Politmütter und das Märchen der gleichberechtigten Kinderbetreuung

Eine politische Spitzenposition und ein Babybauch widersprechen sich zum Glück nicht mehr. Frauen wie ÖVP-Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger und die neuseeländische Premierministerin Jarcinda Ardern setzen ein Signal für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Aber ist das genug?

"Liebe Elli, herzlichen Glückwunsch!" steht da. "Liebe Frau Minister, wir freuen uns mit Ihnen!" und ein bisschen ausgelassener: "JUHUUUUU - gratuliere Euch sehr herzlich und wünsche alles Gute für die kommenden Monate!".

Elisabeth Köstinger hat, ganz dem Zeitgeist entsprechend, vergangene Woche ihre Schwangerschaft in einem Facebook-Posting verkündet. Das Baby soll im Juli zur Welt kommen, Köstinger wird ihre Funktion als Bundesministerin "mit voller Kraft ausüben". Ihr Partner geht in Väterkarenz. In mehr als tausend Kommentaren gratulieren NutzerInnen der ÖVP-Nachhaltigkeitsministerin zum Nachwuchs.

Köstinger ist nicht die einzige künftige Politmama. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern erwartet ebenfalls ihr erstes Kind. Wie bei Köstinger ist die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf sofort ein Thema. Auch hier wird der Vater in Karenz gehen, Ardern weiterhin das Land regieren. Das ist großartig - und weder selbstverständlich noch kommt es häufig vor.

Nach der ehemaligen pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto ist Jacinda Ardern erst die zweite Regierungschefin der Welt, die während ihrer Amtszeit ein Kind gebären wird. Auch im kleinen Österreich ist Elisabeth Köstinger nach der ehemaligen BZÖ-Ministerin Justizministerin Karin Gastinger erst die zweite aktive Ministerin mit Babybauch. Eva Glawischnig hat ihr erstes Kind als Vizechefin der Grünen, ihr zweites als Parteichefin bekommen.

Männliche Staatsoberhäupter sind häufig auch Väter. Alle US-Präsidenten hatten Kinder. Im Plural. Bill und Hillary Clinton waren seit Präsident Harry und Bess Truman (Amtszeit 1945 - 1953) das einzige Paar im Weißen Haus, das nur ein Kind hatte. Wie die männlichen Präsidenten Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, hat wohl kaum jemand gefragt. Fairerweise gibt es nur wenige Staatschefs die während ihrer Amtszeit Nachwuchs bekamen. Doch es gibt sie, etwa John F. Kennedy und Tony Blair. Allgemein gilt weltweit aber: PolitikerInnen sind bereits vor ihrem großen Durchbruch Eltern oder bleiben kinderlos.

Sind schwangere Politikerinnen ein Vorbild?

Frauen wie Ardern und jetzt Köstinger zeigen öffentlich, dass das Leben einer Frau kein "Entweder-Oder" sein muss. Karriere und Kinder, das war für Männer schon immer möglich, weil die Betreuung der Kinder Frauensache war. Für Frauen wird dieses Leben inzwischen ein Stückchen greifbarer. Dabei helfen auch öffentlich zelebrierte Karrierefrauen mit Kindern. Sie machen Möglichkeiten sichtbar.

Zwischen all den Glückwünschen provozieren sie damit, wie könnte es anders sein, auch negative Reaktionen im Internet. Schwanger ein hohes Regierungsamt annehmen, das gehe doch nicht. Einigen erscheint es immer noch als unmöglich, dass sich eine Jungmutter auf ihre Karriere konzentriert anstatt ganztags ihr Baby zu hüten. "Rücktritt, Familie, dann erst Politik!" fordert ein Mann unter Köstingers Facebookposting. Andere prangern den Zeitpunkt der Schwangerschaft, so kurz nach der Ernennung zur Ministerin, an. Dazwischen geben Männer der 39-Jährigen Tipps zum Stillen.

Beide Frauen nehmen solche Kommentare gelassen. Köstinger sei ein Familienmensch und freue sich sehr auf ihr Baby. Ardern erklärt einem Reporter auf die Frage, wie es ihr ergangen sei, mit einem saloppen: "Ich bin schwanger, nicht arbeitsunfähig."

Sie betonen die Rolle ihrer Partner in der künftigen Kinderbetreuung. Denn eines muss klar sein: Kinder brauchen viel Zeit. Zeit, die dann im Beruf fehlt - und das geht fast immer zu Lasten der Karriere. Köstinger und Ardern beweisen aber, dass es nicht immer die Karriere der Frau sein muss, die leidet. Das macht Mut.

Was man bei all der Vorbildwirkung nicht vergessen darf: Weder Ardern noch Köstinger leben die Realität einer Durchschnittsfrau. Die neuseeländische Premierministerin verdient etwa 23.000 € im Monat, die österreichische Landwirtschaftsministerin 17.774,20 €. Geld, mit dem man im Zweifelsfall auch Nannys bezahlen kann, weibliche oder männliche. Um Betreuungsplätze und Öffnungszeiten von Kindertagesstätten muss sich wohl keine der beiden Frauen oder ihre Partner sorgen. In der Bevölkerung sieht das anders aus: Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Östereicherinnen liegt bei 20.706 €, in vielen Gemeinden gibt es keine ganztägige Kinderbetreuung. Das ist das eine.

Österreichs Väter sind karenzfaul

Das andere ist noch viel erdrückender: Österreichische Väter gehen immer noch kaum in Karenz. Von allen BezieherInnen des Kinderbetreuungsgeldes waren im Bezugszeitraum bis April 2017 österreichweit nur 19,40% Jungväter. Das heißt: Etwa jeder fünfte Vater eines zwischen 2013 und 2015 geborenen Kleinkindes blieb mindestens zwei Monate zu Hause bei seinem Kind, während die Mutter arbeiten ging. Der Anteil ist in den letzten Jahren immer ein bisschen gestiegen, prozentuell sehen die Zahlen eigentlich ganz gut aus.

Für viele Papas ist die Karenz aber mehr ein Zwischenspiel: Zwischen 2009 und 2012 waren nur 40% der Väter länger als ein halbes Jahr in Karenz. Mehr als ein Drittel entschied sich für eine Dauer zwischen drei und sechs Monaten. Die Länge der durchschnittlichen Väterkarenzdauer ist während des Beobachtungszeitraumes außerdem kontinuierlich gesunken, zeigt eine Statistik des Sozialministeriums 2014.

Um Vätern die Angst vorm Einkommensverlust zu nehmen, haben die ehemaligen Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek(SPÖ) und Familienstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) 2010 das einkommensabhängig Kinderbetreuungsgeld 12+2-Modell eingeführt und damit die beliebteste Variante für Karenzväter geschaffen. Laut des Väterbarometer 2016 der ehemaligen Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) wählten 30% dieses Modell, 29% entschieden sich für die reguläre 12+2 Variante. Für die anderen Modelle gilt: Je länger die Karenzdauer, desto geringer die Väterbeteiligung. Den Hauptteil der frühkindlichen Betreuung übernimmt weiterhin die Frau.

Die Monatsstatistiken zum Kinderbetreuungsgeld zeigt das ganz gut: Von den insgesamt 76.160 KinderbetreuungsgeldbezieherInnen waren nur 4.111 Männer. Das ist freilich nur eine Momentaufnahme: Weil Männer generell weniger lang in Karenz gehen, geben diese Monatsstatistiken nur bedingt Auskunft über den tatsächlichen Prozentsatz der Väter, die sich aktiv an der Karenz beteiligen. Die Ungleichheit in der Kinderbetreuung zeigen sie aber sehr wohl. Und das wirkt sich ohne große Umschweife auf die Erwerbstätigkeit von Frauen aus. Frauen sind weniger oft erwerbstätig, und wenn doch, dann arbeiten sie eher in Teilzeit. 2015 waren 78,4 Prozent der berufstätigen Mütter mit einem weniger als drei Jahre altem Kind unter drei Jahren teilzeitbeschäftigt, aber nur 8,0 Prozent der Väter. Bei Müttern mit Kindern zwischen dem 6. und 15. Lebensjahr liegt die Teilzeitquote immer noch bei 69,2 Prozent, die der Väter bei 5,3 Prozent.

Das Fragezeichen bei "Papa mit Kind zuhause?"

Gleichberechtige Modelle der Kinderbetreuung sind in Österreich immer noch ein Kuriosum. Ein neuer Imagefilm der Universitäten im Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsministerium soll das ändern - zumindest im universitären Umfeld. "Papa mit Kind zuhause?" setzt sich mit der Vereinbarkeit von Beruf bzw. Studium und Kinderbetreuung an Universitäten aus Sicht der Väter auseinander. Er soll Universitäten als Arbeitgeber und Bildungsanbieter dazu anregen, positive Anreize zu setzen und den potentiellen Vätern die Karenzzeit schmackhaft machen.

Eine Umgewöhnung sei es schon, erzählen die Väter. Aber dafür sei die Zeit mit den Kindern auch sehr erfüllend. Die Erzählerstimme beruhigt außerdem: Eine Auszeit kann auch einen Mehrwert für den Beruf darstellen. Ein Rundum-Paket zum Persönlichkeitswachstum für die Väter also. "Sollte es nicht in erster Linie Ziel sein, dass Väter ihren Beitrag leisten, um die Situation von Müttern zu verbessern?", fragt die Bloggerin aufZehenspitzenund kritisiert die Wohlfühlathmosphäre des Videos. Dass sich Väter an der Erziehung und Betreuung ihrer eigenen Kinder beteiligen sei keine Leistung, sondern schlicht ihr Job.

Ein Vater im sechsminütigen Imagefilm gibt immerhin zu: Die Karenz hat seine Karriere beeinflusst. Noch heute bekomme er zu hören, dass er mehr an seiner internationalen Sichtbarkeit arbeiten müsse. "Das ist ein Preis, den man zahlen muss. Das muss man vorher wissen, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann", sagt der Universitätsprofessor und zeichnet damit ein überraschend reales Bild der Elternschaft.

Die Karenz ist für Väter mehr Möglichkeit als Pflicht

Im Gegensatz zu Müttern wird Vätern die Kinderbetreuungszeit als Option verkauft, fast schon als Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung. Etwaige Nachteile werden in Imagekampagnen gerne verschwiegen. Und tatsächlich schadet die Karenz den Karrieren der Väter weitaus weniger als denen der Mütter. Die Arbeiterkammer machte mit der dritten Auflage des Wiedereinstiegsmonitoring gerade erst darauf aufmerksam, dass insbesondere Frauen nach der Babypause oft starke Einkommenseinbußen hinnehmen müssten. Die Hälfte der Frauen, die 2010 ein Baby bekamen, hatten vor der Geburt ein Bruttoeinkommen von mindestens 2.000 €. Im 5. Jahr nach der Geburt kamen nur mehr 31 Prozent auf diese Summe. Auf Männer trifft das nicht zu - auch, weil sie sich an der Kinderbetreuung noch nicht gleichberechtigt beteiligen.

Das Regierungsprogramm der türkis-blauen Koalition erkennt die Leistungen der Frauen in "Erziehung, Pflege, Bildung, Wirtschaft, Umwelt oder in ehrenamtlichen Tätigkeiten" an, in dieser Reihenfolge. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (ebenfalls in dieser Reihenfolge) ist der zweite von fünf Kernpunkten der türkis-blauen Frauenpolitik. Als Maßnahme dazu sollen etwa die Schulferienregelung geändert werden und der "Informationsaustausch zwischen Betrieben und karenzierten Mitarbeitern" gefördert werden. Die Regierung verspricht außerdem "flexiblere Öffnungszeiten der Kinderbetreuung, ein Ausbau der qualitativen schulischen Nachmittagsbetreuung und eine Ausweitung der professionellen Ferienbetreuung". Und es soll künftig leichter sein, eine Au-Pair-Kraft anzustellen - eine Maßnahme, die die Masse der ÖsterreicherInnen wohl nicht betreffen wird.

Man wird sehen, ob die Regierung liefern kann, was sie verspricht. Auf Landesebene hat die oberösterreichische Koalition aus ÖVP und FPÖ erst im Oktober den Gratiskindergarten am Nachmittag abgeschafft. Wünschenswert wäre eine tatsächlich bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen jedenfalls - unabhängig vom modernen und gleichberechtigten Familienleben der Nachhaltigkeitsministerin.

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