Polizisten nahmen Stalking-Opfer nicht ernst - nun stehen sie selbst vor Gericht

Eine 19-Jährige geht wegen ihres stalkenden Ex-Freundes zur Polizei. Statt Hilfe erhält sie eine Geldstrafe, weil sie die Zeit der Exekutive verschwenden würde. Dann wird sie von ihrem Stalker ermordet. Jetzt gibt es Konsequenzen für die BeamtInnen.

+++ Trigger-Warnung: Dieser Artikel enthält Darstellungen von Gewalt +++

Fünf Mal in sechs Monaten hat die junge Britin Shana Grice ihren Ex-Freund wegen Stalkings bei der Polizei gemeldet. Hilfe bekam sie keine, dafür eine Strafe in Höhe von 90 Pfund (umgerechnet etwas mehr als 100 Euro), weil sie die Zeit der Polizei verschwendet habe. Kurz darauf stirbt sie durch die Hand ebenjenes Mannes, vor dem sie bei der Polizei Schutz gesucht hatte. Das alles geschah 2016 im britischen East Sussex.

Polizei muss Opfer ernst nehmen

Drei der zuständigen Polizeibeamten erwartet nun Disziplinarverfahren wegen groben Fehlverhaltens. Weitere sechs mussten zusätzliche Ausbildungseinheiten absolvieren, für fünf der Beamten gibt es keine Konsequenzen. Die Verhandlung und das Urteil gegen den Stalker und Mörder Michael Lane hat in Großbritannien eine Debatte zur weiteren Schulung von PolizeibeamtInnen angestoßen. Es müsse sichergestellt sein, dass Opfer von der Polizei ernst genommen werden, verlangen ExpertInnen.

Im vorliegenden Fall hatte der Angeklagte das Auto seiner Ex-Freundin mit einem Tracker ausgestattet und sie verfolgt. Er war in ihr Haus eingebrochen, um sie beim Schlafen zu beobachten und lauerte ihr vor ihrem Haus auf. Als wäre das noch nicht genug, zeigten die Untersuchungen: 13 weitere Frauen hatten den Mann bei der Polizei wegen Stalkings gemeldet. Dennoch handelte die Polizei nicht. GewaltschutzexpertInnen berichten von ähnlichen Problemen in Österreich: Opfern sexualisierter Gewalt oder Stalking wird oft nicht geglaubt. (>>> WIENERIN berichtete)

Britische Polizei untersucht Umgang mit Stalking-Opfern

Bei der Verhandlung um Grice' Ermordung sagte der Richter, die Polizeibeamten hätten voreilige Schlüsse gezogen und Shana Grice "stereotypisiert". Lane wurde 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der stellvertretende Polizeipräsident Nick May sagte in einem Statement der britischen Polizei: "Wir bedauern den tragischen Tod von Shana Rice in 2016 und arbeiten daran, unser Verständnis von und unsere Reaktion auf Stalking ständig zu verbessern. Bei der Untersuchung der Umstände, die zu Shana Grices Mord führten, wurde uns klar, dass wir nicht unsere Bestes gegeben haben. Wir haben also eine Empfehlung an das Unabhängige Amt für polizeiliches Verhalten (IPOC) angewiesen." Nach dieser "Selbstanzeige" leitete das IPOC die Untersuchung des Falles, erarbeitete weitere Strategien zum Umgang mit Betroffenen von Stalking und Belästigung und ist für Nachschulungen verantwortlich. Zeitgleich untersucht die Aufsichtsbehörde Ihrer Majestät für Polizei, Feuerwehr- und Rettungsdienste (HMICFRS) aktuell den Umgang der Polizei mit Fällen von Stalking und Belästigung. Die Veröffentlichung des Berichts wird demnächst erwartet.

Die Helpline der autonomen österreichischen Frauenhäuser bietet rund um die Uhr und anonym gratis telefonische Erst- und Krisenberatung für Frauen, Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betrof­fen sind: 0800/222 555.

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