jahr aus? Wie gehen wir in unseren Familien mit unserer knappsten Ressource, der Aufmerksamkeit, um? Viele Väter von heute sind ja echt gerne Väter, nicht nur an Vatertagen oder Sonntagen, sondern immer. Sie wollen eine wirklich andere Beziehung zu ihren Kindern, als noch ihre eigenen Väter zu ihnen aufbauten. Sie spüren, wie gut es tut, Nähe und Vertrauen zu bekommen. Ihnen reicht es vielfach nicht mehr, sie am Fußballplatz anzufeuern und sie anzutreiben, schneller zu laufen, sie erkennen und schätzen, wie vielschichtig ihre Söhne und Töchter sind, wie spannend die Entwicklung von Kindern eigentlich ist und wie viel an diesem ausgelatschten Satz "Man kriegt so viel zurück" tatsächlich dran ist.

Vereinbarkeitsfall - zugeschnappt!

Doch so erfreulich diese Entwicklung auch scheinen mag, so frustrierend ist sie. Denn den Vätern geht es halt dann nicht anders als den Müttern. Die Vereinbarkeitsfalle schnappt zu. Arbeit, Familie, Work-Life-Balance - gutes Leben: das alles geht sich nicht aus. Und: Man darf natürlich nicht sagen, es geht sich nicht aus, denn es ist doch immer nur alles eine Frage der Organisation und der Selbstoptimierungund wer es nicht schafft, der soll halt gefälligst etwas an sich selbst ändern.

Jetzt könnte man natürlich sagen: "Hallo, ihre armen, gehetzten Männer - willkommen in der Wirklichkeit! Das was ihr da spürt, haben wir schon eine Ewigkeit!"

Aber macht es das besser? Ich denke nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir uns überlegen müssten, wie Arbeit und Leben mit Familie anders gestaltet werden könnte. Ich würde mir ja echt wünschen, dass diese verdichtete Rush-Hour des Lebens, also die Zeit zwischen Ende 20 und Ende 40, entzerrt werden würde. Und zwar politisch, nicht individuell, denn nicht all können/wollen aussteigen und fortan auf einem Bauernhof mit drei Ziegen sitzen oder ihre Leben unter oft prekären Bedingungen in scheinbar hippen Co-Working-Spaces verbringen.

Sind lustige Menschen nix für die Wirtschaft?

Es müsste doch auch volkswirtschaftlich interessant sein, aus gehetzten Menschen ein bisschen zufriedenere, ein bisschen großzügigere und damit auch kreativere und lustigere Leute machen zu wollen. Wenn man nämlich nicht all seine Kraft und Gestaltungsfreude von 20 bis 50 Jahren in die Erreichbarkeit einer sogenannten Karriere investieren müsste, sondern vielleicht seinen Job splitten könnte oder irgendwie anders die Arbeit verteilen könnte, dann schiene mir das doch auch für eine Firme/einen Staat/die Wirtschaft erstrebenswert. Wir werden doch alle alt und bleiben auch viel länger fit, als noch die Generation vor uns. Ich fände es eine schöne Vision, dieser verdichtete Lebenszeit ein bisschen Luft zuzufächern.

Auch wegen der neuen Generation an Vätern, denen wir ja eigentlich nicht zusehen sollten, wie sie Stück für Stück zum selben traurigen Ergebnis kommen, wie viele Frauen vor ihnen: Dass sich nämlich das alles irgendwie nicht ausgeht.

Das ist mein ABER. Wie gesagt, es flammt auf, es vergeht wieder. Und bitte versteht mich nicht falsch. Das Leben, so wie es ist, ist sehr okay, es ist sogar ziemlich gut, aber es ist verdichtet. Dieses Empfinden lass ich manchmal zu.

Aber es ändert nichts daran, dass ich mich auf den Vatertag freue, ich das Gschisti-Gschasti gut und aufregend finde und ich gerne lächelnd Fotos mache, wenn sich der Vater unserer Kinder über "seinen" Tag freut.
Mein größter Stress dabei ist ja sowieso der verdammte Ribisel-Kuchen... :-)

In diesem Sinne wünsche ich euch einen feinen Vatertag und eine gute neue Woche,

eure Barbara Haas

In dieser wöchentlichen WIENERIN-Kolumne richten wir den Blick auf Geschichten, die uns im positiven Sinn bewegen.

Über ihre "Schönen Aussichten" schreiben abwechselnd die WIENERIN-Autorinnen und -Autoren Barbara Haas (Chefredakteurin), Ursula Neubauer (stellvertretende Chefredakteurin), Jelena Gučanin (Redakteurin), Ljubiša Buzić (Textchef).

 

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