Reisen Belgrad

Eine Stadt der Kontraste: Serbiens Hauptstadt ist kosmopolitisch auf der einen und kaputt auf der anderen Seite. Doch wer glaubt, dass hier nur Ostblockcharme auf einen wartet, der irrt sich: Zwischen Tradition und Moderne verbindet man in Belgrad gekonnt Lässigkeit und Lebenslust.

„F*ck the cola, f*uck the pizza, all we need is sljivovica", tönt es an manchen Ecken in Belgrad. Hier, am Übergang von Europa zum Balkan, malerisch gelegen zwischen den Flüssen Save und Donau, feiert man nicht nur gerne, sondern vor allem bodenständig. Bier ist gut und günstig (ein kleines Bier kostet durchschnittlich 90 Cent), doch das Nationalgetränk ist eindeutig der Obstbrand Rakija (ab ca. 1 Euro), bei uns in seiner Form mit Zwetschken als Sliwowitz bekannt. In Belgrad setzt fast jeder seinen eigenen Rakija an und ist stolz darauf; wer zu Besuch kommt, kostet am besten in der Rakia-Bar(Dobracina 5): Hier gibt's eine riesige Auswahl, zudem kann man das Getränk sogar in Tuben kosten.

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In Belgrad wird gerne und gut gefeiert, auch wenn die Leute kein Geld haben, aber sie finden immer eine Möglichkeit dazu", verrät Irena, deren Familie aus der Gegend von Belgrad stammt. „Bei uns in Serbien sagt man: Die Leute verdienen wenig, haben wenig, aber lachen viel!", beschreibt sie die Mentalität. „Die Menschen sind sehr herzlich, sofort per Du, egal, wie alt du bist. Wir sind ein bisschen wie Italiener: locker, fröhlich und sehr
fokussiert auf Familie
", erklärt Irena lachend.

Dabei hat auch Belgrad zwei Seiten: auf der einen die moderne und zukunfsorientierte, auf der anderen die chaotische, kaputte. Wenn Touristen sich freuen, für ein Bier nur einen Euro zu zahlen, bleibt ihnen das Kaltgetränk manchmal in der Kehle stecken, wenn sie erfahren, dass man hier im Monat durchschnittlich nur 200 Euro verdient.

Bohème meets Balkan

Belgrad ist mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern ganz klar eine Metropole, allerdings eine, die sich noch ein wenig aufpäppeln lassen muss. Der Zerfall Jugoslawiens und der damit verbundene Krieg in den 1990er Jahren ist an vielen Stellen noch spürbar, wenn man radikal zerstörte Bauten zwischen modern sanierten Fassaden sieht. Vielleicht ist aber genau dieser Kontrast zwischen moderner Weltstadt und zerstörter Metropole der Zauber, der die Stadt ausmacht. Mittendrin im pulsierenden Zentrum liegt der Trg Republike, der Platz der Republik. Hier steht das Reiterstandbild von Fürst Mihailo, nach dem die Fußgängerzone benannt wurde, und hier sagen die Belgrader, wenn sie sich verabreden, ganz lapidar: „Wir treffen uns beim Pferd." In der von Jugendstil- und Gründerzeithäusern gesäumten Knez Mihailova gibt's bekannte Ketten wie Zara, Accessorize, Sephora oder Mango ebenso wie teurere Labels, zwischendrin locken zahlreiche Cafés und Restaurants zum Ausruhen und Beobachten.

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„Einer meiner Lieblingsplätze ist tatsächlich die Knez Mihailova. Die ist zwar touristisch, aber man kann hier alles: einkaufen, essen, trinken. Außerdem ist man in der Altstadt und abgeschottet vom Lärm der restlichen Stadt", erklärt Irena. In einer Seitenstraße der Knez Mihailova gibt es übrigens das beste Eis, lustigerweise gehört der Laden, den es an drei Standorten in Belgrad gibt, einem Österreicher. Bei Moritz Eis(Vuka Karadizica 9) kosten zwei Kugeln ca. zwei Euro, sogar Promis wie Selma Hayek schauten hier schon vorbei. Überhaupt, die Altstadt, die im Laufe der Geschichte rund 39 Mal abgebrannt oder zerstört wurde, ist sehr kompakt und gut zu Fuß zu bewältigen. Marschiert man über den Trg Republike ein paar Meter östlich, erreicht man das alte Bohème-Viertel Skadarlija, das ein wenig an Montmartre in Paris erinnert. Zwar ist die Gegend mittlerweile stark touristisch, doch einen Abend kann man getrost hier herumspazieren, die unzähligen Lokale bestaunen und ein deftiges serbisches Abendessen kosten.

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Das Sesir Moj(Skadarska 27) ist ein kleines Restaurant mit großen Portionen, hier futtert man für wenig Geld. „Wer gern heimische Spezialitäten kennenlernen will, muss Pljeskavica kosten. Das ist eine Art Balkanburger im Fladenbrot mit Frischkäse", verrät Irena. Auch lecker: Sarma, eine serbische Krautroulade mit Hackfleisch und Reis gefüllt. „Das kann jede typisch serbische Mama kochen und ist bei uns so wie bei den Italienern die Pizza!", so Irena. Hat man sich gestärkt, sollte man noch einen Absacker in der Strahinjica Bana trinken. Das ist Belgrads Straßencafé-Meile; Einheimische nennen sie Silicon Valley, weil die Frauen hier angeblich so schön sind. Hier findet man übrigens auch den Supermarket(Visnjiceva 10), der - anders, als sein Name impliziert - kein Supermarkt ist. Im Gegenteil: In dem stylishen Concept Store findet man Designer-Kleidung, futuristisches Geschirr, bezahlbaren Schmuck und ungewöhnliche Möbelstücke, auch vorwiegend von heimischen Labels. Wer jedoch lieber in Einkaufszentren shoppt, sollte ins Delta City(Jurija Gagarina 16) oder ins Usce Shopping Center(Bulevar Mihajla Pupina 4) fahren: Während Ersteres eine klassische Mall ist, ist Letzteres ein kleines Designer-Outlet.

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Anreise:
Zum Beispiel im Mai von Wien direkt nach Belgrad, mit Austrian Airlines ab ca. € 129.

Das Hotel fürs kleine Budget:
Das Hostel Chillton (Katamiceva 7) ist gemütlich und spottbillig, zur Begrüßung gibt's einen kostenlosen Rakija. DZ ab ca. € 16, 6-Bett-Zimmer ab ca. € 10.

Das Hotel fürs große Budget:
Das Hotel Zira (Ruzveltova 35) ist super-stylish und in Lila-Weiß designt, nebenan gibt's das gleichnamige Shoppingcenter, in dem Hotelgäste bis zu 20% Rabatt bekpmmen. DZ ab ca. € 180.

Underground in Belgrad

Übrigens: Shoppingqueens sollten sich auf ein kleines Work-out einstellen. Belgrad wurde auf 20 Hügeln über den Flüssen Donau und Save erbaut, deshalb geht's an manchen Stellen auf und ab. Bequem indes ist ein Spaziergang ans Savamalski-Ufer, denn hier geht man abwärts und kann die Veränderung des Stadtbilds bestaunen. Die Touristen werden weniger, die Hausfassaden heruntergekommener, die Lokale alternativer. Denn hier, am Ufer der Save im Stadtteil Savamala, versteckt sich ein junges Bohemè-Viertel, das stark an Berlin-Kreuzberg erinnert. Die Gassen sind halb verfallen, die Wände voller Graffiti und am Wasser schaukeln verschlafene Hausboot-Kneipen, die erst nachts wach werden. Das Laika(Tavoska 45a) liegt zwischen verrotteten Schiffkuttern und ist ein modernes Partyschiff und Café, Bar und Club in einem. Schon tagsüber wird indes im versteckten KC Grad(Brace Krsmanovic 4) gefeiert. Was als Kultur- und Kunstzentrum betitelt wird, ist ein leicht runtergekommener Club, in dem man wahlweise abtanzen oder im Garten chillen kann - und klar, Kunst und Kultur gibt es hier tatsächlich immer wieder. Zum Essen schaut man ins versteckte Gnezdo(Male Stepenice 1a): Das kleine Restaurant, das sich in einem heruntergekommenen Altbau befindet, wurde von einer Truppe Belgrader Freunde eröffnet, die sich auf Organic Food spezialisiert haben und nur mit Waren aus der Gegend kochen.

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Das Highlight in Savamala ist jedoch das Mikser House(Karadordeva 46), das im April neu eröffnet wurde und einen Concept-Store mit einem Bar-Restaurant verbindet. Besonders toll: Hier gibt es nur Waren von heimischen Designern, deshalb nennen die Inhaber das Konzept auch gerne Balkan-Store. Apropos Kunst: Das Nikola Tesla Museum(Krunska 51) ist Pflicht: Der Physiker, der unzählige Patente für die schrägsten Erfindungen anmeldete, hat unter anderem ein hüpfendes Ei auf einem Magneten oder eine Spule, die Blitze durch den Raum schwirren lässt, kreiert - und kein Geringerer als Albert Einstein war sein Fan. Und so liest man hier auch dessen berühmte Zeilen: „Wenn ich nur wüsste, wie Sie solche Sachen machen!"

Grünes Belgrad

Wer die ruhige Seite von Belgrad kennenlernen möchte, sollte einen Spaziergang durch die Burganlage Kalemegdan im nordwestlichen Teil des Stadtzentrums machen. Hier warten weitläufige Wiesen, historische Kapellen und Waffenkammern ebenso wie angesagte Cafés und vor allem: eine umwerfende Aussicht oberhalb der Mündung der Save in die Donau. Hier sieht man auf die saftig-grüne Kriegsinsel, die heute ein Naturschutzgebiet ist, auf die Stadtteile Zemun und Neo Beograd bis hin zur pannonischen Tiefebene.

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Und dann geht es genau auf die andere Seite, in den malerischen Bezirk Zeman, der eindeutig der romantischste ist. Hier warten malerische Gassen, leckere Fischrestaurants und ein toller Blick auf die Donau. Für das perfekte Panorama lohnt es sich, im Viertel nach oben zu spazieren und den Janos-Hunyadis-Turm zu besteigen. Zur Belohnung trinkt man dann im Fat Cat Pub(Visoka 35a) einen Kaffee oder shoppt Mitbringsel im kleinen, aber umwerfenden Laden Art Dekor(Sindeliceva 2).

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Grün ist es auch auf der Ada Ciganlija, einer riesigen Freizeitinsel nur vier Kilometer von Belgrads Stadtzentrum entfernt. „Auf der Ada hat man immer ein Strandfeeling. Man kann feiern und schwimmen, chillen und feiern!", sagt Irena. Kein Wunder, immerhin gibt‘s in Belgrad rund 300 Bar- und Restaurantschiffe auf einem insgesamt 200 Kilometer langen Flussufer. Doch in welche Disco geht man bei einer solch großen Auswahl? „Der Club Time Out ist einer der bekanntesten Clubs in Belgrad und liegt direkt an der Ada. Oft treten berühmte Balkan-Sänger und Bands dort auf und geben Konzerte. Auch cool ist das Mr. Stefan Braun(Nemanjina 4). Das ist die einzige Diskothek in Belgrad, die im 9. Stock ist. Du kommst direkt aus dem Lift in den Club. Nur Vorsicht beim Türsteher, der hat leider eine echt strenge Politik und lässt nicht jeden rein!", erklärt Irena. Und, wer weiß, vielleicht hört man ja auch hier demnächst wieder die Parole: „F*ck the cola, f*uck the pizza, all we need is sljivovica!"


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