Prädikat: "Nicht relevant" - Warum das (männliche) Wikipedia gefährlich ist

Die Beiträge im Internet-Lexikon "Wikipedia" werden zu einem Großteil von Männern verfasst. Das wird immer öfter zum Problem - vor allem, wenn es um Frauen und Feminismus geht. Ein aktueller Fall zeigt erneut, dass beim Nachschlagewerk so einiges falsch läuft.

Wikipedia gilt seit Jahren als eines der wichtigsten Nachschlagewerke überhaupt. Was aber hinter den Kulissen der Wissensplattform abgeht, bekommt der Großteil der NutzerInnen nicht mit. Beiträge der Plattform werden schließlich von vielen ohne Nachdenken übernommen, die Inhalte mehrheitlich als "neutral" angesehen. Tatsächlich machen nun aber immer mehr Autorinnen darauf aufmerksam, dass im Hintergrund keine gleichen Verhältnisse herrschen. Vor allem, wenn die Beiträge von und über Frauen verfasst werden.

Ein Artikel über Frauen: Wozu brauchen wir das?

Das Beispiel einer "Liste über Sci-Fi Autorinnen" machte die Probleme der Plattform kürzlich öffentlich sichtbar. Die Aufzählung von Autorinnen aus dem Science Fiction Bereich, die von einer Frau recherchiert und veröffentlicht wurde, rief einige besorgte männliche Wikipedia-Verfasser auf den Plan, die den Artikel als "überflüssig" und "unklar" deklassierten und zur Löschung vorschlugen. Grund: eine extra Liste für Frauen brauche es nicht (sind ja bei den 'Autoren' eh mitgemeint). Nach heftiger Kritik wurde der Antrag zur Löschung zurückgezogen, nur um Tage später wieder mit den selben misogynen Argumenten vorgebracht zu werden. Diesmal kam es tatsächlich zur Löschung durch Wikipedia, die dann, dank erneut heftiger Proteste, wieder aufgehoben wurde (momentan kannst du den Artikel hier nachlesen).Das Beispiel rund um die Debatte um diese Liste ist nur eines von vielen, das zeigt, wie die Plattform mit Themen umgeht, die mit Frauen oder dem anderen bösen F-Wort (Feminismus) zu tun haben. In einem Bericht von Vicesprachen Autorinnen darüber, wie sie systematisch auf Wikipedia von frauenfeindlichen Nutzern gemobbt werden. Eine der Autorinnen überlegte sogar, sich mit einem Männernamen auf der Plattform zu tarnen, um ernster genommen zu werden. Denn männliche Trolle würden immer wieder auf Wikipedia versuchen, gezielt frauenspezifische Beiträge mit misogynem Blödsinn zuzumüllen.

Wenn Männer über Männer schreiben

Frauen haben es auf der Nachschlageplattform sichtlich schwerer und das hat vor allem einen Grund: sie sind in der überwältigenden Minderheit. Laut eigener Aussage von Wikipedia sind lediglich geschätzt sechs bis 15 Prozent der AutorInnen weiblich, gegendert wird auf der Plattform sowieso nicht ("entspricht nicht dem Sprachgebrauch"). Die letzten Jahrhunderte der Geschichtsschreibung haben aber gezeigt, was passiert, wenn hauptsächlich Männer Geschichte schreiben: sie lassen Frauen außen vor. Das bestätigte erst kürzlich wieder eine Studie der Universität Rostock, die, in einer Analyse über Sichtbarkeit von Frauen in den Medien und im Literaturbetrieb, zum Schluss kam, dass Männer eindeutig mehr Zeit, Raum und Wichtigkeit anderen Männern zusprachen und weibliche Literaturschaffende deutlich weniger Bedeutung fanden.

Die Art und Weise wie rezipiert wird, sei es im Bereich der Literaturkritik oder auf einer so wichtigen und großen Plattform, wie sie Wikipedia zweifelsohne ist, hat freilich seine Folgen. Wenn Frauen und ihre Geschichte als weniger wichtig erachtet werden, dann werden dadurch Rollenklischees reproduziert, die man auf anderer Stelle eigentlich zu brechen versucht. Das ist im Übrigen ebenfalls wissenschaftlich belegt: ForscherInnen des Leibniz Instituts, der ETH Zürich und der Universität Koblenz-Landau konnten beweisen, dass Wikipedia im Vergleich zu anderen Lexika Frauen zwar in der Auswahl der Artikel nicht benachteilige, in ihren Artikeln aber öfter Wörter wie "Familie" und "Kinder" vorkamen und -auch das kommt wenig überraschend- häufiger Verlinkungen zu Artikeln von Männern eingefügt waren.

Gegen Wikipedia der Männer

Zum Glück lassen sich jene Frauen, die auf Wikipedia aktiv sind, von den Angriffen nicht unterkriegen. Sie unterstützen sich gegenseitig auf der Plattform, gründen Förder-Netzwerke wie das Berliner "WomenEdit" oder werden im Netz von solidarischen Autoren unterstützt, die sich gegen die misogynen Auswüchse der Plattform wehren. In der Petition #wikifüralle rufen einige AktivistInnen nun dazu auf, Wikipedia endlich von den ungleichen Tendenzen zu befreien. Wikipedia habe einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit, erklären die InitiatorInnen von #wikifüralle. Viele NutzerInnen würden denken: Was nicht in der Wikipedia steht, existiere auch nicht, fürchten die Aktivistinnen.

Eine Annahme, die gefährlich ist, wenn man sich aktuelle Auswertungen der Plattform ansieht. Nur 20,3 % jener Artikel über Personen, die in den letzten 100 Jahren geboren wurden, thematisierten Frauen, errechnete der Spiegel im Dezember 2018. Prominentes Opfer war letztes Jahr Nobelpreisträgerin Donna Strickland, die erst mit ihrer Auszeichnung überhaupt einen Eintrag erhielt. Dieser wurde Monate zuvor noch von einem Moderator abgelehnt. Prädikat: nicht wichtig genug.

 

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