Pro & Kontra: So funktioniert Integration NICHT!

Werteschulungen für Flüchtlinge? Strafen für Integrationsunwillige? Vorbeugender Hausarrest? Während Familien bei Minusgraden in Zelten leben, diskutieren wir über deren Werte. Und sind dabei, unsere eigenen über den Haufen zu werfen.

Lesen Sie hier die andere Meinung von WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas: "Ein Muslim muss mir die Hand geben!"

Mit dem, was gerade in unserem Land vorgeht, holen wir uns den Terror selbst ins Haus. Nicht weil wir zigtausende Flüchtlinge ins Land lassen. Sondern weil wir unfähig sind, damit umzugehen. Integrationsminister Kurz fordert Werteschulungen, gepaart mit Strafen für integrationsunwillige Migranten. Sie sollen möglichst schnell, möglichst kompromisslos „unsere Werte“ annehmen. Ihre eigenen (primitiven?) Werte sollen sie am besten gleich vergessen. Seine Kollegin Mikl-Leitner will Fußfesseln und Hausarrest auf Verdacht. Eine Horde von Internetusern – angeblich die Stimme des Volkes – will ein möglichst hartes Vorgehen. Noch härter. Drohen, strafen, abschieben. “Nachhilfe in Demokratie“, nennt sich das dann.

Nachhilfe

Für mache angesichts des Terrors vielleicht spitzfindig, aber: Definiert sich Demokratie nicht gerade darüber, dass sie ihren Bürgern keine Gesinnungsvorschriften macht? Du darfst alles sein und denken, solange du die Gesetze befolgst. Du darfst Anarchist sein, Kommunist, Scientologe, Burschenschafter, an Voodoo glauben oder an Lichtnahrung – und auch deine Kinder so erziehen. Du darfst alles sein. Außer strenggläubiger Moslem, wie es scheint. Genau das ist es, was wir vielen der Flüchtlinge unterstellen. Radikale, potenziell gefährliche, zumindest aber integrationsunwillige (man ist fast versucht zu sagen, “volkszersetzende“) Muslime zu sein. Absurderweise unterstellen wir das ausgerechnet jenen Männern (Frauen und Kindern werden irgendwie ausgeblendet), die vor dem Terror des IS geflüchtet sind und in eben keinem Kalifat leben wollten. Während Flüchtlingsfamilien bei Minusgraden an unseren Grenzen und in Zelten warten, diskutieren wir munter über ihre Werte – oder wie wir uns eben vorstellen, dass ihre Werte aussehen.

Rezept für Terror

Natürlich haben wir Angst nach den Anschlägen in Paris. Dass wir unsere Werte bewahren wollen, ist auch selbstverständlich. Nur – Zwang gehört gerade nicht zu diesen Werten. Wir vermischen unsere sozialen Umgangsformen mit Gesetzen und verwechseln potenzielle Terroristen mit Menschen, die einfach eine andere Kultur haben. In unserer Panik verlangen wir „Lösungen“, die mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun haben und das Problem nur noch verschärften. Jemandem, der „integrationsunwillig“ ist, die Mindestsicherung zu kürzen, ist ungefähr so sinnvoll wie einem Schüler mit schlechten Mathematik-Noten das Mathe-Buch wegzunehmen. Jemanden, der mit radikalem Gedankengut sympathisiert, vorbeugend zu bestrafen, wird ihn nur weiter radikalisieren. Wir können jemanden für einen Verstoß gegen die Gesetze bestrafen. Nicht aber dafür, dass er andere Vorstellungen davon hat, was „sich gehört“. Das hat mit „unseren Werten“ nicht mehr viel zu tun. Ganz egal, wie sehr wir uns vor der Flüchtlingsschwemme und Terrorgefahr in die Hosen machen.

 

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