The Penis Diaries: Sophie und das Speed Dating

"Warum immer ich?!" fragt sich unsere Kolumnistin nach ihrem ersten Mal beim Speed Dating. Ein Erfahrungsbericht von der Männer-Front.

Nach elf Jahren Beziehung und einer Trennung aus Liebe ist Sophie wieder Single. Und zwar mit Leib, Seele und Humor. An dieser Stelle schreibt sie regelmäßig über den Glauben an die große Liebe und die Frage: Na, wo ist er denn jetzt, der Eine?

Meine beste Freundin Karina erträgt mich mittlerweile nicht mehr. Auch wenn mein Hormonwallawalla sich schon langsam einigermaßen eingependelt hat und ich nur noch jedem dritten dicken Busfahrer ganz verrückt-entzückt hinterherschaue, hat sie zugegebenermaßen die letzten Wochen und Monate so einiges mit mir mitmachen müssen. Von zu Tode betrübt bis himmelhochjauchzend war ja alles vertreten, was das Gefühlsgenre zu bieten hat.

Als ich dann vor kurzem aufgrund meiner Umzugssache bei Ikea war und auf meinem Blog Vergleiche zwischen problemlos ineinander gestapelten Einrichtungsgegenständen mit sexy Männernamen (SKURAR) und echten Typen und ihrem Verhalten bei Dreiern gezogen hatte, war bei ihr einfach Schicht im Schacht. Vielleicht war’s aber auch der Post mit der Überlegung, mit einem Geist aus meinem Gruselkeller durchzubrennen. Man weiß es nicht.

Ein Wegweiser durch die Wiener Betten

Sie selbst ist ohnehin alles, aber sicher kein Kind von Traurigkeit, und nutzt die sozialen Netzwerke zu gern um sich ihre nächste Abendbespaßung zu sichern. Außerdem arbeitet sie seit neuestem auch an einer Art Wegweiser durch die Wiener Betten und hat (rein für die Wissenschaft, versteht sich) auch schon einige Versuchsobjekte dafür gewinnen können. Mittlerweile hat sie sogar einen inoffiziellen Forschungsaccount auf Facebook und Tinder erstellt, mit dem sie die Typen ködert. Und logisch haben die Herren der Schöpfung in Anbetracht dessen, was sie bei diesem Profil präsentiert bekommen, nicht wirklich ein Problem damit, sich für den vermeintlichen Dienst an der Menschheit herzugeben. Und ich gebe zu, wir haben bereits den ein oder anderen ziemlich amüsanten Abend damit verbracht, die Leistungen von Dragan („25cm-Superman beschnitten“), Erdal („Na, wo isser denn?!“), Michael „Analfetisch“ und wie sie nicht noch alle heißen, zu diskutieren.

Natürlich hat diese Art der Studie auch ansonsten durchaus ihre Daseinsberechtigung. Denn wenn du erstmal alt, grau, jahrelang ungevögelt und von allen verlassen in einem Altersheim sitzt, kannst du statt der üblichen Strickorgien einen ordentlichen Altweiberlesezirkel aus dem Boden stampfen und 50 Shades of Grey wäre endlich auch mal wortwörtlich umgesetzt.

Das erste Mal Speed Dating

Jedenfalls haben auch die sozialen Netzwerke anscheinend ihre Grenzen und irgendwann muss ja auch wieder mal Abwechslung her. Zu diesem Zweck und (angeblich VOR ALLEM) um mich endlich wieder – O-Ton – „auf Spur zu bringen“, hat sie uns beide zu einem Speed Dating in irgend so einem Hipster-Café im achten Bezirk angemeldet. Also so eine Veranstaltung, auf der in meiner Vorstellung „Herbert, 45, LKW-Fahrer, geschieden, drei Kinder, Halbglatze und Karohemdträger“ nach „Susi, 36, Assistentin der Geschäftsleitung, vollbusig, dauergeil und bestenfalls blind“ für das nächste Abenteuer im Swingerclub sucht. (Da spart Herbert, dieser Fuchs, sich nämlich gleich das vorherige Essen Gehen, weil Buffet.) Praktisch also GENAU mein Ding, wenn man wie ich eher Typus „Osteuropäer, 28 bis 38, Eloquenzweltmeister zwecks Verbal-Ping-Pong-Orgien, unverheiratet und mit viel Flair“ für die ganz, ganz große Liebe sucht. Whatever. Für Karina tu ich halt wie immer einfach alles.

Also war es ein paar Tage später dann soweit. Und ich dachte mir, dass WENN ich dieses „Happening“ schon über mich ergehen lassen muss, ich wenigstens ein bisschen Spaß dabei haben sollte und hab mich ordentlich in Schale geschmissen. Was mich in der Location erwartet hat, war dann doch jenseits jeder Vorstellungskraft. Aus Herbert dem LKW-Fahrer wurde Michele mit stummen E, 29, Veganer (was er mir gleich als allererstes reindrücken musste), aus der Halbglatze wurde ein Sidecut mit ordentlich Pomade drin und aus dem Karohemd wurde ein tief dekolletiertes Shirt, bei dem ich zwischendrin immer wieder voller Güte seine Hühnerbrust inklusive des verzweifelt in Szene gesetzten Brustbehaarungsflaums bewundern durfte. Logisch fehlte weder der obligatorische Hipsterbart noch die gezupften Augenbrauen. Als er dann auch noch anfing, von seiner Ex-Freundin zu erzählen und mir halb heulend die an ihm verbrochenen Gräueltaten schilderte, war einfach wirklich Schicht im Schacht. Mal ganz abgesehen von der Optik, ist eine vegane Lebensweise für mich ohnehin schon mal komplett ausgeschlossen. Nicht, weil ich diese Entscheidung nicht respektieren würde, SONDERN weil das aufgrund meiner Herkunft halt einfach nicht geht. Als Bayerin wirst du gnadenlos des Landes verwiesen, wenn du deinen Schweinsbraten nicht aufisst. Und wenn ich einen Mann mit nach Hause bringe, der mit halb sichtbaren Nippeln am Küchentisch meiner Oma sitzt und das liebevoll zubereitete Mahl verweigert, könnte ich genauso gut gleich den Freitod wählen. Da kann man sich die Art des Ablebens wenigstens noch selbst aussuchen. So ein Bolzenschuss vom mir nachjagenden Opa, weil die Oma wegen diesem Typen einen astreinen Herzinfarkt erlitten hat, ist nämlich sicher nicht die angenehmste Art zu sterben.

Warum immer ich?!

Und während ich noch mit vor Schreck aufgerissenen Augen und mit diesem herzerwärmenden Gedanken im Kopf da saß, klingelte GOTT SEI‘S GEDANKT auch schon diese Glocke, um mir den Nächsten anzukündigen. Er hieß Kemal, 38. Optisch schon mal nett. Bisschen zu klein für meinen Geschmack, aber geht ja nicht immer nur um Äußerlichkeiten. Leider war die erste Frage dann direkt, ob ich auch einen Seitensprung suchen würde oder ein Problem damit hätte, die Zweitfrau neben seiner Angetrauten und den sieben Kindern zu sein. Rein fürs Sexuelle versteht sich. Weil seine Frau nach den Geburten nicht mehr ganz so gut zu vögeln sei. (…!) Äh. Ja. Die Schimpftirade, die dieses „Prachtstück der Männlichkeit“ dann über sich ergehen lassen musste, erspar ich euch an der Stelle lieber. Ich glaube jedoch nicht, dass er jemals wieder Sex haben wird. EGAL mit wem.

Während ich noch mit offenem Mund und einem mittlerweile leicht krankhaften Dauerkopfschütteln mein Leben nicht mehr packte, lag meine Freundin schon selig knutschend und über beide Ohren grinsend mit dem Veranstalter dieser Horrorshow in einer Ecke. SO KLAR.

Aber gut. Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei dachte ich mir und schloss des Überraschungseffekts wegen, schon völlig dem mich erwartenden Schicksal ergeben, meine Augen und wartete á la „Herzblatt“ („Und hiiiiier ist iiiiiiihr Herzblatt!“ – ihr kennt das) auf die nächste Katastrophe: Robert, 29 und Anwalt in Papas Firma (die er bald übernehmen würde). Statt einem „Hallo“ wurde zuerst der Porscheschlüssel und das mit lila Scheinen prall gefüllte Portemonnaie TOTAL UNAUFFÄLLIG direkt vor meiner Nase platziert Es mag ja sein, dass das auf manche Frauen anziehend wirkt. Für mich ist das in Kombination mit aufgestelltem Polokragen und schmierigstem Möchtegern-Aufreißer-Grinsen allerdings schlimmer als ein Bikinizonen-Waxing. Als er dann auch noch anfing, in so einer Art „Memory“-Spielchen Fotos von seinem Haus, seinem Zweitauto und seinem Chalet in der Schweiz vor mir auszulegen, war bei mir einfach Ende. Mir drehte sich der Magen um. Statt mich allerdings erneut künstlich über Dinge aufzuregen, die meiner Meinung nach einfach gar nicht gehen, ließ ich diesmal lieber Taten sprechen. Bevor er also überhaupt wusste, wie ihm geschah, beugte ich mich extrem aufreizend zu ihm vor, flüsterte ihm mit meiner Telefonsexstimme ins Ohr, dass ich ganz, ganz schlimmen Durchfall hätte und rotzte, um das Ganze abzurunden, zum Abschied noch ein bisschen vor mich hin. Abschließend wischte ich mich dann mit seiner Krawatte ab und schwebte mit einem Augenzwinkern und dem obligatorischen Mittelfinger davon, riss meine Freundin von ihrem Typen los, klaute diese Speed Dating-Glocke und verließ fluchtartig das Etablissement des Grauens.

Dann back ich mir eben einen!

Und die Moral von der Geschicht‘? Speed Dating, das mag ich nicht. Aber angeblich gibt’s ja für jeden Topf einen Deckel. Und wenn nicht? Hey. Steht ja Weihnachten vor der Tür. Und statt Plätzchen back ich mir halt einfach meinen perfekten Mann. Die Backform dafür lag gestern, wie es der Zufall so will, liebevollst eingepackt vor meiner Tür. Mit einer Karte, auf der stand: „In weiser Voraussicht … K.“

Ich liebe meine Freunde.

to be continued..

Sophie Gotzmann alias „Mörderpuppe“ ist überzeugte Bandwurmsatzliebhaberin, mit einer Abneigung gegen korrekt gesetzte Kommata und lebt seit 2011 in ihrem über alles geliebten Exil in Wien. Seit Mitte diesen Jahres schreibt sie auf ihrem Blog „Mörderpuppe ungeschminkt - jetzt erst recht“ über alle möglichen und unmöglichen Erlebnisse einer wahnsinnig gut aussehenden und überhaupt nicht selbstverliebten Frau mit mindestens zwölf Persönlichkeiten, die ihr komplettes Leben, samt gut bezahltem Job und langjähriger Beziehung, über den Haufen geworfen hat, um das Glück zu finden. Trotz einer Vorliebe für Fäkalsprache und Riesenpenisse ist sie auf der Jagd nach dem Friedensnobelpreis. Ihre Mission, wie könnte es anders sein: der Weltfrieden.

 

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