Radical Honesty: Wie viel Ehrlichkeit verträgt mein Sozialleben?

Das Kommunikationskonzept "Radical Honesty" basiert darauf, dass wir uns immer völlig ungefiltert und ehrlich mitteilen. Kann das im Alltag funktionieren?

Radical Honesty

Das "Mhm, sehr gut war’s, danke!“ hab‘ ich mittlerweile schon perfektioniert, wenn der*die Kellner*in abserviert. Das mache man halt so, hab‘ ich gelernt. Das sei schließlich nur höflich – aber genau genommen alles andere als ehrlich, wenn mich ein Gericht unbefriedigt und hangry zurücklässt und ich dem Servicepersonal statt dem höflichen Lächeln lieber ein "Sei froh, dass i dir die Kasnockn net um die Ohrn hau, Deppata!" entgegnen würde. Was natürlich deppert und unreflektiert ist, weil der*die Kellner*in genauso wenig für versalzene Kasnockn kann und dieser Grant ohnehin nix bringt, aber es ist nunmal das, was ich mir tief drinnen aus meiner Hangryness resultierend denke. Die Radical Honesty-Bewegung basiert genau darauf: Immer alles sagen, was man denkt.

Ehrlichkeit, die weh tut

Brad Blanton, Begründer von Radical Honesty und Autor des Buches "Radical Honesty: How to fransform your life by telling the truth" ist davon überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, würden wir bloß alle immer die Wahrheit sagen. Quasi radikale Ehrlichkeit bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus: Denn ungefiltert alle Gedanken auszusprechen bevor man überhaupt abgewogen und reflektiert hat, woher der Gedanke kommt, kann weh tun. Ist der Schmerz aber mal überwunden, würde diese extreme Form der Ehrlichkeit laut Blanton eine ganz besondere Intimität schaffen.

Wie viel Ehrlichkeit macht Sinn?

Eigentlich hätte ich mich schon immer als eine ehrliche Person bezeichnet – zumindest nicht unehrlicher als andere Menschen in meinem Umfeld. Klar sage ich auch oft genug "Hey, ich will heute keine echten Hosen mehr anziehen und statt unserem Spritzer-Date lieber daheim bleiben" anstatt gradeaus zu sagen "Ich will heute niemanden sehen, auch dich nicht" (was das Echte-Hosen-Argument nicht abschwächen soll. Alles außer Leggings sind Todfeind, nur for the record). Und natürlich habe ich beim Dating auch schonmal gesagt "Schön war’s! Würd mich auch freuen, wenn wir uns wiedersehen!", um mir dann nach dem Treffen zu überlegen wie ich aus der Aussicht auf eine zweite Verabredung wieder rauskomme. Was aber, wenn ich von Vornherein immer direkt ausspreche, was ich denke?

Ehrlichkeit als Privileg

Um ehrlich zu sein: Bevor ich das mit der radikalen Ehrlichkeit probiere, muss ich mir Grenzen setzen, denn – so ehrlich muss man sein, höhö – Ehrlichkeit ist eng mit Privilegien verbunden. Gerade im beruflichen Kontext kann man sich als Praktikant*in Ehrlichkeit bestimmt nicht so einfach erlauben wie eine Person in Führungsposition; schon gar nicht, wenn man von der Lohnarbeit – oder welchem Aspekt auch immer – abhängig ist. Aber meine Freund*innen die würden ein bisserl mehr Ehrlichkeit schon aushalten, denke ich. Und die Dating-Gspusis sowieso.

Ehrlichkeit als Selfcare

Gesagt, getan. Zum Bumble-Typen sag ich nach dem ersten Spritzer: "Du, ich fühl mich nicht wohl in deiner Nähe. Ich geh‘ jetzt", war zwar kurz unangenehm ist, aber im Endeffekt halt ich mich bei dem Gedanken fest, dass ich uns beiden grad ein bisserl Zeit gespart hab. Meiner Freundin Nora sag ich das Punsch-Date kurz darauf auch ehrlicher als bisher ab, mit den Worten: "Du, ich mag heute niemanden mehr sehen. Ich will mich lieber alleine daheim einkuscheln und Film schauen." Und zu meiner Überraschung antwortet sie ganz euphorisch "OMG DANKE, dass du das sagst. Mich zahd’s auch gar nicht. Ich bin so froh, dass wir eine Ebene haben, auf der wir uns sowas sagen können." Habe mir eben die richtigen Freund*innen ausgesucht.

Nur meine Freundin Alisa kann manchmal ein bisserl anstrengend sein. Das mein ich gar nicht bös, aber ihr Sudern übers Schreiben von Bewerbungen und das Daten von irgendwelchen Vollheisln ist nach einem langen Tag im Büro manchmal ein bissl ~too much~ für mich. Als sie beim nächsten Treffen also wieder von Vollheisl #3 zu erzählen beginnt, sag ich ihr bestimmt: "Du, ich hab‘ dich gern und ich will, dass es dir gut geht, aber ich habe heute emotional keine Kapazitäten mehr, mich damit zu beschäftigen und dir reflektierten Rat zu geben." Auch das war kurz unangenehm – oder besser: ungewohnt. Aber am nächsten Tag dann die Nachricht: "Danke, dass du mir das gesagt hast. Das hilft mir sehr bei meiner Selbstreflexion." Und ich merke: Radical Honesty kann nicht nur gemein, egoistisch und verletzend, sondern auch eine Form von Self Care sein. (Und: Ich hab‘ einfach die coolsten Frauen in meinem Umfeld.)

 

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