Rassistische Gewalt? Schwarzer Mann wird von mehreren Securitys am Boden fixiert, weil er keine Maske trägt

Security-Mitarbeiter*innen der Wiener Linien drückten einen Schwarzen Mann minutenlang zu Boden, weil er in der U-Bahnstation keine Schutzmaske getragen hatte. "Der Vorfall zeigt wieder einmal auf, dass wir in Österreich ein offensichtliches Rassismusproblem haben", so SPÖ-Politikerin Mireille Ngosso.

Wiener U-Bahn

Samstagnachmittag, U-Bahnstation Westbahnhof: Drei Security-Mitarbeiter der Wiener Linien fixieren einen Schwarzen Mann rund sechs Minuten lang am Boden. Weitere Mitarbeiter*innen umringen den jungen Mann. Der Grund: Er hatte sich ohne Mund-Nasen-Schutz in der Station aufgehalten. Rasch werden Passant*innen auf die Geschehnisse aufmerksam, bilden eine Traube an Menschen. Einige von ihnen bitten die Security-Mitarbeiter*innen, nicht so grob vorzugehen, eine derartig aggressive Behandlung wäre nicht notwendig und unangebracht. Mehrere Passant*innen filmen mit - ein Video geht aktuell durch sämtliche soziale Netzwerke und sorgt für Diskussionen: Ist das rassistische Gewalt seitens der Wiener Linien Mitarbeiter*innen? Wäre bei einem weißen Mann genauso brutal vorgegangen worden?

Keine Toleranz für rassistische Gewalt

Mireille Ngosso, SPÖ-Politikerin und Mitorganisatorin der Black Lives Matter-Proteste in Wien kritisiert den Vorfall scharf. Auf ihrem Instagram-Account postete sie am Sonntag: "Gestern ereignete sich bei der U-Bahn Westbahnhof ein Vorfall, der mutmaßliche rassistische Gewalt von Wiener Linien-Securities einem Schwarzen Mann gegenüber zeigt". Sie sei bereits mit der zuständigen Stadträtin in Kontakt, um die Geschehnisse rasch und umfassend aufzuklären.

Gegenüber der WIENERIN erklärt sie: "Dieser Vorfall zeigt wieder einmal auf, dass wir in Österreich ein offensichtliches Rassismusproblem haben." Derartige Gewaltausübungen seien absolut unverhältnismäßig. Auch wenn die Person keine Maske getragen hat, könne die Politikerin nicht verstehen, dass es drei Menschen braucht, um sie festzuhalten. Es sei mehr als gerechtfertigt, dass dieser Vorfall einen medialen Aufschrei ausgelöst hat, denn: "Wir alle haben schon gesehen, dass Menschen ohne Masken in den U-Bahnen unterwegs sind, aber niemand wurde bis jetzt so festgehalten, wie es bei diesem Herrn am Wochenende der Fall war."

Reaktion nicht gerechtfertigt

Auch das Black Voices-Volksbegehren, eine Initiative für die gleichberechtigte Teilhabe Schwarzer Menschen und People of Color in Österreich, verurteilt die Handlungsweise der Wiener Linien-Mitarbeiter*innen und fordert Konsequenzen. Samuel Hafner, Organisator bei Black Voices, erklärt gegenüber der WIENERIN: "Wir kritisieren das Verhalten der Securitys sowie das Statement der Wiener Linien-Geschäftsführung." In der Stellungnahme, die am Sonntag von Wiener Linien verbreitet wurde, argumentiere man nämlich damit, dass die Person sich geweigert hätte, eine Maske zu tragen und das Sicherheitspersonal nun mal einschreiten müsse, wenn jemand aggressiv wird. Der Fall soll aber intern nachverfolgt werden.

"Das Problem ist, welche Ausmaße das Ganze genommen hat. Die Reaktion des Sicherheitsteams ist nicht gerechtfertigt", so Hafner. Augenzeug*innen zufolge sei der Mann weder aggressiv noch ausfällig gewesen sein. Man fordere daher eine lückenlose, konsequente Aufklärung des Vorfalls seitens der Wiener Linien. Darüber hinaus solle man im Sicherheitsapparat der Wiener Linien präventive Maßnahmen setzen, um rassistische Gewalt künftig zu vermeiden. Auch Ngosso fordert eine transparente Aufklärung des Vorfalls sowie Antirassismus-Schulungen und eigene Antirassismusbeauftragte bei den Wiener Linien.

Wiener Linien weisen Rassismus-Vorwurf zurück

Neben Ngosso und Mitwirkenden des Black Voices-Volksbegehrens kritisieren auch viele andere Social Media-Nutzer*innen die Wiener Linien: Ein derartiges Verhalten der Security-Mitarbeiter*innen wäre nicht angebracht gewesen. Hätte es sich nicht um einen Schwarzen Mann gehandelt, wäre man anders vorgegangen, vermuten User*innen auf Twitter und Co. Die Wiener Linien weisen jegliche Rassismus-Vorwürfe zurück: Man stehe für Respekt, Toleranz und Vielfalt sowohl innerhalb des Unternehmens als auch den Fahrgästen gegenüber. Der Sicherheitsdienst sei dazu verpflichtet, alle Personen unterwegs zu schützen.

"Wenn jemand die Hausordnung – wie die MNS-Tragepflicht – nicht einhält, suchen unsere Kolleg*innen in erster Linie den Dialog. Weigert sich jemand, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, so wird er der Station verwiesen. Reagiert die Person aggressiv, so wird als letzte Stufe das Festhalten der Person bis zum Eintreffen der Polizei eingesetzt", heißt es in einem Statement. Man würde den Vorfall nun intern genau untersuchen und das Body-Cam-Videomaterial gründlich auswerten.

Auch die Polizei, die nach einiger Zeit ebenfalls am Ort des Geschehens eingetroffen war, werde die Aufnahmen im Hinblick auf einen möglichen Strafprozess untersuchen. Als die Polizeibeamt*innen am Westbahnhof eintrafen, sei der Mann nicht mehr am Boden fixiert gewesen, teilte ein Polizeisprecher ÖSTERREICH mit. Es habe gegenseitige Anzeigen wegen Körperverletzungen gegeben, weitere Maßnahmen seien seitens der Polizei nicht nötig gewesen.

Mehr Zivilcourage durch Black Lives Matter-Proteste

Seit der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd setzen sich Menschen weltweit vermehrt gegen Rassismus und Gewalt durch behördliche Autoritäten ein. Auch in Österreich schlugen die Black Lives Matter-Proteste hohe Wellen. Beim Vorfall am Westbahnhof zeigten viele Menschen Zivilcourage, forderten die Securitys auf, ihr grobes Verhalten zu unterlassen und filmten die Geschehnisse mit. "Lass ihn atmen! Er bekommt keine Luft" oder "Was soll das, was Sie da machen?" ist auf verschiedenen Videoaufnahmen zu hören. Obwohl Security-Mitarbeiter*innen anwesende Personen mehrfach aufforderten, weiterzugehen, weigerten sich viele und blieben stehen.

Für Samuel Hafner von Black Voices ein Zeichen dafür, dass sich in den letzten Monaten einiges in der Bevölkerung getan hat: "Man merkt, dass in der Gesellschaft ein Sensibilisierungsprozess stattgefunden hat. Ich persönlich habe noch nie mitbekommen, dass in so einer Weise Zivilcourage gezeigt wurde." Auch Mireille Ngosso stellt eine neues Bewusstsein in der Bevölkerung fest: "Ich glaube, dass die Menschen in Österreich jetzt 'alert' sind. Sobald sie merken, dass irgendwas passiert, werden gleich die Handys gezückt." Durch die sozialen Medien könne man schneller auf Rassismus aufmerksam machen, Missstände seinen nun in wenigen Sekunden für alle sichtbar – und das sei gut so, findet die Politikerin.

Update (20.10.2020):

Die Wiener Linien veröffentlichten nach Sichtung und Auswertung der Bodycam-Aufnahmen ein Statement auf ihrem Instagram-Account. Darin heißt es, der Mann hätte sich nach x-facher Aufforderung beharrlich geweigert, eine Maske zu tragen und hätte Mitarbeiter*innen angegriffen, als diese ihn aus der Station begleiten wollten. Anschließend habe man die Polizei verständigt und den Mann bis zum Eintreffen festgehalten. "Unsere MitarbeiterInnen sind für die Sicherheit aller Fahrgäste verantwortlich und haben sich korrekt verhalten", ist weiter zu lesen. Das gesamte Posting seht ihr hier:

 

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