Polizei versendet Verhaltenstipps für Frauen beim Feiern

Im Sommer steigt die Zahl der Sexualdelikte und gerade nach so langer Feierabstinenz möchte die Polizei Frauen in einer Aussendung einige Sicherheitstipps mit auf den Weg geben. Wir haben genauer nachgefragt.

Polizei versendet Verhaltenstipps für Frauen beim Feiern

Sommer ist die Zeit der sexuellen Belästigung und Sexualdelikte. Die Temperaturen steigen, Frauen wechseln vom Wintermantel auf Röcke und Kleider und schon gehen die Zahlen der Sexualdelikte laut der Landespolizeidirektion Wien nach oben. Aus diesem Grund verschickte Abteilungsinspektor Christopher Verhnjak am Montag, dem 5. Juli eine Aussendung mit Tipps für Frauen und Mädchen zum sicheren Feiern.

So kurz nach und noch mitten in den Ermittlungen des Mordes an dem 13-jährigen Mädchen kann man über das Timing streiten. Das ist sich auch Christopher Verhnjak bewusst: "Ich hatte die Aussendung schon vor dem Mord geplant. Die Zahlen der Übergriffe steigen im Sommer seit mehreren Jahren an, sogar im vergangenen Corona-Jahr und es handelt sich um wenige einfache Tipps, durch die Frauen sicherer sind. Nach so langem Stillstand wollen alle raus und feiern, verständlicherweise. Da ist es gut sich das in Erinnerung zu rufen."

Vertraue niemandem

Die Polizei weist in der Aussendung darauf hin, dass neue Bekanntschaften, auch wenn man sich noch so gut versteht, nicht automatisch vertrauenswürdig sind. Die Polizei Wien rät Frauen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen und den Abstand zu Fremden zu vergrößern, wenn sie sich unwohl fühlen oder die Örtlichkeit zu verlassen. Im Notfall hilft es auch, Lärm zu machen.

Dabei kann ein Handalarmgerät hilfreich sein. Bei einem Handalarmgerät handelt es sich um einen Tamagotchi-großen Anhänger, den man an seine Handtasche hängen kann und der mit bis zu 140 Dezibel losschrillt, wenn man daran zieht. Angreifer werden dadurch abgeschreckt und das Opfer macht auf sich aufmerksam. Zusätzlich können sich die Opfer nicht verletzen, es kann direkt außen an der Handtasche platziert und mehrmals verwendet werden. Kostenpunkt sind ca. 10-20 Euro.

Finger weg von Pfefferspray

Christopher Verhnjak hält das Handalarmgerät für die beste Option für Verteidigung: "Viele Frauen tragen Pfefferspray mit sich herum, wissen aber im Notfall oft nicht, wo dieser in der Tasche zu finden ist oder wie sie ihn verwenden sollen. Bei Pfefferspray gibt es auch immer die Gefahr, dass sie sich selbst damit verletzen oder der Pfefferspray beim Gegenüber nicht wirkt. Das habe ich selbst einige Mal im Außendienst erlebt. Wenn der Täter unter viel Adrenalin steht, alkoholisiert ist oder unter anderen Einflüssen steht dann kann es sein, dass der Pfefferspray keinen Effekt hat, außer dass er den Angreifer noch wütender macht."

Wichtige DNA-Spuren

In der Presseaussendung weist die Polizei zusätzlich darauf hin, dass die Aufklärungsrate von Sexualdelikten in Wien bei rund 75 % liegen und ruft Frauen dazu auf, diese auch anzuzeigen. "Eines ist klar: Schuld hat immer der Täter!", erklären sie am Beginn des Kapitels.

"Wir haben eine sehr hohe Erfolgsrate bei der Aufklärung, was zu einem großen Teil der Sicherstellung der Beweise wie DNA geschuldet ist. Ich verstehe, dass der erste Impuls nach einem Übergriff ist, sich zu duschen, die Kleidung zu waschen, aber genau dabei werden wichtige Hinweise zerstört", erklärt Christopher Verhnjak und ruft dazu auf, gleich die Polizei unter 133 oder 112 zu kontaktieren.

Weibliche Ansprechpartnerinnen

Viele Frauen haben eine große Scheu davor, sich der Polizei mit solchen Übergriffen anzuvertrauen, da sie von schlechten Erfahrungen von Bekannten gehört haben. Laut österreichischem Gesetz ist es so, dass man bei Themen rund um Sexualdelikte bei der Polizei verlangen kann, mit einer Frau zu sprechen, wenn man sich mit einem männlichen Ansprechpartner unwohl fühlt.

"Prinzipiell sind alle unsere Mitarbeiter*innen geschult, dass es sich hierbei um sensible Themen handelt. Aber jeder hat Verständnis dafür, wenn man um eine weibliche Ansprechpartnerin bittet. Dieses Recht haben Betroffene. Ich würde auch raten eine Freundin oder andere Vertrauensperson mitzubringen, die einen beruhigt", so Christopher Verhnjak.

Selbst ist die Frau

Bleibt nur noch die Frage, wieso diese Verhaltenstipps an Frauen gerichtet werden, nicht aber an Männer. Schließlich sind sie es, die sich in einer größeren Zahl im Sommer nicht unter Kontrolle haben, wie es scheint. "Es sollte selbstverständlich sein, dass man Zivilcourage zeigt, wenn man merkt, dass eine Frau in Bedrängnis ist. Das müssen wir hoffentlich nicht extra sagen. Mit diesen einfachen Tipps können sich aber Frauen selbst schützen und aktiv etwas tun", so der Polizist.

Schade ist nur, dass wieder Frauen in der Position sind, sich selbst helfen zu müssen, wegen einem Problem, das Männer produzieren. So einseitig diese Aussendung ist, so einseitig fühlt sich oft die Politik in Bezug auf Gewalt gegen Frauen an. Während einem als kleines Mädchen schon gesagt wird: "Geh dort nicht hin, pass auf dich auf, zieh das nicht an", scheuen wir uns davor, Männern auch mal einfach zu sagen: "Sei kein Creep und reiss dich zam, herst." Warum eigentlich? Hier gehört bereits in der Schule oder Kindheit angesetzt, um Kinder entsprechend zu sensibilisieren. Wir können nicht von Frauen verlangen, sich ständig selbst zu retten. Männer müssen sich gegenseitig im Blick haben und einfordern, besser zu sein. Das schulden sie uns.

Jedes Opfer ist eines zu viel! Wenn ihr Gewalt an Frauen wahrnehmt oder von solcher Gewalt betroffen sind, wendet euch an den Polizei-Notruf 133. Auch der 24-Stunden-Frauennotruf (01/71719) der Stadt Wien bietet Betreuung und Hilfe an. Das Landeskriminalamt Wien, Kriminalprävention, bietet zusätzlich Beratungen unter der Hotline 0800/216346 an.

 

Aktuell