Prosopagnosie: Wenn "Ich kann mir keine Gesichter merken" ernst wird

Bei "Gesichtsblindheit" fällt es Betroffenen übermäßig schwer, sich Menschen anhand ihres Äußeren zu merken. Das geht weit über "Woher kenn ich die nochmal?" hinaus.

Frau mit fragendem Gesichtsausdruck

Am Bahnsteig oder im Supermarkt an jemandem Bekannten vorbei laufen, als hätte man die Person gar nicht gesehen - das ist wahrscheinlich schon jedem*jeder von uns passiert. Bei manchen lag's vielleicht an einem dringend notwendigen Termin bei der Augenärztin, bei wenigen an absichtlichem Nicht-Hinschauen (no judgement). Tatsächlich gibt es aber auch Menschen, die andere, so nah sie ihnen auch stehen mögen, schlicht und einfach nicht erkennen. Sie haben Prosopagnosie, das heißt ihr Gehirn ist nicht fähig, sich Mitmenschen anhand ihrer Gesichter zu merken.

Andere am Gesicht zu erkennen ist für Prosopagnostiker*innen nicht einfach

Manche Menschen verlieren nach einem Schlaganfall die Fähigkeit, bekannte Personen nur an den Gesichtszügen zu identifizieren, also ohne die Zuhilfenahme von Kleidung, Gang oder Stimmklang. Andere haben diese Schwierigkeit zeitlebens.

Der deutsche Ausdruck, der sich für die holprig auszusprechende neurologische Störung eingebürgert hat, lautet Gesichtsblindheit. Dieser Begriff kann allerdings in die Irre führen, denn medizinisch betrachtet versteht man unter Gesichtsblindheit Menschen, die Gesichter nicht als solche wahrnehmen können und sie teilweise mit Objekten verwechseln. Menschen mit Prosopagnosie hingegen erkennen zwar ein Gesicht als Gesicht, sind aber nicht fähig, es sich zu merken und mit einer Person zu verknüpfen. Präziser ist deshalb der aus dem Griechischen stammende Ausdruck, zusammengesetzt aus den Wörtern Prosopon, dem Gesicht, und Agnosia, dem Nichterkennen.

Leben mit Prosopagnosie: Was heißt das für den Alltag

Der Alltag ist für Prosopagnostiker*innen nicht immer leicht. Filmen mit ähnlich aussehenden Darsteller*innen können sie oft nicht folgen, Bekannte, denen sie zufällig über den Weg laufen, erkennen sie nicht. Nicht selten wird ihnen Unhöflichkeit oder gar Ignoranz nachgesagt, weil sie nicht grüßen oder sich im Umgang mit neuen Bekanntschaften schwer tun. Therapie für die Erkennungsschwäche gibt es bisher keine. Für Betroffene heißt das: Umgehungsstrategien finden. Sie erkennen zwar das Gesicht nicht, können ihre Mitmenschen aber an Merkmalen wie Haarfarbe, Gangbild, Ohrform, dem Abstand zwischen den Augen, Stimme oder Figur voneinander unterscheiden. Kinder mit dieser Wahrnehmungsstörung machen das bereits intuitiv: Sie spielen fast ausschließlich mit Kindern, die äußerlich besonders auffällig sind, um sich in einer Welt voll ähnlicher Gesichter zurecht zu finden.

Die beiden deutschen Mediziner*innen Martina und Thomas Grüter, die in Sachen Prosopagnosie forschen, gehen davon aus, dass speziell bei der angeborenen Form viele gar nichts von ihrer Wahrnehmungsschwäche wissen. Denn: Während für jemanden, der von Geburt an davon betroffen ist, ein Leben mit Strategien zur Gesichtserkennung nichts Ungewöhnliches ist, besteht für Menschen, die diese Erkennungsschwäche im Laufe ihres Lebens erwerben, ein immenser Leidensdruck. Eine Fähigkeit zu verlieren ist schwerer zu ertragen als sie nie besessen zu haben. Patient*innen mit erworbener Prosopagnosie scheinen daher schon seit geraumer Zeit immer wieder in der wissenschaftlichen Literatur auf, denn sie suchen Ärzte auf und wissen, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist.

 

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