Rendi-Wagner: Lasst uns über das Bussi reden

Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer gibt SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner für ein Foto ein Bussi auf die Wange. Warum diese Kommunikation problematisch ist.

Pamela Rendi-Wagner und das Bussi von Heinz Fischer

Ach, das Bussi! Es ist eine an sich sehr harmlose Liebesbekundung. Ein sanfter Ausdruck der Sympathie und Nähe, für FreundInnen und romantische Beziehungen gleichermaßen geeignet. Es ist Versicherung und Begrüßung, Versöhnung und Beruhigung. Das Bussi hat eine breite Bandbreite.

Nichtsdestotrotz birgt es einige Problematiken. Da geht es um Kleinkinder, die zum Bussi auf die Großtantenwange gezwungen werden sollen, um übergriffige Männer, die "eh nur ein Bussi wollen", und das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Auch der Vorgang des Bussi-Gebens kann analysiert werden. Zwischen dem angedeuteten Schmatzer, der scharf an der Wange vorbei in die Luft gehaucht wird bis zum explosionsartig aufgedrückten Knallkuss auf die Wange liegen unendlich viele Grauzonen. Und kulturelle Unterschiede offenbaren sich im Bussi! Die VorarlbergerInnen etwa verwirren seit Urzeiten die übrigen Bundesländer mit ihrem ominösen dritten Begrüßungsbussi.

Ist man sich all dieser Diskrepanzen bewusst, kann so ein Bussi sehr schön sein. Wer sich abbusselt, der hat sich (im besten Fall) sehr gern oder akzeptiert sich (im schlimmsten Fall) zumindest so weit, dass Höflichkeit und Zusammengehörigkeit stärker wiegen als Ablehnung. Das Bussi, also, ist ein vorwiegend positives Signal. Wahrscheinlich gibt der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer auf einem Sujet der SPÖ deswegen eines auf die Wange von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner.

Hätte Heinz auch den Christian abgebusselt?

Grundsätzlich macht das schon Sinn. Professionelles Einverständnis und inhaltliche Nähe zum beliebtesten SPÖ-Bundespräsidenten der jüngsten Vergangenheit schaden keiner SPÖ-Spitze. Natürlich möchte man eine „Gemeinsamkeit“ mit Heinz Fischer, der als Bundespräsident politisch mit seiner ruhigen Art und persönlich mit seiner Herzlichkeit überzeugt hat. Auf Heinz Fischer konnte man sich einigen. Die Bildsprache des Bundespräsidenten war außerdem stets social-media-kompatibel, von der Valentinsüberraschung für seine Frau Margit in der Hofburg bis zu beherzten Sprüngen über Gatschlacken. Gemeinsam mit Heinz Fischer, das ist ein an sich schönes Signal. Christian Kern oder Werner Faymann hätte der ehemalige Bundespräsident für die Kamera wohl trotzdem keinen Schmatzer auf die Wange gedrückt.

Darstellungen von Frauen, die mit Männern nicht funktionieren, sind höchstwahrscheinlich sexistisch. Ein freundschaftliches Bussi unter männlichen Politikern oder gar eines von einer Altpolitikerin an einen jüngeren Kollegen würden nie produziert werden. Zu unprofessionell, zu weit weg vom Bild eines mächtigen Mannes. Auch der politischen Person Rendi-Wagner tut man damit keinen Gefallen.

Die künftige kindliche Kanzlerin?

Das Sujet infantilisiert die SPÖ-Chefin. Es macht Rendi-Wagner zur kindlichen Frau, die dem seriösen, mächtigen Mann an ihrer Seite unterlegen ist. Das ist nicht das Bild einer möglicherweise künftigen Regierungschefin. Es ist ein Bild dessen, wie Frauen zu sein haben. Lieb und nett, unterwürfig und harmlos. „Pamela Rendi-Wagner wird hier nicht als potentielle Kanzlerin inszeniert, sondern freundlich interpretiert als liabe Enkelin“, kritisiert Beatrice Frasl, die den Podcast "Große Töchter" produziert, in ihren Instagram-Stories.

In der politischen Historie ist der Kuss nichts Neues: Der sozialistische Bruderkuss war schon in den 1950ern ein Begrüßungsritual unter Kommunisten und Zeichen der Solidarität. Auch die SPÖ möchte mit dem Sujet Einigkeit innerhalb der Partei kommunizieren (wenn auch nicht unbedingt kommunistische Werte). Es soll Sinnbild eines Rückhaltes bis in die höchsten Reihen der SPÖ sein, eine Antwort auf die wochenlangen Personaldebatten in einer scheinbar so zerrütteten Partei. Die SPÖ als Familie mit Pamela Rendi-Wagner als akzeptiertes und geschätztes Oberhaupt.

Es bleibt aber der stümperhafte Versuch, eine Frau in einer Machtposition nahbar zu machen – auf die einzige Art, wie Frauen das in einem patriarchalen System sein können: als Beiwerk eines Mannes.

 

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