"Rassismus ist immer da, weil er im System verankert ist"

Wer glaubt, dass wir in Österreich kein Rassismus-Problem haben, der irrt. Und zwar gewaltig. Der ZARA-Rassismus-Report zeigt, wie Rassismus hierzulande aussieht.

Rassismus ist immer da, weil er im System verankert ist.

Es fängt bei der Kleinen Mohrengasse an und hört bei der Diskriminierung am Arbeitsmarkt leider nicht auf. Wer in Österreich lebt und eine andere Hautfarbe als weiß hat, ein Kopftuch trägt oder nicht "typisch österreichisch" heißt, ist vermutlich früher oder später von Rassismus oder Diskriminierung betroffen.

Die Anti-Rassismusbehörde ZARA veröffentlicht einmal im Jahr einen Rassismus-Report, also eine Sammlung rassistischer Vorfälle, um deutlich zu machen, wie präsent das Problem Rassismus hierzulande nach wie vor ist, um Betroffenen eine Anlaufstelle zu bieten und konkrete Maßnahmen anzutreiben.

Nur die Spitze des Eisbergs

Vergangenes Jahr gingen insgesamt 1.977 Meldungen bei ZARA ein. Das sei allerdings nur ein Bruchteil der tatsächlichen Vorfälle: "Rassismus ist ein Eisberg, wir sehen aber immer nur die Spitze, nämlich die Fälle, die uns gemeldet werden", erklärt Leiterin Fiorentina Azizi-Hacker. Die Dunkelziffer rassistischer Vorfälle sei um ein Vielfaches größer.

Von Menschen, die selbst nie von Rassismus betroffen waren, hört man immer wieder, dass es hierzulande doch ohnehin kaum noch Probleme mit Rassismus oder Diskriminierung gäbe. Die Tatsache ist jedoch: "Rassismus ist immer da, weil er im System verankert ist. Diese Realität bekommen einige täglich zu spüren. Nur wer nicht von Rassimsus betroffen ist, erlebt Rassismus in Österreich als Ausnahme".

Auch die mangelnden Maßnahmen aus der Politik machen deutlich, dass Rassismus als kein besonders drängendes Problem angesehen wird – während er tagtäglich den Alltag tausender Menschen erschwert und Traumata verursacht.

Wie sich Rassismus in Österreich konkret äußert, zeigt ein Einblick in den aktuellen ZARA-Report:

Achtung, Trigger-Warnung!

"A. muss im Rahmen einer Ausbildung verschiedene Praktika absolvieren. Bei einem Unternehmen macht sie die Erfahrung, dass nur ihre weißen Kolleg*innen zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden und sie und ein ebenfalls nicht-weißer Kollege nicht. Für die Absage wird ihr keine Begründung genannt.

A. vermutet rassistische Diskriminierung und möchte dem auf den Grund gehen. Sie wendet sich per Chat an ZARA, weil sie diese Ungerechtigkeit nicht schweigend hinnehmen will. Gleichzeitig hat sie Sorge, sie könnte aufgrund von rassistischen Vorurteilen und in einem Umfeld, das nicht für Diskriminierungserfahrungen sensibilisiert ist, als Querulantin abgestempelt werden."

"P. ist der einzige Schwarze Angestellte in seiner Firma. Immer wieder wird er von einem Kollegen, der bereits seit vielen Jahren dort arbeitet, belästigt: Er spricht vor Kolleg*innen schlecht über P., verspottet ihn und macht Kommentare, die sich auf seine Herkunft beziehen.

Als es P. zu viel wird, spricht er diese andauernde Diskriminierung bei den Vorgesetzten an. Als es erneut zu einer rassistischen Beleidigung kommt, konfrontiert P. den Kollegen direkt und es kommt zu einem Streit. Die Geschäftsführung greift in den Streit ein, schickt aber P. nach Hause.

Später versucht P., mit der Assistentin der Geschäftsleitung zu sprechen, um den Diskriminierungsgehalt der Vorfälle zu erklären – in der Hoffnung, dass sie das besser versteht als ihr Vorgesetzter. Jedoch schickt die Geschäftsleitung P. erneut nach Hause und droht damit, die Polizei zu rufen.

Am nächsten Tag wird P. mitgeteilt, dass er gekündigt wird und auch nicht mehr zur Arbeit kommen soll".

"L. möchte über eine Online-Verkaufsplattform eine Küche kaufen. Als er eine Küche findet, die ihm gefällt, schreibt er der Person, die diese Küche zum Verkauf anbietet, eine Nachricht. Der Verkäufer antwortet mit einer rassistischen Aussage, die sich auf L.s Namen bezieht und ihn als Terroristen darstellt.

L. schreibt höflich zurück, dass er kein Terrorist ist, in Österreich lebt und sich für die Küche interessiert. Daraufhin antwortet der Verkäufer, dass er nicht an muslimische Menschen verkauft. Er verweigert L. damit aufgrund seines Namens und der (vermuteten) Religionszugehörigkeit den Kauf der Küche."

"K. fährt mit der Straßenbahn. Wegen ihrer Schwangerschaft verspürt sie starke Morgenübelkeit und möchte deswegen schnell ein paar Bissen essen. Sie geht dafür extra nach hinten in die Straßenbahn, weil sie niemanden stören möchte.

Dort wird sie plötzlich von einem Mann rassistisch beschimpft und in den Bauch geschlagen. K. fährt sofort ins Spital, um sich untersuchen zu lassen. Im Spital wird festgestellt, dass K. durch den Schlag innere Verletzungen erlitten und viel Blut verloren hat. Es kommt noch im Spital zu einer Anzeige gegen den Mann. In weiterer Folge verliert K. auch ihr Baby."

Wo bleiben die Maßnahmen?

ZARA sowie Black Voices, das anti-rassistische Volksbegehren fordern die Umsetzung eines nationalen Aktionsplans gegen Rassismus. Dieser sei in der Vergangenheit zwar immer wieder angesprochen worden - konkrete Veränderungen und Maßnahmen gibt es bislang kaum. "Um ein diskriminierungsfreies Miteinander in unserer Gesellschaft zu erreichen, muss viel getan werden und das gezielt", so Emmeraude Banda (Black Voices Volksbegehren). "Wir fordern die Umsetzung antirassistischer Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Polizei, Repräsentation in der Öffentlichkeit sowie Flucht und Migration."

Gerade die aktuelle Situation und Diskriminierung nicht-weißer Flüchtenden zeige, dass Europa nach wie vor ein deutliches Rassismusproblem hat und dringend Anpassungen nötig sind.

Warum so wenige Meldungen?

Wenn die Dunkelziffer rassistischer Vorfälle so groß ist - warum werden dann nur so wenige davon bekannt gemacht? Azizi-Hacker erklärt: "Was man als Norm empfindet, meldet man nicht. Unlängst berichtete uns eine Frau von der rassistischen Gewalt, die sie erleben musste. Als sie später Freunden und Freundinnen, die wie sie selbst Schwarz sind, schockiert von diesem Vorfall erzählte, meinten diese, dass ihnen das ständig passiere. 'Das ist halt so'. " Für viele Menschen gehört Rassismus zum Alltag. Ihn zu erkennen und zu benennen ist oft gar nicht so leicht. Hinzu komme laut Azizi-Hacker die Angst, nicht ernstgenommen zu werden.

Besonders Menschen, die rassistisch motivierte Polizeigewalt erlebt haben, falle es schwer, rechtlich dagegen vorzugehen, weil sie befürchten, "dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie selbst für den Vorfall verantwortlich gemacht werden", ergänzt Zara-Beraterin Désirée Sandanasamy. Betroffene berichten auch immer wieder von Verwaltungsstrafen, die sie in der Folge erhalten.

"Niemand muss mit rassistischen Erfahrungen alleine sein"

ZARA sei es ein Anliegen, Betroffenen eine sichere Anlaufstelle zu bieten und sie bei Vorfällen zu beraten und unterstützen: "Es ist wichtig, dass es für Betroffene einen Ort gibt, an dem ihnen zugehört und geglaubt wird. Es ist wichtig, für sie da zu sein. Niemand muss mit rassistischen Erfahrungen alleine sein", so Azizi-Hacker . "Es ist unsere Aufgabe, weiterhin über Rassimsus zu sprechen, denn Rassismus totzuschweigen bedeutet, dass nichts gegen ihn unternommen wird. Rassismus darf in unserer Gesellschaft nicht die Norm sein. Benennen Sie Rassismus, melden Sie Rassismus und zeigen Sie Zivilcourage!", appelliert die ZARA-Leiterin.

 

Aktuell