Queermed: Warum der Arztbesuch kein Hürdenlauf sein darf

Arztbesuche bergen für queere Personen viele Hindernisse. Wir haben mit Julius Jandl von queermed.at über Leerstellen in der medizinischen Versorgung für Personen der LGBTQIA+ Community gesprochen.

Person beim Arzt wird am Rücken abgetastet

Muss ich meine Identität verstecken, um eine adäquate medizinische Behandlung zu erhalten? Eine Frage, die sich viele LGBTQIA+ Personen im Alltag stellen. Zu verstehen, dass medizinisches Personal nicht objektiv sein kann, sondern Patient*innen ebenso durch eine Linse der Mehrheitsgesellschaft wahrnimmt, ist ein wichtiger Aspekt um die gravierenden Unterschiede in Behandlungsmöglichkeiten zu verstehen.

Krankenhäuser und Arztpraxen sind keine politisch befreiten Räume: Wenn dein Arzt deine Lebensumstände nicht nachvollziehen kann, dann kann das zu einer fehlerhaften Anamnese oder sogar schlichtweg zur Behandlungsablehnung führen.

Die österreichische Plattform queermed setzt an diesem Problem an und führt eine dynamische Liste an ärztlichen Empfehlungen, die von Personen aus der LGBTQIA+ Community formuliert wurden. Die Empfehlungen können nach Bundesland und Fachrichtung sortiert werden, jede Empfehlung vermerkt in welcher Form sich die Praxen hervorgehoben haben und welche besonders wichtigen Services sie anbieten. Auch besondere Sensibilitäten, wie etwa „Erfahrungen mit körperlicher Gewalt“, werden hier notiert und ermöglichen Besucher*innen einen allumfassenden Einblick in das Angebot.

Wir haben mit Julius Jandl vonqueermed über die Wichtigkeit der Plattform gesprochen und was sich ändern muss, damit queere Personen barrierefrei Ärzt*innen aufsuchen können.

WIENERIN: Wie bist du auf die Idee für „queermed“ gekommen?

Julius Jandl, queermed: Auf die Idee gekommen bin ich, weil ich selbst eine Anlaufstelle vor ca. einem Jahr gesucht habe, weil ich trans bin und wissen wollte, welche Ärzt*innen es gibt und nicht privat sind. Da habe ich gemerkt, dass es etwas Vergleichbares noch nicht in Österreich gibt. Als Vorbild habe ich mir gynformation.de aus Deutschland genommen, die einen etwas anderen Zugang haben, weil sie sich auf Gynäkologie und Schwangerschaftsabbrüche konzentrieren. Mit ihnen war ich auch in Kontakt, als ich die Seite aufgebaut habe.

Der Begriff „queer“ ist ein Kampfbegriff der LGBTQIA+ Bewegung, mit der die ursprüngliche Beleidigung (Eng.„queer“ als komisch, negativ konnotiertes homofeindlich geprägtes Adjektiv) selbstermächtigend umgemünzt wird. Dies inkludiert Gender- als auch Sexualformen abseits des Heteronormativen. Die Popularität der wissenschaftlichen Schule der Queer Studies hat diese Auslegung seit Anfang der 2000er auch im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert.

Warum ist der Fokus auf queerfreundliche Ärzt*innen so wichtig?

Es ist deswegen notwendig, und das zeigt sich auch in der Resonanz, weil medizinische Untersuchungen für queere Personen eine recht große Hürde stellen. Als trans Person muss ich mich bei jedem Arztbesuch auf ein Neues outen, oder als queere Person, wenn es um sexuelle Gesundheit geht. Man wird in seinen Beschwerden oft nicht ernstgenommen. Wenn man nicht von Diskriminierung betroffen ist, nimmt man halt an, dass viele Dinge selbstverständlich sind, die für Andere sehr wohl ein Problem darstellen können. Als Minderheit beim Arzt ist man in einer ausgelieferten Situation. Es ist ein Machtgefälle, in dem man sich dort befindet.

Viele Sorgen haben konservative und sehr eingefahrene Ärzt*innen nicht am Schirm - oder lehnen grundsätzlich die eigene Existenz ab. Da kann es zu Situationen kommen, wo zusätzliche Diskriminierungserfahrungen gemacht werden, die auf Unwissen oder Ablehnung basieren. Dem muss man sich heutzutage wirklich nicht mehr aussetzen.

Welche Fachrichtungen birgen da besonders große Risiken?

Das Problem zeigt sich ganz stark in der Psychotherapie. Als queere* trans Person bei der Geschlechtsidentität oder Transition ist es wichtig, dass die therapierende Person weiß, worum es geht und man nicht den*die Therapeut*in noch aufklären muss. Ein weiteres wichtiges Feld für die Versorgung ist die medical transition. Da müssen alle Anlaufstellen in jedem Step grundsätzlich aufgeklärt sein.

Als Minderheit beim Arzt ist man in einer ausgelieferten Situation. Es ist ein Machtgefälle, in dem man sich dort befindet.

von Julius Jandl, queermed.at

Welche Leerstellen tun sich in der Gesundheitsversorgung auf? Was glaubst du, fehlt in der medizinischen Ausbildung, in Hinblick auf queere Bedürfnisse?

Ich glaube, dass es grundsätzlich an Sensibilisierung fehlt. Ein wichtiger Punkt ist Offenheit gegenüber Dingen, die man selbst noch nicht nachvollziehen kann. Das ist am wichtigsten. Das Fachwissen kann man sicherlich aneignen, das Problem ist nur dass das Fachwissen nicht gefördert wird, wenn sich die Ärzt*innen nicht proaktiv damit auseinandersetzen. Deswegen wäre es vielleicht auch sinnvoll, Sensibilisierung in der Ausbildung zu verankern und mehr Fortbildungen anzubieten.

In der Medizin entwickelt sich gerade mehr eine Wahrnehmung, dass Geschlecht nicht aus Gegenpolen bestellt, sondern es auf medizinischer Ebene fließende Übergänge gibt. Gendermedizin wird mehr Wert zugeschrieben und die Erkenntnis, dass man Medizin nicht mehr am weißen Cis-Mann festmachen sollte und sich Krankheiten unterschiedlich äußern, verbreitet sich. Ich glaube und hoffe, dass das ein erster Schritt in die Öffnung heißt, dieser Trend anhält und nicht nur in der Blase stattfindet.

Bei Diskriminierungserfahrungen stellt man sich sehr oft selbst in Frage: "Ist das wirklich ein Problem, oder glaube nur ich, dass das ein Problem ist?"

von Julius Jandl, queermed.at

Hast du im Zuge der Berichterstattung über Queermed Kritik erhalten?

Nein, ich habe bisher kein negatives Feedback bekommen. Im Gegenteil, ich habe laufend Einsendungen bekommen, was sehr bestärkend ist, weil es bedeutet, dass diese Leerstelle nicht nur eine subjektive Wahrnehmung von mir ist. Bei Diskriminierungserfahrungen stellt man sich sehr oft selbst in Frage: "Ist das wirklich ein Problem, oder glaube nur ich, dass das ein Problem ist?" oder „Liegt das an mir?“. Dann aber zu merken, dass sich sehr viele Leute darüber freuen und nutzen, ist sehr schön.

Die Empfehlungen können von jedem*jeder aus der Community kommen. Wie unterscheidest unter den Einsendungen?

Der (Frage-)Bogen ist grob moderiert, damit Ärzt*innen sich nicht selbst einsenden können. Bei vermehrten negativen Rückmeldungen wird auch nachkorrigiert. Negative Erfahrungen werden zum Beispiel auch durch Kommentare sichtbar gemacht.
So kriegt man von verschiedenen Leuten mit unterschiedlichen Erfahrungen eine viel breitere Repräsentation an Patient*innen, die sonst nie erreichbar wären. Auch unter den Bundesländern - wir sind zwar nach wie vor auf Wien konzentriert, aber grundsätzlich ist es ein großer Fokus, dass flächendeckender auf andere Bundesländer auszudehnen.

So kannst du Queermed unterstützen: Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, Materialien zu produzieren und die Webseite auszubauen gibt es derzeit einen Spendenaufruf. Auf @queermed.at auf Instagram erfährst du mehr dazu!

 

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