"Posten wir doch jeden Tag einen guten Donald-Trump-Witz"

Die WIENERIN geht wieder einen heben: Diesmal mit dem Theatermacher Michael Sturminger, der in seinem schwarzhumorigen Stück „Just Call Me God: A Dictator’s Final Speech“ die Mechanismen von Diktatur, Macht, Größenwahn und Eitelkeit entlarvt. Tuchfühlung mit John Malkovich als Diktator? Bitte sehr!

Anders als in Diktaturen muss man in unserer westlichen Welt keine Heldin sein, um ein halbwegs anständiges Leben zu führen, erklärt der österreichische Regisseur und Autor Michael Sturminger der WIENERIN bei einem Spritzer im Café Drechsler. Aber was passiert, wenn wir dem Monster direkt ins Auge blicken? Darf dann das Böse in uns dann endlich raus?

Warum gehen wir Diktatoren immer noch auf den Leim?

Das ist Kernfrage des Stücks. Warum sind wir so blöd? Als ich angefangen habe, an diesem Stück zu arbeiten, hätte ich - wie alle Leute in der vernünftigen Welt - nicht glauben können, dass jemand wie Donald Trump an so eine Position kommen kann. Und das macht das Stück eigentlich noch viel brisanter und erstaunlicher. Er ist kein Diktator und wird es auch nicht werden. Dafür funktioniert die Demokratie in den USA zu gut. Aber die Art und Weise, wie Donald Trump seinen Wahlkampf gewonnen hat, oder wie er seine Antrittsrede gestaltet hat, erinnert 1:1 an die Nazis. Wenn jetzt jemand auf Deutsch sagen würde „Deutschland als Erstes!“ oder „Wir müssen Deutschland wieder groß machen!“ etc. würde man ihn wohl wegen Wiederbetätigung in Handschellen abführen. Natürlich kann man sich dem Thema auch satirisch nähern. Aber der Abstand zwischen Lächerlichkeit und Hochgefährlichkeit ist hauchdünn.

Auf Tuchfühlung mit dem Diktator

Sie bezeichnen Donald Trump im Stück als „Politiker ohne Eier“ und als lächerlichen „Möchte-gern-Macho“. Würden Sie ihm das auch - etwas höflicher formuliert – so ins Gesicht sagen?

Das sagt der Diktator im Stück. Ich würde das nie so sagen.

Aber Sie legen dem Diktator ja als Autor die Worte in den Mund …

Donald Trump ist wie der Typ, dem man aus der Schule kennt: Der schwachsinnigste Angeber, der durch ständiges Wiederholen seiner Angebereien und seinem Dauer-Aufmerksamkeitsbedürfnis die Menschen um sich herum quält. Seine Eitelkeit hält ihn davon ab, das Amt des Präsidenten auszufüllen. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, via Twitter auf vermeintliche Kränkungen seiner Person zu antworten und kindisch zurückzuschlagen. Wir, die Zivilbevölkerung, hätten nun den Auftrag, jeden Tag einen guten Donald Trump-Witz zu posten und ihn auf der ganzen Welt lächerlich zu machen. Das würde ihn lahm legen, weil er den ganzen Tag überlegen müsste, wie er darauf reagieren soll und damit unfähig wäre, Entscheidungen zu treffen.

"Wir, die Zivilbevölkerung, hätten nun den Auftrag, jeden Tag einen guten Donald Trump-Witz zu posten und ihn auf der ganzen Welt lächerlich zu machen. Das würde ihn lahm legen."
von Michael Sturminger

In seiner Abschiedsrede wirf der Diktator der westlichen Welt unbequeme Wahrheiten ins Gesicht: u.a. dass es den privilegierten Menschen, die auf der Butterseite des Lebens stehen, lieber ist, sich bequem in ihre Komfortzone zurückzuziehen und um diese Komfortzone auch noch Zäune zu bauen, als ihren Wohlstand mit den Armen zu teilen. Stimmen Sie ihm zu?

Ja und ich nehme mich dabei gar auch gar nicht aus. Nur wenige, ganz außergewöhnliche Menschen, lassen ihr politisches Bewusstsein tatsächlich in Handlungen in ihrem Leben münden.

Sie haben die Rolle des Diktators mit einem sehr charismatischen Schauspieler besetzt ...

Ich habe John Malkovich nicht besetzt, ich habe das Stück für ihn geschrieben. Das ist unsere dritte Zusammenarbeit nach „The Infernal Comedy: Geständnisse eines Serienmörders“ (2010) basierend auf der Lebensgeschichte von Jack Unterweger und „Casanova Variations“ (2014). John Malkovich hat eine außergewöhnliche Aura: Man traut ihm jederzeit alles zu. Das Beste und das Schlechteste. Das kenn‘ ich bei keinem anderen Schauspieler als bei ihm. Er könnte in der nächsten Sekunde zärtlichst oder zornig sein. Er könnte einen Wutausbruch haben oder unglaublich charmant und verbindlich sein. Man weiß es bei ihm nicht. Das macht ihn attraktiv und gefährlich.

Theatermacher Michael Sturminger

Unberechenbarkeit ist auch die Allzweckwaffe, auf die der Diktator setzt, um sein Volk zu knechten. Warum?

Ich habe mich sehr lange mit verschiedenen Diktatoren beschäftigt. Bei Führungspersönlichkeiten alten Stils ist die Unberechenbarkeit ein ganz zentraler Punkt: Menschen und die Geschicke riesiger Länder wurden zum Teil Jahrzehnte lang von seelische Krüppeln beherrscht. Wie ist das überhaupt möglich? Josef Stalin war ein durchgeknallter Paranoiker. Aber er hat es intuitiv verstanden, alle um sich in ständige Angst zu versetzen. Niemand konnte einen klaren Gedanken fassen. So funktioniert Terror in einer Diktatur. In verschiedenen Ausführungen und Ausprägungen findet man das auch bei Erdogan oder bei Trump. Ein Diktator kann in jedem Moment alles sagen. Weil er sich sowieso an nichts hält. Niemand kann sich jemals sicher sein, ob er etwas richtig- oder falsch macht. Ein Diktator ist nicht steuerbar, weil er unberechenbar ist. Ein idealer Diktator darf nicht erpressbar sein und niemanden lieben. Er ist völlig allein. Völlig losgelöst. Bereit, seinem Überleben an dieser Position, jederzeit alles zu opfern.

Warum geben Frauen „schlechte“ Diktatorinnen ab?

Weil sich Frauen nicht so sehr für Machtspielchen interessieren und kein so aufgeblasenes Ego haben. Es geht weiblichen Führungskräften um die Sache selbst. Sie sind besonnener, vernünftiger, bereit, Entscheidungen zu treffen. Das hat auch der Diktator in meinem Stück erkannt, in dem er sagt: „Die Frauen werden die Welt retten.“ Und bei dieser Aussage ist der notorische Lügner ausnahmsweise ehrlich.

Weltpremiere: 10.März 2017 Elbphilharmonie, Hamburg.

Aufführungen in Österreich:

Just Call Me God: A Dictator’s Final Speech” am 12. und 13. März 2017 um 19:30 im Großen Saal des Wiener Konzerthaus mit Musik von Martin Haselböck, Johann Sebastian Bach, César Franck u.v.a.

Öffentliche Diskussion mit Michael Sturminger: am 13. März 2017 um 18:00 im Schubert Saal des Wiener Konzerthaus.

Weltpremiere: 10.März 2017 Elbphilharmonie, Hamburg.

Aufführungen in Österreich:

“Just Call Me God: A Dictator’s Final Speech” am 12. und 13. März 2017 um 19:30 im Großen Saal des Wiener Konzerthaus mit Musik von Martin Haselböck, Johann Sebastian Bach, César Franck u.v.a.

Öffentliche Diskussion mit Michael Sturminger am 13. März 2017 um 18:00 im Schubert Saal des Wiener Konzerthaus.

 

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