PMDS: Wenn der Zyklus zur Extremsituation wird

Viele Frauen leiden vor ihrer Periode an Stimmungsschwankungen oder Verspannungen. Seltener, weniger bekannt, dafür aber umso heftiger ist die Extremform von PMS. Bei der prämenstruellen dysphorischen Störung leben Betroffene jedes Monat tagelang in einem psychischen Ausnahmezustand.

Stimmungsschwankungen und Wassereinlagerungen, Heißhunger und ein Spannen in der Brust. PMS wird salopp immer noch als "Tage vor den Tagen" abgetan, gehört für viele Frauen aber zum Zyklus dazu. Und es geht noch schlimmer: Bei der schwersten Form des prämenstruellen Syndroms, der so genannten Prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) erleben betroffene Frauen nahezu eine Wesensveränderung. Sie sind reizbar, depressiv und teilweise hochaggressiv.

Psychische Extremsituation PMDS

"[Frauen verhalten] sich in dieser bestimmten Phase vollkommen anders als sonst, sodass man den Eindruck gewinnt, es handle sich um einen ganz anderen Menschen. Mit Beginn der Menstruation ist schlagartig wieder alles beim Alten," erklärt Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin im Standard. Das führt zu zwischenmenschlichen Konflikten - im Privatleben und im Job. Die sind auch meist der Grund, warum sich Frauen überhaupt in Behandlung begeben. Dennoch finden sie oft jahrelang keine Hilfe. Die Beschwerden werden als übliche Stimmungsschwankungen abgetan, oder als "Impulskontrollstörung" fehldiagnostiziert.

PMDS

Das hat System: Beschwerden um und mit der Periode sind eine Frauenkrankheit, die in der Medizin immer noch belächelt wird. PMS gilt generell als nicht behandlungsdürftig, die Extremform PMDS ist kaum bekannt. Wie auch: Die Störung taucht nicht in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation auf, dem wichtigsten Diagnoseklassifikationssystem der Medizin - ein Umstand, den die Gendermedizin schon lange kritisiert.

3 bis 8 Prozent der Frauen leiden an PMDS

Dabei leiden etwa drei Viertel aller Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter in der zweiten Zyklushälfte, also nach dem Eisprung, an körperlichen und/oder psychischen Symptomen. Sie sind müde, niedergeschlagen und gereizt, haben Spannungsschmerzen oder Wassereinlagerungen. Wie intensiv und wie breit gefächert diese Symptome sind, variiert von Frau zu Frau. Bei allen gilt aber: Sobald die Menstruation einsetzt, hören die Symptome schlagartig auf. Seltener ist die PMDS. Und es gibt ein bisschen Hoffnung: 2013 wurde PMDS als eigenständige affektive Störung im diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, dem DSM-5, aufgenommen. Das sollte die Diagnose Betroffener erleichtern. Zwischen drei und acht Prozent der Frauen erfüllen die strengen Diagnosekriterien: Die Symptome (hauptsächlich Reizbarkeit, Anspannung und Aggression) tauchen in mehreren aufeinanderfolgenden Zyklen auf, treten unabhängig von einer anderen psychiatrischen Erkrankung auf und sind so stark, dass sie das soziale Umfeld in der Familie oder im Job negativ beeinflussen.

Wie entstehen PMDS und PMS?

Bislang ist nicht klar, wie PMS in all seinen Varianten genau ensteht. Die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron spielen bei allen Varianten des PMS eine Rolle. Frauen, die diese Hormone nicht produzieren, leiden auch nicht an den Störungen - das gilt etwa für Frauen in der Menopause, nach einer operativen Entfernung der Eierstöcke oder während der Schwangerschaft. Allein an der Hormonkonzentration liegt es aber nicht - Studien zeigen, dass stark betroffene Frauen die selben Schwankungen aufweisen, wie Frauen ohne Symptome. Viele ForscherInnen gehen davon aus, dass Betroffene allerdings besonders sensibel auf die Hormonschwankungen während des Zyklus reagieren.

Serotonin? Hormone? Was tun bei PMDS

Die Lösung könnte im Hirn liegen: Die weiblichen Geschlechtshormone beeinflussen laut Studien vor allem den Neurotransmitter Serotonin. Der wirkt sich direkt auf die Stimmung aus - Serotonin dämpft Aggressionen und Angstzustände und sorgt für innere Ruhe und Zufriedenheit. Ein Mangel löst unter anderem Depressionen aus. Frauen mit PMDS könnten Hormonsignale im Gehirn anders verarbeiten, anfälliger auf Schwankungen reagieren. Die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, mit denen Depressionen häufig behandelt werden, hilft in einer geringeren Dosis auch Frauen mit PMDS. Hormone, etwa in Form von der Pille oder einer Hormonspirale, können manchen Frauen ebenfalls Linderung verschaffen.

PMDS muss ernst genommen werden

"GynäkologInnen befassen sich nicht mit psychischen Symptomen, und Psychiater kennen sich mit dem weiblichen Zyklus nicht aus", kritisiert Krüger. "Entsprechend verschreiben FrauenärztInnen keine Antidepressiva und PsychiaterInnen keine Hormone." Ein verbesserter, interdisziplinärer Behandlungsansatz könnte Abhilfe schaffen - und nicht nur Frauen mit verschiedenen Formen der PMS, sondern auch bei Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen helfen. Auch sie unterliegen der hormonellen Schwankung und verschlimmern sich oft in der zweiten Zyklushälfte. Bei jeder medizinischen Untersuchung von Frauen sollte demnach auch die hormonelle Situation betrachtet werden.

 

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