Polarrot

Dieser Mann liebt es, seine Protagonisten in schwierige Situationen zu schicken: Ging es in seinem Roman Keller fehlt ein Wort um einen Kommunikationstrainer mit Sprachverlust, widmet sich der Schweizer Patrick Tschan in Polarrot nun einem Vertreter, der gesellschaftlich unbedingt nach oben will – und dafür sogar mit den Nationalsozialisten kooperiert.

Jack „Köbi" Breiter heißt der Kerl, der 1929 nur ein Ziel vor Augen hat: dazugehören, wozu er, der Bergbauernsohn, qua Geburt nicht gehört. Er will Geld, er will Statussymbole, er will nach oben. Sein erster Versuch als Heiratsschwindler - ausgerechnet an seinem Arbeitsplatz, einem edlen Hotel - fliegt allerdings auf und führt zur Entlassung. Also muss sich Breiter etwas Neues einfallen lassen. Er wechselt Ort und Berufssparte. Und dabei zeigt sich: Die Bauernschläue gehört zu seinen bedeutendsten Eigenschaften.

Macht ihn das sympathisch? Nein. Dennoch entwickelt man im Verlauf der Geschichte geradezu Mitleid mit ihm. Man drückt ihm später seltsamerweise sogar die Daumen dafür, dass er weiterhin wie eine Katze stets auf die Füße fällt.

Um jeden Preis. Für Geld ist Jack Breiter bereit, jeden Weg zu gehen. Als Handelsvertreter verkauft er bald nach Deutschland die Farbe Polarrot, die die Nationalsozialisten für ihre Hakenkreuzfahnen verwenden. Dann verliebt er sich in eine Halbjüdin, die ihn angesichts des NS-Terrors im Nachbarland um einen riskanten Deal bittet. Der - das darf verraten werden - geht böse aus für Jack. Erneut muss sich das Großmaul neu erfinden. Ironie der Geschichte: Dafür muss er zurück in jene Welt, die er so verachtet - die der Bauern.

Moralische Frage. Autor Tschan jagt seinen politisch unkorrekten Helden durch die Jahrzehnte. Weltwirtschaftskrise, Nazi-Zeit und Krieg dienen ihm dabei als Handlungsrahmen. Doch eigentlich geht es ihm nicht darum, von diesen Zeiten zu berichten.Im Mittelpunkt seines Erzählinteresses stehen dieses eine Individuum, sein Antrieb, seine Reaktionen, sein Schicksal. Am Ende des dialogreichen Romans bleiben moralische Frage offen: Steht Breiter nun auf der anderen, der guten Seite? Oder kann einer, der das Richtige nur des Profi ts wegen getan hat, kein guter Mensch sein? Entscheiden Sie selbst.

 

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