Penis-Party Pop-Musik: Wo sind die Frauen in der Musikszene?

Wir haben Festivals besucht und auf Line-ups nach weiblichen Acts gesucht - oft vergeblich, denn im Kern ist die Musikindustrie leider immer noch ein Boys' Club. Warum ist das so und wie werden Musikerinnen sichtbarer?

Mann in String-Badeanzug auf einem Musikfestival

"All the ladies say 'Ey!', all the boys say 'Oh!'", fordern The Chainsmokers ihr Publikum auf. Die Stimmungsmache funktioniert: Ein "Ey" geht durch die Reihen vor der Main Stage, dicht gefolgt von einem etwas tieferen, aber etwa gleich lauten "Oh". Das Geschlechterverhältnis hier am Balaton Sound Festival scheint ausgeglichen - allerdings nur in puncto BesucherInnen, weniger beim Line-up: Je größer die Schrift auf dem Plakat, desto eher ist der Name männlich. Aber auch in kleineren Schriften sucht man weibliche Künstler fast vergeblich. Insgesamt über 300 internationale Acts holt das Balaton Sound an den Plattensee, die Anzahl der weiblichen Musiker ist nicht einmal zweistellig.

Das ungarische Festival ist damit kein Einzelfall: Beim Nova Rock vergangenes Jahr lag der Frauenanteil bei mickrigen 3,8 Prozent. Die Musikwebseite Pitchfork hat 2018 den Frauenanteil auf den 20 größten Festivals erhoben: Im Schnitt sind nur 19 Prozent der gebuchten Acts weiblich.

Dabei ist man verleitet zu denken: Rihanna, Lizzo, Beyoncé, Taylor Swift,Miley Cyrus - der Pophimmel ist doch voll mit weiblichen Stars! Aber der Schein trügt, diese großen Markennamen täuschen über sexistische Strukturen im Musik-Business hinweg. Warum ist das so? Und vor allem: Muss das so sein?

Frauen in der Popmusik: Mit etablierten Strukturen brechen

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen gestaltet sich schwierig: Möchte man mit Veranstaltern großer Festivals ein Interview zum Thema Geschlechtergleichheit führen, werden Gesprächsanfragen abgelehnt oder mehrmals verschoben, sodass sie bis heute nicht stattgefunden haben. "Das ist halt so, weil es bei diesen Festivals oft in keinster Form um Musikkultur geht, sondern einfach nur um ein funktionierendes Event, das sich in Zahlen niederschlägt. Ich nehme an, dass die alle mit irgendwelchen Booking-Agenturen verbandelt sind, die die Touren für die großen 30 Bands, die auf allen 30 Festivals spielen, buchen", bewertet Musikkuratorin, Kulturmanagerin und Aktivistin Marlene Engel die Situation. Als Kuratorin für erfolgreiche Formate wie das Hyperreality im Rahmen der Wiener Festwochen zeigt sie, dass es auch anders geht: "Man muss Diversität etablieren, auch vermarkten und mit Strukturen brechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei diverseren Line-ups einen finanziellen Schaden gibt."

Randgruppe Frau? Diversität im Sinne von Ethnien und Hautfarben gelingt laut einer Analyse der New York Times in der Musikbranche schon ganz gut -nur mit dieser "Randgruppe Frau" scheint sich die Musikindustrie schwerzutun. "Das Problem sind ja nicht nur die Line-ups, sondern sicherlich auch das System dahinter", erklärt Marlene Engel und spricht damit von den meist männlichen Fädenziehern im Hintergrund. Vor allem auch bei ihnen sieht die Kuratorin eine gesellschaftspolitische Verantwortung: "Ich kann als Booking-Agentur schauen, dass nicht immer dieselben fünf Leute präsentiert werden und nicht immer dieselben zehn Bands mit denselben Hawaran spielen. Ich kann mich um Chancengleichheit und gleiche Bezahlung für Female Acts bemühen. Man kann viel tun, um ein normalisiertes Bild zu schaffen, denn: Wenn man nie eine weibliche Band sieht, wer stellt sie sich dann vor?"

Wo Frau draufsteht, ist Mann drin

Wirft man einen Blick hinter die Kulissen, wird es nicht besser: Produzenten und Songwriter sind noch häufiger männlich als die Personen auf der Bühne. Es ist nicht per se schlecht, wenn in manchen Branchen mehr Männer als Frauen arbeiten. Problematisch ist es dann, wenn Frauen von Rollenzuschreibungen eingeschränkt werden. Lösungsansätze gäbe es: Ausbildungen speziell für Frauen, Aufklärung rund um Geschlechtergleichheit während des Musikstudiums, Bildung von Frauennetzwerken. Vor allem aber muss das System verändert werden: "Die Stadt Wien hat sich da in den letzten zwei Jahren sehr bemüht", findet Engel. Die "Sichtbarmachung von Leistungen von Frauen im Kulturbetrieb" sowie die "Gleichstellung der Geschlechter" seien "ein erklärtes Ziel der Wiener Stadtregierung", schreibt die Stadt Wien Kultur. Das macht sich durch gezielte Förderschienen und Genderbudgeting bemerkbar. "Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Männer nach wie vor in Bereichen mit hoher Budgetverantwortung und höherem Prestige dominieren", so die Stadt Wien Kultur. Frauen stehen immer noch in der zweiten Reihe.

Warum es Quoten braucht, um das System zu brechen

Positivbeispiele gibt es: International ist das Primavera Festival in Barcelona Vorreiter in Sachen Geschlechtergleichheit, in Österreich zeigten die Kuratorinnen Mira Lu Kovacs und Yasmo mit dem Popfest heuer erneut, dass es anders geht. "Ich glaube, Sichtbarkeit respektive die Unsichtbarkeit von Frauen in der Musikbranche ist ein Thema, das man nicht länger ignorieren kann", findet auch Künstlerin Lylit, die als Act für das Popfest gebucht wurde. "Die beiden Kuratorinnen machen viele Frauen sichtbar. Und da geht es nicht um 'pity invites', sondern das sind Frauen, die schon lange im Business sind und super Sachen machen, es aber schwerer haben als Männer. Jetzt kriegen wir endlich die Bühne, die uns genau genommen eigentlich schon immer zusteht", betont Lylit. Schließlich spricht die Bandleaderin aus Erfahrung: "Ich wollte nie nur die Sängerin sein, ich wollte das Schiff steuern. Als Frau musst du irrsinnig hart arbeiten, damit dir diese Position anerkannt wird." Denn selbst wenn Frauen im Pop-Business sichtbar sind, sind es oft die normschönen Sängerinnen, die wieder nur auf ihr Äußeres reduziert werden. "Ich war in Amerika unter Vertrag bei jemandem ganz Großen. Das Erste, das er mir gesagt hat, war:'If you wanna make it in this industry, you need to slim down'", erinnert sie sich. Um diese patriarchalen Strukturen zu brechen, braucht es laut Lylit unbedingt Quoten. Und Zusammenhalt: "Weil uns in der Geschichte so wenige Positionen zuerkannt worden sind, haben wir verlernt, dass wir als Gruppe stärker sind. Aber wenn wir so weitermachen wie aktuell, wird es das Patriarchat nicht mehr lange geben", ist sie überzeugt und muss schmunzeln. Auch Kuratorin Marlene Engel glaubt an die Veränderung: "Wir sind ganz gut dabei", sagt sie trocken, aber - so ehrlich muss man die Situation sehen - sie fügt auch hinzu: "Ich glaube, vor der Gleichstellung müssen sich die Männer im Musik-Business noch nicht unmittelbar fürchten." Leider.

Seid's halt ein bissl lauter! Oder?

Am 17. November diskutiert die WIENERIN mit den Sängerinnen Lylit, Ina Regen und Yasmo sowie den Branchenkennerinnen und -expertinnen Lea Spiegl und Pinie Wang beim ersten WIENERIN #aufstand, ob und warum die Musikszene eine Penis-Party ist.

Alle Infos gibt's HIER.

 

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