Pilgern zum Ich

Wer pilgert, ist auf der Suche nach einer besonderen Erfahrung. Fast jeder Wanderer findet sie auch. Oder besser: es. Denn am Ende des Weges wartet oft ein neues „Ich“.

Wer pilgert, ist auf der Suche nach einer besonderen Erfahrung. Fast jeder Wanderer findet sie auch. Oder besser: es. Denn am Ende des Weges wartet oft ein neues „Ich“. Die WIENERIN beleuchtet die psychologischen, körperlichen und biochemischen Hintergründe dieser Veränderung.

Text Natalie Weber Fotos Ty Allison/Getty Images

Dieser schmale, staubige Weg hier soll also etwas mit mir machen. Da muss er sich aber anstrengen, der Weg. Vor Jahren schon bin ich nämlich aus der Kirche ausgetreten. Und Spazierengehen konnte ich auch noch nie ausstehen. Nicht, dass ich meine Füße ungern benutze. Doch dann stecken sie in Turnschuhen, nicht in Wanderstiefeln. Laufen über eine Aschenbahn, nicht über einen Trampelpfad. Und verändern meine Fettverbrennung, nicht meine Persönlichkeit. In der Gegend he­rumzulatschen, ohne Eile, Ziel und Sinn – das hat mich immer schon nervös gemacht. Nicht sofort, aber nach spätestens zwanzig Minuten. Dann ist mir noch immer etwas eingefallen, was ich mit der verlaufenen Zeit besser hätte anfangen können. Wollen. Müssen. Und ich bin schleunigst wieder zurückgekehrt in meine ausgetretenen Pfade des Alltags.

Doch die soll ich, geht es nach der Psychologin meines Vertrauens, endlich verlassen. Wozu sie mich in monatelangen Therapiesitzungen nicht bewegen konnte, soll jetzt dieser Feldweg durch Sachsen bewerkstelligen, der – selbst noch still und kaum begangen – an die unter tausenden Wanderschuhen erzitternde Pilgerhauptroute nach Santiago de Compostela angeschlossen ist. „Ein positives Körpergefühl“ verspricht sich meine Therapeutin von ihm für mich, „humorvoll-gelassene Selbstdistanz“ und „ressourcenschonende Bewältigungsstrategien“ für meinen Alltag – so nach dem Motto: „Steinige Wege Schritt für Schritt bewältigen.“ Ich bin da ja, wie gesagt, skeptisch. Aber wie heißt es doch so schön: Nutzt’s nix, schad’s nix. Und billiger als eine Psychostunde ist das Pilgern allemal.

Ich laufe also los auf dem Seelen-Trimm-dich-Pfad. Schon nach wenigen Minuten verändert sich tatsächlich etwas. Nicht ich. Es ist die Landschaft. Hinter dem Stadtrand öffnet sie sich ganz langsam. ­Zebrastreifen werden zu Feldwegen, Laternenpfähle zu Bäumen, Verkehrslärm zu Stille. In der aufgehenden Sonne sehen die Wälder am Horizont aus wie ein achtlos in die Landschaft geworfener Mantel aus dunkelgrünem Samt. Zwischendrin kündigt eine einsame Kirchenspitze eine ferne Zivilisation an. Davor liegen wie ein schützender Damm sich sanft im Winde wiegende Weizenfelder, in ein, zwei Wochen reif zur Ernte. In meinem Kopf erklingen die ersten Takte von Fields of Gold. Nicht in der rauen Version von Sting. ­Sondern gesungen von Eva Cassidy – ganz warm, ganz weich, ganz Sopran. Schön ist das, denke ich. Schön ist das, wenn Musik aus dem Kopf kommt und nicht aus dem MP3-Player.

Einige Kilometer später fängt der Ton an, ein wenig zu leiern. Schön ist es zwar immer noch, aber auch langweilig. Mal kreuzt ein Feldhase den Weg vor mir, mal entlädt sich ein kurzer Schauer über dem weiten Land. Sonst aber passiert ... nichts. Das hält der Weg stundenlang durch. Im Gegensatz zu mir. Das Vor-mich-hin-Schweigen liegt mir nicht.

Als hätte der von mir verschmähte Himmel meine Stoßseufzer erhört, taucht am Horizont eine Gestalt in einer Soutane auf. Hätte nicht gedacht, mich einmal so sehr darüber zu freuen, einen Pfarrer zu treffen. Dankbar ergreife ich die Gelegenheit zum Gespräch. Er scheint dieses Bedürfnis zu verstehen: „Ein Pilger liefert sich aus, lässt alles los, was ihn sonst trägt, und ist so allein wie noch nie im Leben“, nickt er. Was ihn nicht davon abhält, mich an der nächsten Wegkreuzung zu verlassen. Zum Rosenkranz müsse er. Ob ich denn nicht mitkommen wolle? Hmmh, sage ich. „Vielleicht auf dem Rückweg“, nickt er wieder. Schon ist er hinter dem nächsten Hügel verschwunden.

(...)


Banale und weniger banale Gefühlsregungen – lesen Sie mehr über die Erfahrungen einer Pilgerreise in der März-WIENERIN. Plus: psychische und physische Auswirkungen des Wanderns.

 

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