Popfest 2018: "Bei uns sind alle Hauptacts“

Pop, Rock, Hiphop, Electronic und natürlich: Die neue Wiener Schule. Was wird’s bei der neunten Auflage des Popfest Wien eigentlich nicht geben? Andrea Burchhart hat beim Kuratoren-Duo Katharina Seidler und Nino Mandl nachgefragt.

Nino Mandl alias Der Nino aus Wien hat 2010 das allererste Popfest am Wiener Karlsplatz eröffnet. Heuer feiert der Musiker als Kurator Premiere. Gemeinsam mit der profilierten Musikjournalistin Katharina Seidler zeichnet Mandl für das viertägige Programm, von 26. Bis 29. Juli, mit mehr als 50 Acts (ua. Mavi Phoenix, Naked Lunch, AliceD, Kreisky, Felix Kramer) auf sechs Bühnen verantwortlich. Die WIENERIN hat die beiden zum Talk über das handverlesene Line-Up, Verantwortung und Frauenquote getroffen.

WIENERIN: Wie geht das – ein, „das Popfest“, gemeinsam kuratieren?

Katharina Seidler: Glücklicherweise mögen wir uns sehr. Das ist schon mal ein Vorteil. Wir kannten uns zuvor nur von einer kurzen beruflichen Begegnung, es hat aber gleich super gepasst. Jeder hat Vorschläge gemacht, Namen genannt, aber am Ende haben wir jede Entscheidung für oder gegen eine Band zusammen getroffen.

Nino Mandl: Wir waren gemeinsam auf unzähligen Konzerten, in Beisln und in den Hallen. Wichtig war uns beiden, dass uns die Musik packt. Schwer zu beschreiben. Die Auswahl war echt hart, wir haben keinen einzigen Slot „einfach so“ vergeben. Das können wir versichern.

WIENERIN: Welche Neuentdeckungen habt ihr dabei selbst gemacht?

Mandl: Durch Katharina hab ich vieles kennengelernt. Sea Urchin zum Beispiel, die machen so lässige Musik, die ich jetzt so privat nicht gehört habe.

Seidler: Bei mir war’s Lukas Antos. Der neue Wolfgang Ambros. Wir haben viele unbekanntere Acts ins Programm genommen, weil wir sehen das Popfest schon auch als eine Art Sprungbrett.

Mandl: In der Vergangenheit haben viele am Popfest gespielt, die dann hier auch ihr Publikum gefunden haben.

WIENERIN: Es werden ganz viele Genres bedient. Gibt’s was, was für euch nicht in Frage gekommen wäre?

Mandl: Hm. Im Grunde wäre alles möglich gewesen. Was es jetzt nicht geben wird, ist zum Beispiel Metall oder Reggae.

Seidler: Aber das war jetzt auch keine bewusste Entscheidung dagegen. Wir haben jetzt auch nicht die naheliegenden KünstlerInnen ausgewählt.

Mandl: Rechtsrockbands gibt’s auch nicht. Da stand auch niemand zur Diskussion.

WIENERIN: Was ist dran an dem ‚Vorwurf‘, die Leute kommen eh nur zum Feiern, die Musik ist nebensächlich geworden?

Mandl: Vielleicht mag es solche Menschen geben. Ich glaube aber, dass die meisten kommen aber schon, um Musik zu hören und auch um neue Bands für sich zu entdecken.

Seidler: Es ist auch nichts Verwerfliches daran, sich mit ein paar Dosen Bier an den Teich zu setzen und einfach eine gute Zeit zu haben.

WIENERIN: Habt ihr ein Motto, das über dem Fest oder den einzelnen Tagen steht?

Mandl: Motto in dem Sinn gibt es keines. Uns war wichtig, dass das, was auf den jeweiligen Bühnen passiert, zusammenpasst. Es gibt keine Headliner oder Vorbands. Es ist egal, ob man um 20 Uhr auf der Seebühne spielt oder um 2 Uhr in der früh im Prechtlsaal. Bei uns sind alle Hauptacts.

Seidler: Wir haben geschaut: Fühlt sich diese Person auf diesem Slot wohl? Gibt es da vielleicht eine Möglichkeit, dass die Bands dann zusammen etwas machen, Überschneidungen, Gastauftritte etc. Ich glaube, da ist uns in der Dramaturgie, wenn alles aufgeht, viel geglückt.

WIENERIN: Ganz neu ist heuer die Lyrik-Stage im Karlsgarten. Was hat es damit auf sich?

Seidler: Es geht um die Schnittstelle zwischen Lyrik und Lyrics. Wir laden Menschen ein, Texte zu präsentieren und zu schauen, wie Texte ohne Musik funktionieren.

Mandl: es ist ja auch interessant die Worte mal ohne Musik zu hören, das hat aber auch was Musikalisches. Mit dabei ist auch der Wiener Beschwerdechor, der zwischen den Lesungen performen wird.

WIENERIN: Hattet ihr vom Veranstalter irgendwelche Vorgaben?

Seidler: Nein, wir konnten ganz frei entscheiden. Natürlich sind wir Budget-mäßig eingeschränkt. Einige Bands, die beim Popfest einen ihrer frühen Auftritte hatten, sind mittlerweile zu groß für die Veranstaltung - und das ist auch gut so.

Mandl: Künstlerisch hatten wir aber totale Entscheidungsfreiheit. Darum hab ich das auch gemacht. Ich hatte mir zunächst ein paar Tage Bedenkzeit erbeten, ob ich das überhaupt machen möchte. Es ist ja auch eine große Verantwortung. Aber der Zuspruch war von allen Seiten da und so eine Gelegenheit kommt vielleicht nur einmal. Man muss sich halt viel Zeit nehmen.

WIENERIN: Habt ihr von euren Vorgängern Tipps bekommen?

Mandl: Eigentlich nur, dass ich es machen soll. Es ist schon spannend zu sehen, wie das Business von der anderen Seite betrachtet, funktioniert. Man muss da schon cool bleiben, wenn ein Booker versucht, dich unter Druck zu setzen.

Seidler: Wir konnten da Gott sei Dank wirklich konsequent bleiben. Wir haben niemandem einen Gefallen gemacht und sind auf keine, noch so subtilen Erpressungsversuche eingegangen. Mein Journalistenkollege Gerhard Stöger hat mich bestärkt und mich vor allem gelehrt, dass ich vieles nicht persönlich nehmen darf. Dass man sich nicht kränken darf, wenn nicht alles aufgeht oder dass man cool bleiben muss, wenn jemand angefressen ist.

WIENERIN: Nino, gibt es etwas, was du als Künstler am Popfest vermisst hat, das du jetzt als Kurator anders machen wirst?

Mandl: Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt, sonst hätte ich vermutlich auch nicht so oft gespielt. Meine Hoffnung ist natürlich auch, dass sich alle gut fühlen. Ich weiß natürlich wie schlimm es ist, wenn kein Bier da ist oder der Kühlschrank versagt und es nur warmes gibt. Das klingt jetzt banal, aber das ist gar nicht lustig.

WIENERIN: Wirst du selbst eigentlich performen?

Mandl: Nein, das ist nicht geplant. Ich werde moderieren, ja und hallo sagen. Naja, vielleicht kann es schon sei, dass ich auch mal ein Lied singe ...

Seidler: Bissl auf die Bühne musst du schon, oder?

Mandl: Wir zwei werden ohnehin vier Tage lang quasi nonstop hier sein, also müssen wir die Kräfte gut einteilen.

Seidler: Ja, das stimmt. Ich war bisher immer am Popfest und am Sonntag ist mir dann fast die Puste ausgegangen. Heuer lohnt es sich aber besonders auch am Sonntag fit zu sein. Ich hoffe also, das Publikum hält durch!

WIENERIN: Ich habe kürzlich das Programm einer Sommerbühne erhalten, wo keine einzige Frau unter den Headlinern ist. Wie haltet ihr es mit der Frauenquote?

Mandl: Keine Frau? Das ist eine Frechheit, das geht gar nicht!

Seidler: Es ist wirklich spannend: Je mainstreamiger es wird, desto mehr greifen die alten Mechanismen. In Unterground-Clubs oder so, da spielen immer viele Frauen, weil es sie einfach gibt und sie super Musik machen. Es ist schade, wenn große Veranstaltungen nicht die Realität wiederspiegeln. 50:50 wird sich bei uns zwar auch nicht ganz ausgehen, aber wir haben ganz wirklich viele tolle Künstlerinnen im Programm. Lupin zum Beispiel, ein junges Duo, das heuer den Protestsongcontest gewonnen hat.

 

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