Polnische Sexualkunde: Wenn er belästigt, ist sie schuld

Der Sexualguide rät SchülerInnen sich demütig zu verhalten, sich nicht aufreizend zu kleiden und Männer nicht zu kränken, um sich vor sexueller Belästigung zu schützen.

Dass die Täter-Opfer-Umkehr im sexuellen Kontext in unserer Gesellschaft immer noch tief verankert ist, zeigte nicht zuletzt der Fall Sigi Maurer, die obszöne Nachrichten gegen sich publik machte und dafür verurteilt wurde (WIENERIN berichtete).

Dass diese Umkehrmechanismen oft nicht nur gesellschaftlich manifestiert sind, sondern bereits im Jugendalter anerzogen werden, zeigt der Fall rund um ein polnisches Sexualkundebuch, das derzeit für Aufregung sorgt.

"Wenn sie dich belästigen, bist du schuld"

In dem Guidebuch Zycie na maksa ("Leben bis zum Maximum") finden sich abenteuerliche Ideen, wie Mädchen sich vor sexuellen Belästigern zu schützen haben.

Darin heißt es unter anderem: "Minirock, Body, bauchfreie Shirts, Hüfthosen, Strings, tiefes Dekolleté, nackter Rücken…sind eine Einladung für etwas mehr. Du wirst als frivoles, zur Verfügung stehendes Mädchen wahrgenommen. Wenn sie dich belästigen, bist du selbst schuld, du forderst das Schicksal heraus." Stattdessen schlägt der Guide eine Kleidung voller "Schlichtheit, Würde und Eleganz" vor, diese sei ein "Anzeichen einer edlen Seele" und rufe "Respekt und Wertschätzung hervor".

Erneut wird die Schuld bei den Belästigten gesucht - statt bei den Belästigern und deren Fehlverhalten anzusetzen. Und der Guide geht sogar noch weiter und führt Verhaltensmaßnahmen für die jungen Mädchen an. So solle man sich gegenüber dem potenziellen männlichen Belästigern höflich und untertänig verhalten, um diese nicht zu reizen: "Sei in keinem Fall unhöflich, zeige nicht deine Abneigung: Du wirst ihn demütigen und verletzen, was dazu führen kann, dass er sich rächen will."

 

Empörung in Politik und Gesellschaft

Ans Licht kam der Ratgeber nun nach einem Posting von Dorota Łoboda, liberale Politikerin der polnischen Oppositions-Partei PO, in dem sie scharfe Kritik an dem Ratgeber übte. Kurze Zeit später erschien ein Posting auf der Facebook-Seite "Notes from Poland".

Auch das polnische Model Anja Rubik, die sich in der Vergangenheit immer wieder für sexuelle Erziehung stark machte, meldete sich in der Causa zu Wort. Sie sei "sprachlos" über die Inhalte.

Die Warschauer Schule, in deren Unterricht der Guide zur Verwendung kam, wird mittlerweile untersucht. Die Warschauer  Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz stellte auf Twitter ebenfalls klar, dass die verwendeten Formulierungen in keinem Fall akzeptabel seien.

ExpertInnen kritisieren allerdings bereits seit Längerem, dass Sexualkunde in Polen weiterhin nur mangelhaft stattfindet. Renata Kim, Redakteurin bei Newsweek Poland, erklärte gegenüber BBC sogar, "so etwas wie Sexualkunde gibt es gar nicht". Sie spricht von "Vorbereitungsklassen für das Familienleben", diese seien allerdings nicht verpflichtend, Eltern könnten ihre Kinder davon entschuldigen. Außerdem seien nur wenige LehrerInnen tatsächlich qualifiziert, manchmal würden die Stunden auch von NaturwissenschaftlerInnen oder Nonnen gehalten, so Kim.

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