Plan B für die Familie

Wir gründen eine Familie und hoffen, es bleibt für immer so. Doch manchmal kommt es anders. Fünf Familien erzählen, wie sie sich neu aufgestellt haben, von Doppelresidenz- bis Nestmodell und Familien-WG.

bunte Luftballons mit aufgemalten, lachenden Gesichtern

Familie ist heute nicht mehr das, was sie mal war. Das lässt sich kaum noch leugnen. Die Scheidungsraten liegen – trotz konstant leichter Rückgänge – bei um die 40 Prozent; der Anteil der Alleinerziehenden liegt bei knapp 20 Prozent, also jede fünfte Familie. Etwa die Hälfte aller erstgeborenen Kinder wird heute von nicht verheirateten Eltern in die Welt gesetzt, Patchwork- und Regen­bogenfamilien sind Normalität – Familie ändert sich, Familie wird neu. Trotzdem wissen wir noch nicht so genau, wo die Reise eigentlich hingeht. Eines scheint aber klar: Das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell ist längst nicht mehr die einzige Art, Familie zu leben. Die WIENERIN hat mit fünf Familien über ihren Plan B gesprochen.

Das Nestmodell

Monika*, 41: "Die Kinder sind froh, dass sie nicht dauernd wechseln müssen, wie sie es bei anderen sehen."

Ich bin seit neun Jahren geschieden, wir haben vier Kinder. Das Haus, in dem wir leben, hat mein ehemaliger Mann geerbt. Die Kinder wohnen fix dort, wir beide wechseln uns ab. Das hat sich so entwickelt. In der Trennungszeit war das jüngste Kind noch sehr klein, und es wäre finanziell für mich nicht möglich gewesen, mit vier Kindern auszuziehen. Wir hatten eine einvernehmliche Scheidung, und ich habe ein Wohnrecht, bis das jüngste Kind 18 Jahre alt ist. Am Anfang war ich fast immer da und der Vater nur auf Besuch. Das hat sich schrittweise gesteigert, bis zu einem 50-50-Modell.

Ich bin Künstlerin und lebe in Österreich und im Ausland. Wir haben beide neue Partner, aber ich würde unser Leben nicht als Patchworkfamilie bezeichnen. Die neuen Partner kommen mal zu Besuch, aber sie fühlen sich nicht unbedingt als Teil der Familie. Wir haben immer darauf geachtet, dass wir Konflikte nicht über die Kinder gespielt haben. Ich glaube, es ist auch wichtig, zu respektieren, wenn der Ex-Partner andere Erziehungsvorlieben hat und die Dinge anders macht. Trotzdem ist auch Rücksicht wichtig. Wir haben uns am Anfang immer lange Übergabe­mails geschrieben, wie an einem Arbeitsplatz. Das wird aber weniger, je größer die Kinder werden. Dieses Leben ist schon anstrengend, aber es ist auch toll. Die Kinder sind sehr froh, dass sie nicht dauernd wechseln müssen, wie sie es bei ­anderen Familien sehen.

Grauzone: Getrennt im selben Haushalt

Hannah*, 36: "Nach zwei Jahren Trennung wohnen wir nach wie vor zusammen. Wir sind ein gutes Team."

Ich hatte das Gefühl, dass wir uns im romantischen Sinne nichts mehr zu geben hatten. Auf einer platonischen Ebene liebe ich Roman* immer noch, aber auf der romantischen waren wir irgendwie fertig miteinander. Kurz vor meinem 34. und dem vierten Geburtstag unserer Tochter Marie* habe ich mich von ihm getrennt. Was ­folgte, war eine Phase, in der er alle Stufen der Trauer durchmachte und ich mich schuldig fühlte. Wir teilten uns weiterhin die Wohnung und mussten für Marie funktionieren. Irgendwann wurde ihm klar, dass er mir, auch wenn wir als Paar gescheitert sind, verzeihen will. Wir haben so viel, das uns ausmacht. Wir sind miteinander erwachsen geworden, unsere Leben sind miteinander verwoben, also warum sich aufgrund gesellschaftlicher Konventionen fertigmachen, wenn es anders auch geht? Es klingt seltsam, aber ohne ihn hätte ich die Trennung wahrscheinlich nicht geschafft. Wir haben uns gegenseitig durchbegleitet.

Jetzt, nach zwei Jahren, wohnen wir nach wie vor zusammen, teilen uns die Wochentage 50:50 auf. Roman hat seit eineinhalb Jahren eine Freundin, Linda *, und das klappt gut. Ich mag sie selbst gerne. Es ist ein Glück, dass sie die Situation so akzeptiert. Für unsere Tochter war es anfangs schwierig. In der Zeit hat mir eine Kinderpsychologin sehr geholfen. Jetzt hat sie es ganz gut überwunden. Irgendwann werden wir uns wohl auch räumlich trennen, aber wir erzwingen es nicht. Wir sind ein gutes Team.

Doppelresidenzmodell

Anita*, 54: "In erster Linie muss man als Eltern funktionieren und die Paarbeziehung außen vor lassen."

Ganz zu Beginn war es kurz noch eine Überlegung, dem Kind zuliebe zusammenzubleiben – Max* war doch erst im Volksschulalter. Aber es war schnell klar: Das ist in keinster Weise möglich, mein Ex-Partner hatte sich für das Leben mit einer anderen Frau entschieden und wir würden getrennte ­Wohnsitze haben müssen. Die Kommunikation zwischen uns Eltern war nicht ideal. Es gab keine Diskussionskultur, die es uns möglich gemacht hätte, offen über das beste Modell für unser Kind zu sprechen. Daher war das unausgesprochene Ergebnis, dass wir uns alles so gut wie möglich aufteilen, und Max die Möglichkeit hat, zu gleichen Teilen bei seinem Vater und bei mir zu sein. Genauso auch mit den Feiertagen: ein Jahr bei Mama, ein Jahr bei Papa.
Rückblickend merke ich noch deutlicher, wie viel durch die schlechte Kommunikation von uns Eltern an Max hängen geblieben ist. Er war oft Nachrichtenüberbringer, fast schon Mediator, und hatte gleichzeitig eine irrsinnige logistische Herausforderung, weil er quasi aus dem Koffer lebte und ständig checken musste: Was brauche ich, wenn ich morgen nach der Schule zum Papa fahre? Habe ich für den übernächsten Tag alles dabei? Einerseits ­hatte Max so zwei Zuhause, das Modell bot ihm Halt und Orientierung – aber die Umsetzung hätte nicht so nervenzehrend, unruhig und stressig sein sollen. Wenn die Kommunikation funktioniert, kann man so ein Modell bestimmt gut leben. Wir hätten uns viel mehr als Paar herausnehmen und die Elternrolle mehr in den Vordergrund rücken müssen.
Mittlerweile ist Max 24, und schön langsam scheint sich die Kommunikation zwischen uns Elternteilen zu bessern. Nach 15 Jahren haben wir jetzt langsam wieder Kontakt aufgenommen. Wie sagt man so schön? Besser spät als nie!

35 Jahre offene Beziehung

Ulrike*, 60: "Manchmal hat es weh getan, aber man ist zumindest offen und ehrlich damit umgegangen."

Hochzeit, Reihenhaus, erstes Kind: Wir waren eine Bilderbuchfamilie – und hatten eine Öffnung der Beziehung lange nicht auf dem Radar. Wir sind da reingerutscht. Es gab mal hier, mal da ­Seitensprünge, und nach einem Kind trennt man sich nicht von heute auf morgen. Wir haben dann gemeinsam viel hinterfragt: Ist der Mensch für Monogamie gemacht? Muss man treu sein? Sollen wir die Beziehung öffnen? Auf manches habe ich bis heute keine Antworten, aber die letzte Frage beantworteten wir mit Ja.

Meine Devise war immer: Hauptsache darüber reden. Natürlich hat das manchmal wehgetan, wenn der Partner gerade außereheliche Beziehungen hatte und ich nicht – aber wären die Gspusis heimlich gewesen, wär’s noch belastender gewesen. So hatten wir eine ehrliche Basis und ein zweites Kind. Auch den Kindern gegenüber haben wir offen kommuniziert. Mein Ex-Partner und ich hatten 35 Jahre lang eine funktionierende Ehe. Am Ende kamen für uns beide andere Partner*innen, die mehr als nur außereheliche Gspusis waren. Ob das alles g’scheit war? Puh. Es war für uns eine Lösung, um als Familie zusammenzubleiben. Ob es für die Beziehung langfristig funktionieren kann, ist eine andere Frage.

Mit Kind in der WG

Marlene*, 30: "Wir sind eine Mischung aus Wohngemeinschaft und Familie. Schon familiär, aber loser."

Ich bin in eine WG gezogen, als ich mich vom Papa von Laura* getrennt habe. Da war sie gerade drei, heute ist sie sieben. Für mich war wichtig, dass ich nicht alleine wohne. Es war vorher schon geplant, vom Land nach Wien zu ziehen, weil es mit Kind, Studium und Arbeit leichter zu vereinbaren ist in Wien. Ich bin dann erst mit meiner Schwester und einer Freundin zusammengezogen. Wir sind später umgezogen in eine größere Wohnung, in der wir jetzt leben. Wir sind sieben Erwachsene und zwei Kinder – eine zweite Mama mit Kind ist bei uns eingezogen. Die Erwachsenen sind zwischen 23 und 40, manche studieren, andere arbeiten. Ich habe mittlerweile einen neuen Partner, der auch bei uns wohnt.

DorfCharakter. Man sagt ja, eigentlich braucht man ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, und ein bisschen ist es so bei uns. Natürlich sind die Eltern für die Kinder zuständig, aber trotzdem kümmern sich alle so ein bisschen um sie. Ich glaube auch, dass es der Laura in der Trennungssituation geholfen hat, dass sie nicht nur mit mir reden konnte. Auch jetzt kann sie sich in der WG immer Leute aussuchen, wenn sie etwas braucht oder auch mal über mich motzen muss.
Das WG-Leben hat einige Vorteile. Mir ist es etwa wichtig, dass es ordentliches Essen gibt. Und es ist toll, dass man es relativ problemlos schafft, dass immer jemand kocht und dann alle mitessen können. Das Zusammenleben hat einen ganz anderen Charakter, als wenn man nur zu zweit mit einem Kind wohnt. Man kann sich leichter mal einen Abend frei machen, um z. B. eine Freundin zu treffen. Ein bisschen schwierig ist, dass man erst mal zusammen wohnen muss, um ­herauszufinden, ob es längerfristig passt. Das ist dann immer wieder so ein Sich-auf-was-Einstellen und auch Beziehungsarbeit. Wenn Kinder in der WG leben, braucht man auch klare Regeln, etwa was Besuch am Abend betrifft. Ich bin froh, dass ich so lebe. Ich würde das eigentlich nicht nur Alleinerziehenden weiterempfehlen, sondern ich finde es auch schön, mit Partner und Kind nicht nur alleine zu wohnen, sondern einen Verbund zu haben. Wir sind eine Mischung aus WG und Familie. Schon familiär, aber loser als eine klassische Familie.

 

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